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Werkstättengespräch „Journalismus mit scharf“

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Werkstättengespräch „Journalismus mit scharf“

geschrieben am 28.03.2018 13:27

Simon Kravagna, der Gründer des Multikulti-Magazins biber, über wunde Migrationspunkte, Befreiungsschläge und die Hoffnung, dass unsere Debatte um die „Willkommenskultur“ in 300 Jahren auch nur ein kleiner Wikipedia-Eintrag sein wird. 


Zu Beginn ein kleiner zoologischer Streifzug zu den Verhaltensweisen des Bibers: „Die Reviergrenzen werden mit dem sogenannten Bibergeil, einem öligen Sekret aus einer Drüse im Afterbereich, markiert und gegen Eindringlinge verteidigt.“ [Wikipedia] – Lassen sich Parallelen zu humanoiden Säugetieren herstellen? 

Nur die Österreicher*innen assoziieren „biber“ mit dem sympathischen Nagetier. Auf Türkisch steht „biber“ für „Pfefferoni, scharfe Paprika“ und im Serbokroatischen für „Pfeffer“ oder „etwas Scharfes“. Wir haben bei der Magazin-Gründung einen Namen gewählt, der in mehreren Zielgruppen funktioniert. Wenn ich aber in einem Artikel lese, dass Biber wieder die transsibirische Eisenbahn lahm gelegt haben, dann muss ich oft schmunzeln und denke mir: „Wow – was wir alles machen!“ 

Sind Multikulti-Gesellschaften in erster Linie eine anzustrebende Bereicherung oder eher das Ergebnis wahrgenommener, solidarischer Verantwortung? 

Migration bringt nicht nur Vielfalt und Bereicherung, sondern auch jede Menge an Konflikten und Problemen. Es gibt hier kein „gut“ oder „schlecht“. Die Frage ist, ob in einer Gesellschaft die Folgen von Flucht und Migration unterm Strich als bereichernd oder als belastend empfunden werden. In New York wird dies wohl anders gesehen als in anderen Städten der Welt. Ich lebe und erlebe mit unserem multiethnischen Team Migration klar als Bereicherung und wir machen gemeinsam etwas Innovatives im Medienbereich daraus. Ich billige aber Menschen zu, dies in ihrem jeweiligen Lebensumfeld auch anders zu sehen. Derzeit ist die skeptische bis abwehrende Haltung klar dominant. Die Mehrheit der Bevölkerung sieht vor allem Probleme und hohe Kosten. Das ist aber eigentlich nichts Neues. Selten wurden Einwanderungswellen nur positiv gesehen – auch nicht in klassischen Einwanderungsländern wie den USA. 

Als Bestandsaufnahme unserer <Willkommens>Kultur: Wenn ein Jemand aus dem Jahr 2318 auf unseren Breitengrad, auf unsere Zeit und ihre Migrations-Themen und Antithemen zurückblickt ... was könnte dieser Jemand wohl darüber sagen? 

Ich habe gerade nachgeschaut. Vor 300 Jahren, im Jahr 1718, wurde der Venezianisch-Österreichische Türkenkrieg beendet. Wer erinnert sich daran noch? In 300 Jahren wird unsere Debatte um die „Willkommenskultur“ auch nur ein kleiner Wikipedia-Eintrag sein. Aber wenn wir wahnsinnig viel Glück haben, dann hat sich die enorme globale Kluft zwischen Arm und Reich im Jahr 2318 völlig geschlossen, die Kriege sind auf der ganzen Welt beendet und Syrer*innen, Iraker*innen und Afghan*innen kommen mit viel Geld nach Kärnten, um am Nassfeld zu Snowboarden oder im Wörthersee zu planschen. Wir wiederum gehen friedlich am Hindukusch wandern oder genießen einen Çay in einer Bar in Damaskus. 

Mit dem biber haben Sie im raschelnden Wiener Blätterwald ein Pionierprojekt verwirklicht: Österreichs erstes Magazin mit einer jungen Multikulti-Redaktion, die über und aus den multiethnischen Gemeinschaften in unserem Land berichtet. Welche Aufgaben und Funktionen hat die Zeitschrift? Ist biber auch ein Integrationsprojekt? 

