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Der lange Weg

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Der lange Weg

geschrieben am 05.11.2014 06:00

zu einer patenten Region:
Wissenschaft, Forschung und Entwicklung in Kärnten

Kärnten hat in den letzten Jahren jeweils rund 5,7 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Bei der Vergabe der gesamtösterreichischen Förderungsmittel für Forschung und Entwicklung hält das Land dagegen bei 6,5 Prozent. Etwas plastischer könnte man auch sagen: Die hiesigen öffentlichen und privatwirtschaftlichen Forschungsstätten ergattern von den verfügbaren Subventionen um 14 Prozent mehr, als sie zur Verfügung hätten, wenn die Zuteilung nach der Wirtschaftsleistung der einzelnen Bundesländer erfolgen würde. Das tut sie zum Glück nicht. Im Gegenteil: Um die Gelder herrscht unter den Betreibern von Forschungsprojekten ein heftiger Konkurrenzkampf, der den überdurchschnittlichen Anteil Kärntens umso bemerkenswerter erscheinen lässt.

Der Ausbaugrad von Forschung und Entwicklung gilt als Indikator mittel- und längerfristigen Wirtschaftspotenzials. Land in Sicht ist nicht nur das Motto der nächstjährigen transformale, es könnte in absehbarer Zeit auch zur erfreuten Tatsachenfeststellung der Wirtschaftsauguren werden: Bereits 130 Kärntner Unternehmen sind aktuell in kleinem oder größerem Ausmaß in Forschung und Entwicklung aktiv.

Das ist zu einem erheblichen Teil auch eine Folge dessen, dass im Land Ende 2008 das Wirtschaftsentwicklungskonzept Kärnten 2020 verankert wurde, nach dem der Bereich von Forschung, Technologie und Innovation zu einem wichtigen Standbein der heimischen Wirtschaft werden soll. Mittlerweile sind 300 technologieaffine Unternehmen hier ansässig, um 20 mehr als vor vier Jahren. In fünfeinhalb Jahren sollen es 500 sein, hat sich der Kärntner Wirtschaftsförderungsfonds KWF vorgenommen.

Das wäre eine markante Schwerpunktsetzung für eine europäische Region, wenn – vielleicht zum Glück – auch noch nicht gerade Silicon Valley. Und es wäre auch bei Weitem nicht das, was vor der Jahrtausendwende als Ziel formuliert wurde, nämlich die Wörthersee-Region im Eiltempo zu einem der weltweit führenden Hightech-Standorte zu machen – hierzu bedarf es weiterhin großer Kraft- und Energieaufwendungen aller Beteiligten.

Einfach ist es ja nicht, insbesondere in konjunkturell holprigen Zeiten, in denen auf Kärntens Wirtschaftsklima zusätzlich die seit einiger Zeit recht düsteren Wolken über den Ökonomien Sloweniens und Italiens drücken. Das wird sich hoffentlich bald ändern. Man darf aber auch die Ausgangslage nicht vergessen: Als Österreich 1995 der EU beitrat, betrug die Forschungsquote Kärntens 0,42 Prozent. Von jedem (damals noch) Schilling, der im Land erwirtschaftet wurde, floss also weniger als ein halber Groschen in die Entwicklung innovativer Produkte. Inzwischen stieg der Anteil der Forschungsinvestitionen am Bruttoregionalprodukt zwar auf 2,8 Prozent. Das entspricht aber noch immer nicht dem EU-Richtwert von drei Prozent. Und es bedeutet auch in der Rangliste der österreichischen Bundesländer erst einen der mittleren Plätze. Zudem weist Kärnten derzeit noch eine strukturelle Schwachstelle auf: Die Spitze ist da, woran es indes noch mangelt, das ist die Breite. So glücklich man darüber sein muss, dass Unternehmen wie Infineon, Mahle oder Electronics hier angesiedelt sind, so riskant für den Forschungsstandort Kärnten ist doch auch der Umstand, dass nach wie vor rund 80 Prozent der Forschungsinvestitionen von den fünf größten Firmen getätigt werden. So sind sowohl der KWF als auch die bestehenden unabhängigen Forschungszentren zu Recht ständig und intensiv um neuen Zulauf bemüht.

Bis in die Gegenwart hat das Land teilweise erheblichen Nachhol- und Verbesserungsbedarf bei zahlreichen wohlstandsrelevanten Daten: Das betrifft die beengte Budgetlage des Landes, aber auch die Höhe der Arbeitslosigkeit, die Kaufkraft-Schwäche, die Abwanderung oder die heuer zwar endlich abflachende, aber immer noch zu hohe Welle der jährlichen Firmenkonkurse. Und so schnell greifen die Maßnahmen eben auch nicht: Die mit der Einrichtung eines eigenen Kärntner Technologiefonds bereits 1999 in Angriff genommene und etwa mit der Gründung des Lakeside Parks 2005 fortgesetzte Neupositionierung des Landes als Forschungs- und Entwicklungsregion mit den Schwerpunkten Informationstechnik und erneuerbare Energien ist nach 15 Jahren zwar verheißungsvoll unterwegs, aber eben: unterwegs. Wohlweislich trägt die Agenda Kärnten 2020 im Titel die Zahl, die erst das Jahr der 100. Wiederkehr der Volksabstimmung sein wird.

