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Das Kunstkollektiv Mieger

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Das Kunstkollektiv Mieger

geschrieben am 01.02.2018 11:33

Freies Theater, Psychedelischer Rock, Keramik und Vordenkerisches in einem kleinen Dorf im Südk.rnten der 1970er Jahre. Ein Magnet für Kunstinteressierte, der eine ganze Generation von Kulturschaffenden prägte.


„Vision“ heißt eine Platte der legendären österreichischen Rockband Hallucination Company aus dem Jahr 1982, deren Bandleader Ludwig „Wickerl“ Adam als graue Eminenz und Großmeister der modernen, heimischen Musikszene gilt. Falco, Hansi Lang, Harri Stojka, Andi Baum, Günther Mokesch und viele andere waren Mitglieder in seinem für den österreichischen Kulturbetrieb so prägenden Rock-Musiktheater.

Nach langen Nachmittagsspaziergängen durch den Schönbrunner Park genieße ich in einem der letzten gemütlichen und authentischen Altwiener Cafés die Gespräche mit Wickerl Adam und wir erinnern uns an jenen Ort, in dem ich meine Kindheit und Jugend verbringen durfte, wo Adam wilde Sessions improvisierte und u.a. mit Falco (auf der Gitarre!) eine Nacht lang Beatles Songs spielte.

In jenes kleine Dorf namens Mieger radelten im Jahr 1965 auf noch nicht asphaltierten Feldwegen die Klagenfurter Jung-Architekten Horst Brudermann und Klaus Holler. Sie machten Halt an einem kleinen Häuschen, wo der bereits als Bildhauer, Maler und Initiator der „Grünen Galerie“ bekannte Heinz Goll – zu diesem Zeitpunkt gab es bereits sein berühmtes „Wörtherseemandl“ – den beiden Radlern bei einer Flasche Hochprozentigem von seinen Visionen erzählte: In diesem einfachen Häuschen sollten freies Theater und Lesungen stattfinden, Musik und Keramik entstehen, Menschen aller Art Teil einer Kommune werden.

Die beiden jungen Architekten reisten für viele Jahre durch andere Kontinente, Goll setzte inzwischen sein visionäres Modell wie versprochen um: Die Käferkeusche wurde zu einem fixen Teil der Kärntner, österreichischen und auch internationalen Kunst- und Kulturszene. Bald fanden sich Literat*innen wie Christine Nöstlinger, Peter Turrini, Robert Gratzer, Josef K. Uhl oder Gert Jonke ein (wie seine liebe Mutter Hedy gerne während meinem privaten Musikunterricht erzählte), Bildende Künstler*innen wie Hans Bischoffshausen, Gerd Wucherer, Drago Druškovič, Werner Lössl, Christian Setz, Ewald Wolschner, Ulf Komposch, Berri Hackl, Philosoph*innen wie Manfred Moser oder die bereits genannten Musiker. Das Modell sollte etwa 35 Jahre währen.

Parallel dazu entstanden in nahe gelegenen Bauernhöfen vorerst das Musikkollektiv Mieger, als dessen „Motor“ der vielseitige Paul Rapnik galt und dem sich beispielsweise Norbert Eipeltauer (später Mitglied des „Tamburizza Orchesters“, der „Waves Again“, der „Bluesbreakers“ und der Band „Eipeltower“), Ernst Herrnstein oder Silvio Döcker anschlossen. Bald darauf entstand das Kunstkollektiv Mieger mit seiner Dependance „Kontaktofen“ bzw. etwas später „X-Art“ in der Klagenfurter Kumpfgasse, in dem musiziert und Kunsthandwerk betrieben wurde. Vor allem Makramee und Ton-Arbeiten, etwa von den hochbegabten Keramiker*innen Harri Kreutzer, Gerhild Tschachler, Michael Pust oder der späteren Universitätsprofessorin Ingrid Smolle. Ebenso wurde Schmuck, etwa von Herbert Setz, dem damals jüngsten Goldschmiedemeister Österreichs, oder der vielgereisten Roswitha Gradischnig hergestellt. Schließlich stieß aus Wien noch der charismatische Roman „Flo“ Pfleger dazu, der sich autodidaktisch zu einem hervorragenden Keramiker sowie Ofenbauer entwickelte und der alternativen Struktur bis zu seiner Auflösung in den 1990ern treu blieb.

Es fanden sich Menschen jeden Alters und verschiedenster Herkunft. Bürgerkinder, ehemalige Häftlinge und Kleinganov*innen, Akademiker*innen oder Arbeiter*innen in Einklang mit der einheimischen, bäuerlichen Gesellschaft und dazwischen tauchten auch neugierige Politiker auf. Heinz Goll baute in Caracas und Bogota ähnliche Projekte namens „Circulo Trece“ auf und integrierte einige der südamerikanischen Künstler*innen in die Kärntner Kollektive.

Prägend waren diese Kunst- und Musikkollektive allenfalls, Zeitzeug*innen erinnern gerne an kreative, interessante Stunden und Tage in Mieger, an die neuen Ideen, an die heftigen Diskussionen und den geistigen Austausch. Vielen Jungen wurde hier klar, dass sie den Weg des freien Künstlers einschlagen werden. Visionär und vorausdenkend waren die Projekte, es wurden bereits alternative Modelle und „grüne“ Themen – lange vor politischer Institutionalisierung – diskutiert und gelebt. Es gab Parallelen zu den damaligen alternativen Treffpunkten in Kalifornien.

Gegenwärtig entstehen vor allem wieder in der angelsächsischen Welt mit den „Transition-Bewegungen“ ähnliche Kommunen, die der neoliberalen Welt, den Großkonzernen trotzen und zu einer natürlichen Lebensweise – mit biologischem Anbau, Tauschhandel, direkter Kommunikation ohne die hochgepriesenen technischen Krücken – zurückkehren wollen. Vielleicht ist ein kleiner „Rückschritt“ doch nachhaltiger und direkte Kommunikation von Mensch zu Mensch doch fruchtbarer als das virtuelle Gegenmodell ...

Bernhard Brudermann
aufgewachsen in Mieger/Ebenthal, Studium der Romanistik
und Geschichte in Graz und Wien. Forscht über
interkulturelle Beziehungen Kärnten-Friaul-Slowenien
und über „vergessene“ Kulturschaffende. Dank dem
unvergesslichen Fabjan Hafner.

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