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Einspruch gegen die Wirklichkeit

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Einspruch gegen die Wirklichkeit

geschrieben am 01.02.2018 10:51

Ein BRÜCKE-Gespräch über den homo ludens, „schweres Blut“ sowie den Moment, wenn im Theater Dunkelheit herrscht ... mit Martin Kušej.


Zu den Voraussetzungen jeder Utopie zählt das Ungenügen an der Gegenwart. Wie vielleicht unserer Zeit überhaupt, fehlt dem derzeit erfolgreichsten Kärntner Theaterregisseur Martin Kušej nur die historische Unbefangenheit, um sich programmatisch an irgendwelche Zukunftsentwürfe klammern zu können. Denn „wirklich sehr exklusiv, weil ich ein Supporter der BRÜCKE bin“ gesteht er im folgenden Gespräch offenherzig, in welchem Ausmaß jede seiner Inszenierungen ein „trotziger Versuch ist, dem Status quo zu widersprechen“, wie sehr er auf ein Publikum hofft, das Lust auf die Infrage-Stellung der Wirklichkeit hat, und was für ihn „die wahre Leistung der Zivilisation“ ist.

Nach Wolfgang Gasser, dem 2007 verstorbenen großen „Professor Schuster“ in Thomas Bernhards „Heldenplatz“, ist Kušej binnen Kurzem der zweite gebürtige Wolfsberger, der an Österreichs größter Bühne, dem Burgtheater, eine prägende Rolle einnimmt. Diesmal, wohl als erster ehemaliger Handballer, ab September 2019 gleich in der Funktion des Direktors. Das hält ihn, der sich das Virus des Theaters als Kind bei den von seiner Mutter inszenierten dörflichen Krippenspielen eingefangen hat, nicht davon ab, am Ende des Gesprächs eine Strophe Kärntner Zukunftsmusik anzustimmen: „Ach, was Kärnten betrifft ...“. 

Michael Cerha: Lassen wir fürs Erste die Zukunft beiseite: Dieser Gesellschaft immer wieder neue Theaterproduktionen zu liefern, ist doch mit enormem Einsatz verbunden?

Martin Kušej: Ich brauche immer andere Menschen zum Gelingen dessen, was ich versuche zu erzählen. So ist es bei mir tatsächlich mit großem Aufwand verbunden. Im Grunde ist es aber immer ein Miraculum, dass und wie wahrhaftige Kunst entsteht. Für mich ist das die wahre Leistung der Zivilisation. Denn damit hat sich etwas entwickelt, das die Menschen jenseits von rationalen oder arterhaltenden Gründen weiterbringt.

Michael Cerha: Ich glaube, es war Peter Sloterdijk, bei dem ich einmal lesen musste, dass jede Kulturschöpfung ein gerütteltes Maß an Naivität voraussetzt. Sie vertraut ja auf ihre Rezeption und damit auf ein aufnahmefähiges Publikum, auf den Fortbestand der Kultur, wenn nicht der ganzen Menschheit.

Martin Kušej: Mein Kunstbegriff hat wenig mit Naivität zu tun und wäre vielmehr ein Zusammenspiel von komplexer Reflexion mit Instinkten und Sensibilität. Daraus ergibt sich ein unbegründbarer Drang, sich künstlerisch zu äußern. Ohne Kunst – davon bin ich fest überzeugt – wäre unser Leben nicht denkbar, und die Menschheit würde wegen einer rätselhaften Mangelerkrankung wieder verschwinden.

Michael Cerha: Angenommen, ich würde gerne Ihrer Idealvorstellung eines Theaterbesuchers entsprechen, wie müsste ich werden?

Martin Kušej: Theater verstehe ich immer als Zusammenspiel von Agieren und Reagieren, im Extremfall auch für nur einen Zuschauer. Idealerweise sollte der wissen, was das Thema ist; also den Text/das Stück kennen und so verstehen, auf welcher Ebene sich die Auseinandersetzung des Regisseurs und der Schauspieler damit ereignet. Das wäre aber schon „advanced“ ...
Im Grunde wünsche ich mir ein sensibles, erwartungsfrohes Publikum, das sich dem Moment hingibt, wenn im Theater plötzlich Dunkelheit herrscht und eine andere Form von Wirklichkeit hergestellt wird. Ja, so würde ich das simpel beschreiben. Lust auf „Infragestellung“ der Realität.

Michael Cerha: Gibt es einen hedonistischen Rest des Theaters, der auch dann noch bliebe, wenn es an den gesellschaftlichen Zuständen nichts mehr zu kritisieren gäbe? Anders gefragt: Würde sich in einer idealen Gesellschaft der Bedarf nach einem Theater erübrigen?

Martin Kušej: Theater muss ja bei weitem nicht immer nur kritisieren. Ich glaube schon an die Lust des Menschen am Spielen, an den „homo ludens“. Das betrifft übrigens auch den Bereich des Sports. Hier werden Emotionen freigesetzt, abgerufen, ausgelebt, für die im Alltagsleben kein Platz ist.