Wir selbst haben uns nie als Integrationsprojekt verstanden, sondern als neues Medienprojekt für „Neue Österreicher*innen“. Ich glaube, dies wird auch in der Medienbranche so gesehen. Tatsächlich leisten wir aber auch konkrete Integrationsarbeit weil wir nicht nur über die Welt schreiben, sondern diese auch verbessern wollen. Wir schicken etwa unsere Redakteur*innen viele Wochen im Jahr in Wiener Brennpunktschulen, um jungen Migrantenkids zu vermitteln, dass sie eine Zukunft in Österreich haben. Seit der Flüchtlingskrise geben wir auch mehrmonatige Qualifizierungskurse für Asylberechtigte aus dem Medien- und Kommunikationsbereich. 

Sie legen die nach den Innenverhältnissen suchenden Finger auf alle nur ertastbaren wunden Punkte, die wohl auch die wesentlichen sind: Das biber berichtet etwa im Reportageformat über eine Hadsch nach Mekka oder über eine ihr Kopftuch ablegende, lesbische Austro-Türkin, über den heimlichen „Abtreibungs-Tourismus“ zwischen Polen und Wien, über Sex im Islam und die „Sure der Leidenschaft“ und es war das erste Heft in Österreich, das eine Burkini-Trägerin auf dem Cover abgedruckt hat. – Dieser zutiefst gesellschaftspolitische „Journalismus mit scharf“ erklimmt die Scoville-Skala. Dieses Tabus und Bruchstellen der Gesellschaft ausloten und überwinden macht Sie auch zu einem Brückenbauer. Wo stoßen das biber und die journalistische Arbeit an Grenzen? 

Jetzt bin ich gerade klüger geworden, weil ich herausgefunden habe, dass die Scoville-Skala eine Skala zur Abschätzung der Schärfe von Früchten der Paprikapflanze ist. Danke BRÜCKE! 
Unsere Story „Sex im Islam: Die Sure der Leidenschaft“ hat uns nicht nur viel Lob, sondern auch den Einbau einer teuren Sicherheitstür eingebracht, weil wir ernsthaft von Salafist*innen und Islamist*innen bedroht wurden. Das war nicht wirklich angenehm. Es stellt sich nach solchen Erlebnissen schon die Frage, wie weit man journalistisch geht und welche Folgen man in Kauf nimmt. Grundsätzlich ist unser „Journalismus mit scharf“ aber sicher nicht durch kleine, radikalisierte Gruppen bedroht, sondern durch die turbokapitalistische Digitalisierung und Dominanz von Facebook, Google und Co, die immer mehr Werbegelder absorbieren und damit unsere ökonomische Basis unterlaufen. Also bitte: Unser „Zahl-soviel- du-willst-Abo“ bestellen!

Wer sind die interessantesten Kritiker*innen und was haben diese zu sagen? 

Momentan sind die Kritiker*innen eher leise. Ich glaube, dies hat damit zu tun, dass wir recht oft journalistische Preise gewinnen und vielleicht wirklich mehr echten Journalismus machen als früher. Früher waren wir lockerer aber sicher auch deutlich weniger reflektiert in Sprache und Covergestaltung. 

biber bemächtigt sich der Alltagssprach- Kulturen, reizt die Grenzen der politischen Korrektheit aus, wenn es z.B. über Tschuschen, Jugos und Kanaken schreibt ... womit wir auch bei der guten, alten Moral angekommen wären ... bei der richtigen und der falschen ... und ihren Apostel*innen – wie geht‘s Ihnen damit?

Wir haben Begriffe wie „Tschusch“ und „Jugos“ in der Gründer-Zeit von biber verwendet. Es war sozusagen die selbstbestimmte und selbstbewusste Rückeroberung von diskriminierenden Begriffen durch unsere Jung-Redakteur*innen und Autor*innen mit ex-jugoslawischem oder türkischem Background. Dafür haben wir viel Kritik einstecken müssen. Es war aber, glaube ich, eine wichtige Art von Befreiungsschlag, der mal Luft gemacht und rassistischen Begriffen ihre verletzende Wirkung genommen hat. 

