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AUF.GE.WORFEN

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AUF.GE.WORFEN

geschrieben am 07.08.2015 08:45

Leute, das geht gar nicht! In der Rubrik AUF.GE.WORFEN äußert sich Karsten Krampitz zum Thema "Writer in Residence".

Leute, das geht gar nicht!

Farin Urlaub, Sänger der Band die Ärzte, sagte einmal in einem Interview: Nicht dazuzugehören ist ein tief empfundenes Gefühl von mir. In dem Satz steckt so viel Leben drin, so viel Literatur. Mir geht es ähnlich, und zwar ständig. Vielleicht gehört das Nichtdazugehören zum Dasein eines Künstlers, wobei ich zwischen Unterhaltungs- und Haltungskünstlern unterscheide. (Farin Urlaub ist beides mit Erfolg.) Das gegenteilige Gefühl kenne ich kaum, dieses: Sich-in-einer-Sache-Wiederzufinden und umgekehrt, dass sich gleichzeitig die Sache auch in dir wiederfindet. Nichtdazugehören empfinde ich fast als Normalzustand. So war das auch im Sommer 2010 in meiner Zeit als Klagenfurter Stadtschreiber. Doch von vorn…

Die Erfahrung einer vertrauten Fremdheit habe ich schon recht früh gemacht: Lehrerkinder bleiben nicht sitzen, ein Naturgesetz ist das. Und so kam ich mit zwölf Jahren auf ein Berliner Sonderschulinternat für die Kaputten, die Freaks, für die Krüppel eben. In meiner Klasse gab es alle möglichen Abweichungen und Deformationen, auch geistiger Art. War eine schöne Zeit, obwohl ich eigentlich nicht dort hingehörte. Ich habe eine leichte Knochenkrankheit, aber ich bin nicht behindert. Ich lebe mit multiplen Exostosen (gutartige Knochentumore), aber ich sitze nicht im Rollstuhl und bin auch kein Spastiker. Ich habe allenfalls ein kleines ästhetisches Problem, nicht mehr. In meinem Roman „Der Kaiser vom Knochenberg“ habe ich darüber geschrieben. Der empfundene Zustand des Nichtdazugehörens ist seither Teil meiner Identität: Vor der Wende im Herbst ’89 ging ich regelmäßig zur Jungen Gemeinde, obwohl ich nicht an Gott glaubte. Wie andere auch wusste ich den Freiraum, den die evangelische Kirche den Menschen bot, sehr zu schätzen. Ich war also in der Kirche, ohne in der Kirche zu sein. In den Neunzigerjahren war ich lange Zeit leitender Redakteur einer Obdachlosenzeitung, obwohl ich eine Wohnung hatte. Ich bin promovierter Historiker und gleichzeitig Mitglied der SED-Nachfolgepartei Die Linke. Es ergibt sich also oft, dass ich irgendwo dabei bin, ohne wirklich dazuzugehören. Ein Schriftsteller sollte Distanz zur Mehrheit halten, wenigstens innerlich, denn im Ernstfall kann man sich nicht auf die Mehrheit verlassen.

Nicht dazugehört habe ich auch beim Bachmann-Wettbewerb 2009: Jeder Schriftsteller, der daran teilnimmt, weiß, worauf er sich einlässt. Außerdem gab es schon immer Leute, die für die Literatur leben, die beim Schreiben ihrer Bücher einen hohen Preis zahlen (nach jedem meiner Romane war ich pleite, erschöpft und ausgebrannt), und Leute, die von der Literatur leben. Die Letzteren treffen sich einmal im Jahr am Wörthersee, beim alljährlichen Literaturbetriebsausflug. Und ganz nebenbei läuft da noch der „Bewerb“. Im Garten des ORF habe ich mich damals mit einem der angereisten Journalisten unterhalten. Nichts Bewegendes, worüber wir sprachen. Auf einmal ließ der Mann mich wortlos stehen. Ich staunte. Gerade eben war ein sehr, sehr wichtiger Kritikerkollege an ihm vorbeigegangen, dem er unbedingt was erzählen musste. Der Herr „Literaturchef“ hat das Gespräch mit mir nicht etwa mit einem höflichen „Moment bitte!“ oder „Entschuldigen Sie!“ beendet. Nicht doch! Von einer Sekunde zur nächsten war ich Luft für ihn.