Michael Cerha: Aber Utopia existiert ja gar nicht, sozusagen per definitionem. Und realiter ist noch die Umsetzung jeder Utopie in Dogmatismus gescheitert bzw. die Utopie der Anarchisten hat die Wirklichkeit schon im Anlauf verfehlt. Utopie ist wohl eher so etwas wie die Karotte vor der Nase eines Pferdes, damit es rennt. Woher kommt diese Karotte eigentlich immer? Aus dem Lavant- oder dem Jauntal? Oder hatten Sie für München eine bayerische Karotte und liebäugeln für Wien schon mit einer besonders großen Karotte aus dem Marchfeld?

Martin Kušej: Ich kann nicht sagen, dass ich am Erreichen einer Utopie arbeite. Nein, dafür bin ich leider zu abgeklärt und zu pessimistisch aufgrund des von Ihnen beschriebenen immer wiederkehrenden Scheiterns. Trotzdem ist wohl jede Inszenierung ein trotziger Versuch, dem Status quo zu widersprechen. Gerade jetzt, wo sich die größte Annäherung an eine bessere, friedliche Gesellschaft der letzten Jahre pulverisiert, weil an der mächtigsten Position unserer Welt eine egomanische, irrationale Dumpfbacke steht. Und das scheint viele Parteien und Länder zu motivieren, ihre ganz eigenen Clowns an die Macht zu wählen – man fasst es nicht, wie einfach sich das Volk manipulieren lässt.
Angesichts dessen tue ich mir schwer, überhaupt über Utopien nachzudenken; es geht eher um Basis-Arbeit an Vernunft, Humanität, Demokratie.

Michael Cerha: Haben Sie eigentlich ein Verständnis für die Angst des Tormanns beim Siebenmeter? Man ahnt das Unglück voraus. Auch George Orwells „1984“ war eine Utopie, eben eine negative. Viele Ihrer Produktionen wurden von der Öffentlichkeit als sehr schwerblütig wahrgenommen. Würden Sie sagen, dass Sie pessimistisch sind?

Martin Kušej: Kein Tormann hat Angst vor einem Elf- oder Sieben-Meter. Das ist ein rein literarisches Konstrukt. Die sind bis oben hin voll mit Adrenalin und können im eigentlich aussichtslosen Moment nur gewinnen. Genauso würde ich auch meine Regie-Arbeit beschreiben: nicht verzweifeln, sondern die Herausforderungen engagiert, glühend, kraftvoll angehen. Vielleicht braucht es dazu „schweres Blut“ – ja, das gefällt mir.

Michael Cerha: In der Liste der Stücke, die Sie inszeniert haben, gibt es, sieht man von Nestroys auch nicht so lustiger „Höllenangst“ ab, keine einzige Komödie, lauter schreckliche Themen. Haben Sie keinen Humor? Wenn man sich die Zukunft schon schöner ausmalt als die Gegenwart, hofft man doch, dass es dort endlich all das zu lachen gibt, was wir heute nicht zu lachen haben. Oder Sie nicht?

Martin Kušej: Nein, nein, ich habe schon einige Komödien inszeniert und weiß, dass ich durchaus Humor habe. Allerdings wissen wir, dass der beste Witz nur dann funktioniert, wenn er eine schwer existentielle Note hat. Also es muss eigentlich immer um so was wie um Leben oder Tod gehen. „Kommt ein Mann zum Arzt ...“ bedeutet doch schon im Ansatz „au weh – Katastrophe“...

Michael Cerha: Jetzt aber wirklich Zukunftsmusik. Die Politik klopft sich ja schon auf die Schulter, wenn sie nur Maßnahmen ergreift, um den Ist-Zustand zu erhalten, was dann auch noch schief geht. Aber zum Beispiel Wolfsberg oder Villach oder Klagenfurt, oder sagen wir Kärnten überhaupt, was könnten denn die sein in der Welt? Schön sein und in der Sonne liegen, Vorreiter beim Glyphosat-Verbot, und weiter?

Martin Kušej: Ach, was Kärnten betrifft ... ich glaube in den meisten Fällen würde es ausreichen zu sagen: „Einfach mal Hirn einschalten! Was haben wir gemacht und was ist dabei rausgekommen? Und wollen wir, dass es wieder so wird?“
Ich erlebe manchmal schon bei jungen Leuten so eine selbstgefällige, unkritische Dummheit, ein Beharren in der provinziellen Sturheit – und das untergräbt alle tollen und offenen Bemühungen von Kärntnerinnen und Kärntnern, ihr Land endlich genau da raus zu bringen. Denen möchte ich Mut machen!


Michael Cerha,
* 1953 in Vorarlberg, Autor, Dramaturg und Kulturjournalist.
Kärntner Kulturkorrespondent der Tageszeitung
„Der Standard“. Publizierte zuletzt u.a. die poetische
Textsammlung „documents“ und das Kinderbuch
„Albine“. Lebt seit 2010 in Damtschach.

Martin Kušej,
1961 in Wolfsberg geboren,
vielfach ausgezeichneter Theatermacher,
Bühnendenker, Bilderprovokateur und Regisseur.
Seit 2011 Intendant des Bayerischen
Staatsschauspiels München, seit 2013
Regieprofessor am Wiener Max Reinhardt
Seminar, designierter Burgtheaterdirektor
ab der Saison 2019/20.

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