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Bucht zur Ausfahrt

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Bucht zur Ausfahrt

geschrieben am 28.01.2010 09:49

In der Vorlese nimmt Wolfgang M. Siegmund die „Sechste Ausfahrt“ um bei Clark Gable, Montgomery Clift und Marilyn Monroe im Film „Misfits“ zu landen. Ausgangspunkt der Reise ist eine literarische Bucht, die mit dem Roman „Männerb(r)uch“ (auf Seite 28) vorgestellt wird.


Wolfgang M. Siegmund - Sechste Ausfahrt


denn auf dem Festland galten wir längst als: Nicht gesellschaftsfähig!

So sicher wie jeden Abend der Mond weiß aufgeschäumt am Himmel stand, so sicher gingen Paul und ich einmal im Monat ins Lichtspieltheater. Dabei saßen wir niemals im selben Kino, aber dafür lief vor uns immer derselbe Film. Wir waren Fans. Und so würde es immer bleiben, dachten wir. Der besagte Tag fiel in den Karneval, wo jeder, der das Jahr über nichts zu plaudern hatte, sich zornig durch die Straßen knallte. Die ganze Stadt glich einem Wigwam, in dem auch Ritter, Nonnen und Matrosen aller Herren Länder sich brüderlich das Feuerwasser teilten. Es war Dienstag und wir mussten in diese Stadt, die mich nicht mochte. Doch für diesen Film fuhren wir seit Jahren in jedes Nest, wenn es nur ein Dach, ein paar Stühle und einen Vorführapparat übrig hatte und diesen Titel: MISFITS – NICHT GESELLSCHAFTSFÄHIG.

Zu sagen, wir liebten den Streifen, war eine Untertreibung, wir waren ihm verfallen. Jeder Szene, jedem Wort. Und wenn Clark Gable auf die Ladefläche eines Lastwagens stieg, um einzufangen, was in ihm längst gezähmt war, tropften unsere Augen wie ein alter Boiler. Für uns Verfechter des männlichen Versagens war dieser Film die Bibel des Stolperns, der Sieg über alles, was noch irgendwann gut werden könnte. So viel zum Anfangsstadium unserer Sucht. Doch so leicht war es nicht, die Stadt zu betreten. Jedem, der auch nur einen Ansatz von Kopf auf dem Halse trug, wurde von Amts wegen ein schrilles Hütchen aufgesetzt. So schicke Straßenköter sah ich noch nie. Der Zwang zur Freude war den Stadtherren bitterernst, ohne rot aufgequollene Pappmachénase kam keiner beim Stadttor hinein. Paul und ich wussten das aus dem Vorjahr und fuhren dementsprechend schön herausgeputzt los.

Ich ging diesmal als Montgomery Clift, nachdem er beim Rodeo heftig auf den Kopf gefallen war. Das hieß für mich: weiße Bandage unterm Stetson und quer über die Nase ein riesiges Pflaster. Und als Paul aus seinem Gartentor schritt mit mehr weißem als blondem Haar und einem engen Sommeretwas, sagte er nur: „Mir war heuer mehr nach Marilyn und nicht nach Gable.“ „Verstehe“, sagte ich, „deine Abstehohren trägst du ja ohnehin das ganze Jahr.“ So viel zu meinem Niveau an diesem allseits spaßigen Tag.

Und als wir endlich im Kino saßen, mutterseelenallein, kam es zu dem Vorfall, den ich Paul bis heute nicht verzeihen kann und der der wahre Grund dafür ist, weshalb unsere Freundschaft nur noch brieflich miteinander verkehrt: Marilyn erkennt, dass die drei Männer, die mit ihr in die Berge fuhren, lassoschwingende Loser sind, die für ein paar Scheine Pferde an eine Fleischfabrik verkaufen. Der letzte freie Galopp in dieser westlichen Welt würde dank dieser Männer in einer Konservendose enden. Entsetzt steigt sie aus dem Wagen, läuft hinaus in die Glut von Nevada: „Ihr Mörder, ihr Mörder, was habt ihr getan?“

An diesem Ausbruch gab es auch nichts zu rütteln, er war politisch korrekt, diese Männer von damals waren klassische Schweine. Doch plötzlich schwappte der Film über in meine Realität. Mein als Marilyn verkleideter Paul fiel mich plötzlich wie ein Werwolf von der Seite an. Seine Hände vergriffen sich derart an meiner Gurgel, dass erst die schwere Lampe des Platzanweisers eine gewisse Abhilfe schuf. Nach etlichen Schlägen ließ der verkleidete Blondteufel von mir ab. „Verzeih mir diese Überidentifikation“, sagte Paul nach der Attacke und küsste lippenfeucht mein Nasenpflaster. Doch ich bestand darauf, er hätte während der Dauer des Films einen Rollenwechsel vorzunehmen. „Du bist ab jetzt Clark Gable“, sagte ich und zog seine blonde Haarpracht als Sitzpolster ein.

