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70er Jonke

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70er Jonke

geschrieben am 24.02.2016 17:53

„Das Vergessen kann in diesem Fall nicht möglich sein“ - Literarischer Heimatabend für Gert Jonke zum 70. Geburtstag

Elfriede Jelinek
70er Jonke


Ich habe in meinem kleinen Text, als Gert Jonke gestorben war, geschrieben: „Das Vergessen kann in diesem Fall nicht möglich sein“. Der Gert war ein Dichter, der vielen von uns in seinem Schreiben weit vorausgegangen ist, nur damit er überhaupt anfangen konnte, ohne auf andere zu schauen. Wir waren nicht wichtig für ihn, wichtig vielleicht schon, aber er hat keinen von uns gebraucht. Er hatte genug damit zu tun, seine Sprache zu bändigen, von der er immer zuviel hatte, im Sinn von mehr als genug. Für andre hätte es leicht genügt, aber er hatte eben mehr, er ist fast übergegangen davon. Aber jetzt bin ich mir, was das Vergessen betrifft, nicht mehr so sicher. Ich sehe, wenn ich mich nicht irre, kein Theater, das Gerts Stücke derzeit spielt. Und je mehr Zeit vergeht, je länger er unter seinen Augenlidern nicht mehr voraus- und auch nicht mehr zurückschauen kann, wobei ich mir nicht sicher bin, ob er nicht doch was sieht, denn wo so viel war, kann jetzt nicht nichts sein, während der Fluß seiner Sprache also nicht ausgetrocknet, aber gestockt ist, desto weniger sehe ich an den Orten sich abspielen, wo er einmal gespielt worden ist. Vielleicht haben die Bühnen Angst vor diesem Überfluß, der aber nie überflüssig sein kann. Er wird im Gegenteil immer mehr, tritt immer häufiger über die Ufer, je öfter man Jonkes Dichtungen liest. Aber sie bleiben dann sozusagen in einem drinnen, sie werden nicht herausgelassen, sie dürfen nicht mehr auf die Bühne. Sie sind draußen, werden aber nicht rausgelassen. Wenn ein Kleidersaum zu kurz ist, hat man ihn früher rausgelassen, ausgelassen. Heute macht das keiner mehr, weil alle immer was Neues wollen, vor allem die Theater. Aber etwas Neueres als Gert Jonkes Dichtungen gibt es nicht, und sie sind offenbar nicht mehr erhältlich, weil wir sie schon erhalten haben. Er hat sie auf seinem Weg in all seiner Großzügigkeit ausgestreut, aber diese Züge scheinen nicht mehr zu fahren, ich sehe sie nirgends auf dem Fahrplan. Dabei könnten sie uns einheizen, etwas zischt, ein ferner Klang ertönt, und los gehts. Es könnte losgehen, doch der Heizer schläft, und nur die Anheizer, die vor der eigentlichen Show auftreten, sind noch da. Danach folgt nichts. Aber folgsam war der Gert Jonke ja nie. Wer weiß, was kommt, es würde schon genügen, wenn das, was da ist, im Kommen wäre, dann könnten wir vielleicht wenigstens ein kleines Stück (oder mit einem kleinen Stück) nachkommen.

Eine eigens für den 6. Februar 2016 verfasste poetische Liebeserklärung von Elfriede Jelinek!

E.J.


Elfriede Jelinek, geb. 1946, schloss ihre Ausbildung an der Musikschule und am Wiener Konservatorium 1971 mit einem Organisten-Diplom ab. Sie ist eine österreichische Schriftstellerin, die in Wien und München lebt. Die zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen, die sie erhalten hat, gipfelten 2004 im Nobelpreis für Literatur, den sie für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen, erhielt.

Ihr Roman Neid ist im Lauf eines Jahres als Online-Text entstanden (über 900 Seiten), nachzulesen auf Jelineks Webseite. Damit setzte Elfriede Jelinek ihr „Todsündenprojekt“ fort, das sie 1998 mit Lust begonnen hatte, 2000 erschien als Teil zwei Gier.