Der bis 2016 gerade in seiner vierten Ausbaustufe befindliche Klagenfurter Lakeside Science & Technology Park begann vor neun Jahren mit sechs Gebäuden und 14 Unternehmen. Heute sind in diesem Herzstück für Forschung und Entwicklung (F+E) im Land 57 Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Schwerpunktbereichen Informations- und Kommunikationstechnologie aktiv. Bis 2020 sollen 2.500 Menschen am Gelände forschen, entwickeln, lehren, lernen und arbeiten können. Das Areal umfasst einschließlich der noch vorgesehenen Erweiterungen 300.000 m². Darauf sollen sich nach Abschluss der sechs geplanten Baustufen rund 32.000 m² Bruttogeschoßflächen und Parkgaragen für 1.800 PKW befinden. Innerhalb von 15 Jahren werden in das Projekt dann bis zu 100 Millionen Euro investiert worden sein. Allein die Kosten der laufenden vierten Ausbaustufe betragen 18 Millionen Euro.

Der Lakeside Park ist einer von vier Standorten, an denen im Land in Form eines Clusters, d.h. unter Beteiligung einer Mehrzahl von Unternehmen Forschung zentriert und dadurch Synergien gewonnen werden. Mit der in Villach angesiedelten Carinthian Tech Research AG (CTR) (ist ein starkes und ständig wachsendes außeruniversitäres Forschungszentrum vorhanden, das 2013 mit 55 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (86 Prozent davon wissenschaftlicher Herkunft, Frauenanteil: 12,8 Prozent) einen Jahresumsatz von 6,8 Millionen Euro erreichte, von denen 5,8 Millionen Euro eigenfinanziert werden konnten. Der Rest kam von Land Kärnten und Stadt Villach. Die CTR AG versteht sich als regionaler Ansprechpartner für Forschung, Entwicklung, Technologie und Innovation. Mehr als 50 große, kleine und mittlere Unternehmen traten im Verlauf des Vorjahrs an die CTR mit dem Anliegen um Unterstützung in Förderungsangelegenheiten, beim Know-how und vor allem bei der Produktentwicklung heran. In den bis dahin 15 Jahren ihres Bestehens wurden mit CTR-Beteiligung bis Ende 2013 mehr als 75 Patente erworben.

Zwei weitere unternehmensübergreifende Forschungsstätten existieren in Gestalt des St. Veiter Wood Carinthian Competence Centers W3C und des Kompetenzzentrums Automobil- und Industrieelektronik KAI in Villach-St. Magdalen. In letzterem wird in Zusammenarbeit zwischen Industrie und Forschung versucht, speziell in Hinblick auf die Automobilproduktion gezielte Aufgabenstellungen im Bereich der Halbleitertechnologie, der Materialwissenschaften, der Zuverlässigkeit und der Systemintegration zu lösen. Das Ziel ist die Beseitigung von Zuverlässigkeitsproblemen elektronischer Systeme bei den im Automobilbereich auftretenden Temperaturen. Gesucht wird aufgrund der Erforschung der Koppelung thermischer und elektrischer Effekte nach neuen Materialien und Prozessen, nach alternativen, kostengünstigeren Gehäusetechnologien bzw. nach Konzepten zur Qualitätssicherung mit dem ehrgeizigen, im Verkehr aber unter Umständen lebenswichtigen Ziel eines zero defect (Nullversagen). Demgegenüber ist das W3C wegen seiner Thematisierung eines so konventionellen Rohstoffs wie Holz nur scheinbar weniger innovativ: Der erneuerbare Rohstoff, an dem Kärnten so reich ist, hat in den letzten Jahren einen neuen Frühling erlebt. Allein im Baubereich hat die Entwicklung neuer statischer Ansätze einen Holzbauboom ausgelöst, in dessen Folge nicht nur der Aussichtsturm auf dem Pyramidenkogel, sondern auch schon fünfstöckige Wohnbauten im Herzen von Mailand zeugen, in denen heimisches Holz Verwendung fand. Zig Einzelinstitute – nur beispielhaft angeführt seien jenes für Technologie und alternative Mobilität (IAM) in Feldkirchen, jenes zur Nutzung der Naturkräfte Heureeca in Krumpendorf, selbstverständlich das Institut für Höhere Studien IHS oder auch spezialisiertere Einrichtungen wie das Kärntner Institut für Seenforschung KIS in Klagenfurt – ergänzen die auf breiter Basis hervorragende Forschungsaufstellung des Landes.