Dann wiederum kam es zur Szene, deren Folgen mir Paul bis heute nicht verzeiht: Montgomery Clift befreit die Pferde, um Marilyn zu gefallen. Clarks Eifersucht lässt das wiederum nicht zu, also fängt er die Mustangs wieder ein. Doch zuvor schleift ihn der stärkste Hengst bäuchlings über den Wüstensand. 12 Tage nach diesem Stunt ist Clark Gable tot. „Und jetzt“, sagte Paul als Clark Gable, „jetzt wo ihr gefangen seid, schneide ich euch wieder los.“ So viel zur männlichen Logik, Jahre nach dem Wiener Kreis. „Wieso, du Armleuchter“, schrie ich und stieß seinen Arm von meiner Lehne, „schneidest du los, was ich als Montgomery Clift längst befreit hatte? Das ist kalter Krieg unter Freunden. Du hast mich als Mann vor Marilyn desavouiert. Und am Ende des Films wird sie mich verlassen, weil sie nicht kapiert, was du für ein Schwein bist!“ Erst als der Billeteur mit der schweren Taschenlampe, na, Sie wissen schon ...

Ohne weitere Handgreiflichkeiten im Saal ging der Film zu Ende, vielleicht auch wegen der internationalen Friedenstruppe, bestehend aus Putzfrau, Kartenverkäufer etc., die unser Gezeter umgab, rund um uns wachte, bis der Abspann lief. Grußlos schob man uns hinein in Pauls Wagen.

„Wohin soll jetzt die Reise gehen?“, fragte ich Paul. Und wie der Held im Film sagte auch er, dass er sich bei seiner Fahrt immer nach den Sternen richte. Dann legte er sein Kinn verträumt auf das Volant, grinste wie ein adriatischer Ausflugsbootkapitän, der im Regen auf Kundschaft wartet, trat im Gegensatz zu dieser verträumten Haltung mit dem Fuß voll aufs Pedal und raste los. Und in der Tat, bald danach sollte ich alle Sterne der Welt auf einmal sehen.

Als ich dann endlich in einem Zimmer erwachte, vom zärtlichen Weiß der Notaufnahme umgeben, meinte die Schwester, Fälle wie ich seien ihr die liebsten. Meinen alten Kopfverband hätte sie nur ein wenig straffer gezogen und auch das Pflaster klebte bereits haargenau über der Nasen- Zertrümmerung, also an der richtigen Position. Dann legte ich meinen Kopf in ihren streng nach Menthol duftenden Schoß und gab ihr meine Daten: 48 Jahre, Beruf Rodeoreiter, Name Montgomery Clift. Und auch sie verstand Spaß und sagte nur: „Marilyn Monroe, 71 Jahre, und der Kerl, der im Tulpenkleid neben dir am Lenkrad saß ...“ „Ist in Wahrheit Mister Gable“, flüsterte ich ihr augenzwinkernd zu. Im Nachhinein denke ich mir, das hätte ich nicht sagen sollen, nicht so oft.

Nun kamen Tage, die ich nie vergessen werde. Ich blickte auf die Stadt, aber meine Sicht war nicht frei. Sie wurde von schwerem Gitter durchkreuzt. Und ich tat, als würde ich das alles nicht sehen, hob meinen Blick über die grünen Parkanlagen hinweg, wo blasse Gebrechlichkeit ihre ersten Runden zog, gebückt, dem Normalleben entzogen, von weißen Kitteln bewacht. Und manchmal war mir, als hörte ich Pauls Stimme schwach über die gepolsterten Gänge hallen, ich solle ihn doch losschneiden, schnell, bevor man aus uns Hirn in Dosen mache, ich solle ihn von Bändern und Ärzten befreien, ich sei doch Montgomery Clift. Gleich, Clark, flüsterte ich dann zumeist, um wieder regungslos hinauszusehen auf diese andere Wüste aus grauen Häusern mit winkenden Armen, so geschlossen und umzäunt und weit abseits, mit uns stillgelegten Cowboys von Nevalium als einzige Bewohner. Nein, der Karneval dieser Stadt kannte keinen Spaß. Erst viele Tage später ließ man uns laufen. „Und bleibt mir ja gesellschaftsfähig“, rief uns die Krankenschwester hinterher, und wir, wir traten wieder ordentlich gebückt ins Freie ...

(Für die Stadt, in der ich nie ankam – für Villach)


Wolfgang M. Siegmund, geb. 1956 in Graz, Studium der Rechtswissenschaften, ab 1985 freier Schriftsteller. Bis 1994 erschienen fünf Gedichtbände, Essays und zahlreiche Hörspiele, danach vor allem dramatische Texte. Mitbegründer der Zeitschrift Nebelhorn. Mitglied der Grazer Autorenversammlung. Förderungspreis der Stadt Graz, Theodor-Körner-Preis, Preis für Theaterstücke des Landes Baden- Württemberg. Etliche Auslandsstipendien (Literarisches Colloquium Berlin, Triest, Venedig). Er lebt als Autor in Pörtschach am Wörthersee.

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