Ertappen Sie sich selbst ab und an dabei, ein Vorurteil gegenüber „jemandem oder etwas Fremdem“ zu haben? 

Ja, das Problem ist ja, dass Vorurteile sich auch manchmal bewahrheiten. Ich möchte nur ein kleines Beispiel nennen: Wenn wir mit Kolleg*innen aus dem arabischen Raum arbeiten, dann wissen wir, dass diese ein anderes Gefühl von Deadlines, Zeit und Terminen haben. Meistens ist das jedenfalls so. Aber eben nicht immer. Und so habe ich es mir antrainiert, bei Treffen mit unseren syrischen Kolleg*innen automatisch 30 Minuten zu spät zu kommen, damit ich mich nicht ärgere, weil ich auf alle warten muss. Und was passiert? Die Kolleg*innen kommen extra 30 Minuten früher, weil sie ja wissen, dass die Österreicher*innen pünktlich sind. 

Wie herausfordernd ist es, den Mittelweg auszubalancieren zwischen diskriminierenden Brett-vorm-Kopf-Ideologien und der Kehrseite, auf der jede Kritik an anderen Kulturen, auch wenn diese Vollverschleierung und Genitalverstümmelung postulieren, rassistisch und rechts ist? 

Es ist sicher eine interessante Frage, wie universal Menschenrechte westlich- demokratischer Prägung sind. Klar ist aber, dass sie hier bei uns in Europa gelten und nicht kulturell relativierbar sind. Ich halte sogar das Burka-Verbot für symbolisch wichtig und das Verbot von Genitalverstümmelung sowieso. Die politische Linke hat in den letzten Jahren den Fehler gemacht, sich vor lauter Fokussierung auf Minderheiten und deren – oft durchaus berechtigte – Anliegen das große Bild aus den Augen zu verlieren und irgendwie das Gespür für viele Menschen zu verlieren. Jetzt müssen wir mit den Folgen leben: Die politische Rechte räumt fast in ganz Europa bei den Wahlen ab. Gleichzeitig gibt es auch Fortschritte: Offener Rassismus ist allgemein politisch geächtet. 

Dürfte die FPÖ ihre substanziellen Diskurse wie „Mehr Mut für unser Wiener Blut“ oder „Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe“ im biber inserieren? 

Je blöder der Spruch, desto teurer das Inserat. Allerdings wollte die FPÖ noch nie bei uns inserieren.

Was macht Migration mit unseren Lebenswelten? Was bringen die Menschen aus ihren Kulturen mit in unser Alltagsleben? Was hat bereits Selbstverständlichkeit, Akzeptanz und positive Emotion erlangt? Ich denke z.B. an Kebab-Läden, die zumeist nicht mehr als „fremd“ empfunden werden ... 

Unsere bosnischen Mitarbeiter*innen sind immer entsetzt, wenn die syrischen Kolleg*innen sie als „echte“ Österreicher*innen sehen. So schnell wird man von den Neuankömmlingen austrifiziert. Das ganz Fremde lässt das nicht ganz so Fremde plötzlich heimisch erscheinen. Wer weiß, wer nach den Syrer*innen oder Afghan*innen zu uns kommen wird? Die Einflüsse sind dann oft gar nicht mehr wirklich sichtbar, sie zählen plötzlich ganz selbstverständlich zur Alltagskultur. Trotzdem ist es immer legitim zu fragen: Bringt die kulturelle Vielfalt auch eine Bereicherung mit oder nur Konflikte? Gerade in Kärnten gibt es unglaublich viele zivilgesellschaftliche Initiativen, die um die Integration von Flüchtlingen kämpfen – auch in meinem Heimatort Krumpendorf. 

(Wie) Hat Sie Ihre Kärntner Herkunft geprägt? Offenbar sehr, weil es mich immer stört, wenn mein großer Sohn sagt, dass er Wiener ist. Aber natürlich, er ist ja in Wien aufgewachsen und macht nur Urlaub bei Freunden. 

Gabbi Hochsteiner 
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