Dramen und Essays zuletzt: Winterreise 2011, Rein Gold 2013, Burgtheater 2014, Die Schutz befohlenen bzw. Die Kontrakte des Kaufmanns (Zusätze 2014/2015).
www.elfriedejelinek.com

„Das Vergessen kann in diesem Fall nicht möglich sein“
Literarischer Heimatabend für Gert Jonke zum 70. Geburtstag


Novalis’ Postulat „Man muss schriftstellern wie komponieren“ entsprachen nur wenige Dichter so vollkommen wie Gert Jonke (1946 – 2009). Schon mit seinem 1969 erschienenen Erstling Geometrischer Heimatroman schrieb Jonke sich in die vorderste Reihe der zeitgenössischen Literatur. Ein streng komponiertes Buch, wie die darauf folgenden Prosatexte Glashausbesichtigung und Die Vermehrung der Leuchttürme. Aber spätestens seit dem Erscheinen der Schule der Geläufigkeit 1977 – im selben Jahr gewann er den Bachmannpreis, der damals zum ersten Mal ins Leben gerufen wurde (den 40. Tagen der deutschsprachigen Literatur kann man heuer übrigens ebenfalls zum Jubiläum gratulieren) – kommt der Musik jene überragende Funktion zu, die sich in den beiden dann weiter folgenden Romanen der Erzähltrilogie Der ferne Klang sowie Erwachen zum großen Schlafkrieg fortsetzt.

Mit seiner Beethoventheatersonate Sanftwut oder der Ohrenmaschinist kam Jonke erstmals groß auf das Theater, berühmte Stücke wie Chorphantasie, Redner rund um die Uhr sowie Die versunkene Kathedrale oder Freier Fall folgten (siehe auch Brücke 173-174, Seite 18 und 37).

Anlässlich seines siebzigsten Geburtstages am 8. Februar 2016 veranstaltet das Klagenfurter Ensemble in Kooperation mit dem Robert Musil-Institut der Alpen Adria Universität zwei Jonke- Abende, die seine „Empfindung von überlagerten wandernden Tonwolken und sich ballenden Klangnebeln“ auf der Bühne in der TheaterHalle 11 spürbar machen soll.

Karten für beide Veranstaltungen: per Mail
theater@klagenfurterensemble.at oder 0463/310300

6. Februar 2016, 19 Uhr, TheaterHalle 11: Unter dem Titel „Das Vergessen kann in diesem Fall nicht möglich sein“ werden Texte von und über Gert Jonke von Schriftstellern, Musikern und Schauspielern gelesen und interpretiert. Eigens für diesen Geburtstagsabend haben Elfriede Jelinek (siehe oben), Alois Hotschnig, Anna Baar und Christoph W. Bauer Jonke-Würdigungstexte geschrieben. Alfred Stingls Opus für Klavier und Saxophon wird gespielt und Antonio Fians von Dietmar Pickl vertontes Kärntner Lied Obe den Boch erstmals zu hören sein. Klaus Amann wird den Abend moderieren und Karen Asatrian musikalisch begleiten.

8. Februar 2016, 20 Uhr TheaterHalle 11: Seltsame Sache. Ein Melodram für Lorenzo da Ponte von Gert Jonke Österreichische Erstaufführung mit Alexander Mitterer.

W.H.



Gert Jonke, geb. am 8. Februar 1946 in Klagenfurt am Wörthersee, gestorben am 4. Januar 2009 in Wien, wo er in einem Ehrengrab am Zentralfriedhof beigesetzt ist. Nachdem er das Kärntner Landeskonservatorium in seiner Heimatstadt besuchte, studierte er ab 1966 Germanistik, Geschichte, Philosophie und Musikwissenschaft an der Universität Wien sowie an der Akademie für Film und Fernsehen. Er war ein Schriftsteller, der als Lyriker, Hörspielautor und Dramatiker, aber vor allem als Erzähler große Bekanntheit erlangte. Ausgezeichnet mit vielen Preisen (u. a. 1997 Erich- Fried-Preis, 1998 Berliner Literaturpreis, 2001 Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur, 2005 Kleist-Preis und dreimal der Nestroy-Theaterpreis).

In memoriam haben das Land Kärnten und die Stadt Klagenfurt 2010 einen Gert-Jonke-Literaturpreis gestiftet, der alle zwei Jahre vergeben wird.
www.gert-jonke-gesellschaft.at

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