All dieses Forschen hat freilich zur Bedingung, dass einerseits die vorhandenen Bildungseinrichtungen den entsprechenden Bedarf an ausgebildeten Fachkräften zu decken vermögen, und dass andererseits eine Industrie vor Ort ist, welche die geistigen Anstrengungen auch tatsächlich in wirtschaftliche Erfolge ummünzt. Die Liste der diesbezüglich in Kärnten vorhandenen Unternehmen ist mittlerweile sehr stolz. Die österreichische Betriebsansiedlungsagentur ABA zählt auf ihrer Homepage etwa auf: Infineon Technologies Austria GmbH, Mahle Filtersysteme GmbH, Flextronics, Treibacher Industrie AG, Kostwein Maschinenbau GmbH, Glock GmbH, Lam Research AG, Mondi Frantschach GmbH, Kioto Clear Energy AG, Schwing GmbH, Urbas Maschinenfabrik GmbH. sowie Bosch Mahle Turbo Systems GmbH. Das ist nur ein platzbedingt schmaler Auszug jener Unternehmen, die in Kärnten nicht nur angesiedelt sind, sondern hier auch eigene Forschungsabteilungen betreiben. Es fehlt etwa schon das St. Veiter Unternehmen Greenonetec, das im Bereich der Sonnenenergie- Nutzung ganz neue Wege geht.

Um den Entwicklungseifer der Unternehmen anzuspornen, wurde der mit 58.000 Euro dotierte Innovations- und Forschungspreis des Landes Kärnten geschaffen, den der KWF im Auftrag des Landes jährlich vergibt. Die Hauptpreise in den Kategorien Kleinstunternehmen, kleine und mittlere und sowie große Unternehmen gingen 2013 an Airborne Motion Pictures OG für ein Projekt hochauflösender 3D-Drohnen-Luftbilder, an die KMF Maschinenfabriken GmbH für die Entwicklung eines Aluminiumrecyclings und an Mondi Frantschach GmbH für deren neuen Kunststoff FIBROMER® mit einer neuartigen Kraft-Zellstofffaserverstärkung. 2012 war u.a. die Firma Wild für eine Vorrichtung geehrt worden, die bei Laser-Augenoperationen durch das Absaugen des entstehenden Dampfes eine schnellere und exaktere Vorgangsweise ermöglicht. Die Preise 2014 werden am 20. November 2014 im Casineum in Velden verliehen.

Wie der Unternehmer bedarf es der Forscher, und diese müssen, sollen sie nicht alle von auswärts geholt werden, in Kärnten ausgebildet werden. Hier kommt der Fachhochschule Kärnten ebenso wie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt eine wichtige Funktion zu. Waren die Fachhochschulen von Anfang an äußerst praxisnah positioniert, so hatte die Universität mit den direkten Drähten zur industriellen Produktion doch eine Weile lang zu kämpfen. Fairerweise ist zu sagen, dass die 1970 als Hochschule für Bildungswissenschaften gegründete Einrichtung sowohl budgetär als auch von der inhaltlichen Ausrichtung her lange Zeit vom Bund eingeengt war und erst durch ein geschicktes Management des Studienangebots einerseits die existenzsichernde Zahl an Studierenden, andererseits aber auch die Anbindung an jene Realität sichern konnte, die sprichwörtlich außerhalb des Elfenbeinturms liegt. Die Nähe zu den Labs am See hat zweifellos viel zur Entwicklung der nunmehrigen Alpen- Adria-Universität Klagenfurt beigetragen.

Was den genannten Elfenbeinturm betrifft, der wird freilich auch oft zu Unrecht und allzu billig diffamiert. Wissenschaft, Forschung und Entwicklung haben bei aller nötigen Vernetzung und aller gebotenen Offenheit gegenüber den realen Bedürfnissen doch an sich, auch der Ruhe, der ungestörten Arbeit und nicht immer sofort der kontrollierenden Erkundung nach dem Nutzen zu bedürfen. Am Anfang aller Forschung steht eine Frage. Es ist nicht der spontane Applaus der Öffentlichkeit, der darüber entscheidet, wie sinnhaft sie ist. Und im Zweifelsfall ist es besser eine unnötige Frage zu stellen, als gar keine. Denn die Reihe der Fragen reißt niemals ab. Und das hat der so erfreulich im Abbau begriffene Rückstau der Forschung in Kärnten ja lange genug bewiesen: Keine Fragen zu stellen, heißt nicht, dass es keine gibt.

Michael Cerha

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