Als ich dann – ohne den Segen der Jury – den Publikumspreis gewann und damit, wie sich später herausstellte, im Sommer 2010 Stadtschreiber in Klagenfurt werden sollte, empfand ich nicht nur ein Glücksgefühl, das ich so noch nie erlebt hatte, sondern auch Genugtuung.

Im Jahr darauf lebte ich fünf Monate in Klagenfurt, mitten in der Stadt, im Dachgeschoss des Europahauses. Wobei ich immer der „Piefke“ blieb. Erst dachte ich, die Kärntner hätten alle einen Sprachfehler. Wenn mir der Büchnerpreisträger Josef Winkler über den Weg lief, rief er: „KRAMPUS!!!“ Dass der Krampus in Österreich ein Teufel ist, wusste ich nicht. Dieses „Hey Krampus!“ hörte ich bald von immer mehr Leuten. Dass da auch Respekt mitschwang, habe ich erst später kapiert.

Im Gasthaus „Zum Pumpe“ bin ich einmal rausgetragen worden. Gegenüber drei Einheimischen, die sich ausdrücklich zu den Blauen bekannt hatten, hatte ich angemerkt, nicht verstehen zu können, warum so viele von ihnen fremdenfeindlich seien. Leute, das geht gar nicht! Wo ihr selber ja auch keine richtigen Deutschen seid… – Ob ich denn auf Abenteuerurlaub wäre, wollte man wissen.

Der umgekehrte Fall ist mir öfter passiert: Ein halbes Dutzend Mal mindestens haben mich unbekannte Menschen im Wirtshaus angesprochen, auch im „Pumpe“, ob ich denn der Stadtschreiber sei – und mich zum Essen eingeladen. Nicht einfach nur ein Bier, nein! Jedes Mal bekam ich eine vollwertige Mahlzeit spendiert: Gulasch, Wiener Schnitzel etc. Und Sie haben wirklich das Gästebuch der Jörg- Haider-Ausstellung gestohlen? Ja doch. Ich hatte das Ding sogar in der Zeitung rezensiert.

Ganz ehrlich: Mein Leben war nie so glücklich wie in Klagenfurt. Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und das auch noch mit den richtigen Menschen. Das, obwohl ich nicht dazugehörte.

Karsten Krampitz


Karsten Krampitz, Jahrgang 1969, war gemeinsam mit Peter Wawerzinek Initiator der Trinkerklappe in Wewelsfleth/Schleswig-Holstein. Er hat erfolgreich eine Bettelakademie gegründet und mit Obdachlosen und Junkies Berliner Nobelhotels besetzt. 2004 erhielt er das Alfred- Döblin-Stipendium der Akademie der Künste Berlin. Zwischen 2010 und 2013 war der Historiker Promotionsstipendiat der Rosa- Luxemburg-Stiftung. Krampitz hat diverse Romane und Erzählungen veröffentlicht, u. a.: „Affentöter“ (2000) und „Heimgehen“ (2009). Im Herbst 2014 erschien sein Roman „Wasserstand und Tauchtiefe“ (Verbrecher Verlag Berlin). 2009 wurde er beim Bachmannbewerb mit dem Publikumspreis ausgezeichnet, im folgenden Jahr war er Klagenfurter Stadtschreiber. Mit Wawerzinek hat er den Crashkurs Klagenfurt (Poesie und Propaganda) verfasst. Der Dialog zweier Stadtschreiber erschien in der edition meerauge des Heyn Verlags im Dezember 2011. Im Herbst 2014 wurde am Klagenfurter Ensemble sein Theaterstück „Sucht & Ordnung“ uraufgeführt.

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