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Ein Auge für den Raum

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Ein Auge für den Raum

geschrieben am 05.05.2009 10:45

Der frühere Bachmann-Preisträger Urs Jaeggi war wieder in Klagenfurt zu Gast. Der vielseitige Künstler behält literarische Entwicklungen, Kunst und Politik in Europa im Auge und „schenkte“ der Brücke eine Vor.Lese.

Urs Jaeggi war wieder Gast in Klagenfurt. Schon früher war er hier, 1981 wurde er für seinen Text aus „Grundrisse“ mit dem Bachmann-Preis ausgezeichnet, 50-jährig, obwohl er zur Lesung erst überredet werden musste, weil er meinte, das sei etwas für die Jüngeren. 1988 dann war er selbst Juror. Heuer gab er ein Doppelspiel, zuerst als Schriftsteller mit einer Lesung aus seinem jüngsten Roman „weder noch etwas“ im Musil-Institut und dann als Künstler mit seiner Ausstellung „Auf Papier und anderes“ in der rittergallery.
Gezeichnet habe ich eigentlich immer, schon als Kind, und später in Konferenzsitzungen, die langweilig waren, wenn zum 20sten Mal die Studienordnung durchgekaut wurde und man alle Argumente schon kannte. Dann hab ich mit einem Ohr zugehört und die Hand zeichnen lassen. Man muss ja nicht immer aufs Papier starren, schließlich gab es die écriture automatique, vom französischen Surrealismus herkommend, der mich zu Beginn sehr interessiert hat und was ich natürlich auch ausprobieren musste.
Bis heute entstehen seine so genannten „Blindzeichnungen“, Köpfe, Figuren, während Konzerten gezeichnet oder immer dann, wenn die Hand beschäftigt werden will und im Dialog mit dem inneren Auge steht. In der Präsentation jedoch wurde das bezeichnete Papier noch mehr, war Material - kombiniert mit Fundstücken aus seinem musée privée entstand eine ganze Rauminszenierung. Die Ausstellung selbst ist für Jaeggi Experimentierfeld, das Andere tritt hinzu.
Das Andere ist der Raum, ich wollte ja eigentlich Architekt werden, so hat mich der Raum immer interessiert. Und dann sind relativ früh meine Figuren entstanden, die „Citoyens“ aus Holz, Draht und Papier, die „Nomaden“ aus Holz und Blech, Figurengruppen, die im Verhältnis zum Raum und immer auch in Situationen stehen. Und die Fundstücke, das ist halt auch etwas, wo ich schlecht dran vorbei gehen kann. Wenn es Wegwerfzeug ist, dann pack ich es halt manchmal ein und dann kann es jahrelang herumliegen und wenn ich dann irgendein Thema, irgendein Sujet hab, dann kommt es wieder: Ach, da hast doch was gehabt.

Urs Jaeggi ist als Künstler experimentell unterwegs, probiert aus, ohne den Anspruch an handwerkliche Meisterschaft zu vernachlässigen. Malerei, Bildhauerei, Installation, Performance und Konzept lotet er nach den jeweils möglichen künstlerischen Ausdrucksformen aus.
Aber Jaeggi ist nicht nur Künstler, er ist auch Schriftsteller und war Wissenschaftler, jahrzehntelang als Professor der Soziologe an den Universitäten Bern, Bochum und Berlin tätig. Seine methodische Beobachtungsgabe findet literarischen Ausdruck in seinen Texten, Erzählungen und Romanen. Wieder Figuren, Menschen, die in Situationen stehen, die sich mit gesellschaftlichen und persönlichen Brüchen auseinander setzen müssen, Randfiguren, Ausgeschlossene, Ausgegrenzte.
Auch er selbst sah sich der Kritik der Kritiker ausgesetzt, schrieb er doch als Wissenschaftler viel zu schön und überforderten doch seine Genresprünge die Kunstzöllner, die Warntafeln setzen möchten an die Grenzen, die sie gebaut haben, Barrieren, um die Zirkulation innerhalb der Ausdrucksmöglichkeiten zu unterbrechen, die eng zusammen gehören: der Stein und die Feder. Es sind nicht zwei Kästchen nebeneinander und einmal wird das eine stärker bedient, einmal das andere: Es ist ein Fluss mit einer Quelle.
Und so ist auch das Politische und das Soziologische nicht vom Literarischen und vom Künstlerischen zu trennen. Dabei geht es nicht um die parteipolitische Färbung, aber Literatur und Kunst haben Wirkung, das wird meist von den Mächtigen unterschätzt, und damit ist sie gesellschaftlich relevant und damit politisch!
Urs Jaeggis wissenschaftliche Studien waren Sprachrohr einer ganzen Generation, seine Texte waren Pflichtlektüre der politisch und gesellschaftlich engagierten Leserschaft in der Folge der 68er, seine Beiträge haben das Denken und Nachdenken über Gesellschaft und ihre Bedingungen beeinflusst und geprägt. Er agierte in einer Zeit, als Soziologie so etwas wie eine Vermittlungswissenschaft, eine Kommunikationsinstanz zwischen den Disziplinen war, wo alles hinterfragt und diskutiert wurde und das Bewusstsein für die gesellschaftliche Verantwortung der einzelnen Wissenschaften, der Psychologie, der Kunst, der Theologie, der Jurisprudenz, der Ökonomie usw. in den Mittelpunkt geriet. Das hat den demokratischen Staat verändert, die Rolle des Einzelnen in einer demokratischen Gesellschaft bekam hohe Bedeutung. Ist all das heute eigentlich nicht mehr relevant?
Heute ist es wieder anders. Zum Teil ist dieses damals erarbeitete Wissen in die einzelnen Sparten eingeflossen, die Architekten z. B. haben jetzt schon Verbindung mit den Soziologen, die guten jedenfalls. Die Literatur versteht ihre Arbeit ja auch stärker als vorher als etwas Gesellschaftliches. Es wird gefragt, was ist der Zusammenhang zwischen Literatur und Politik. Und Musil war kein unpolitischer Schriftsteller. Ich meine, er war hochpolitisch. Was für Debatten er geführt hat, mit den Konservativen und den Liberalen und den Sozialisten. Aber es ist schon erstaunlich wie vieles an guter und wichtiger Thematik wieder verschwunden ist, alles befindet sich wieder im alten Trott. Die Fragen wären immer noch relevant. Klar, wenn du jetzt die Wirtschaftskrise siehst, die Finanzkrise, die Familienkrisen, das wären wichtige gesellschaftliche Themen, aber irgendwie wird alles momentan neutralisiert hinunter geredet.
Ja gut, es ist manches verbessert worden. Ich meine, die Stellung der Frau hat sich schon über die 68er-Bewegung und die Frauenbewegung verändert. Sie ist aber immer noch nicht da, wo sie sein muss und sein könnte. Bei der Ausbildung von den Grundschulen bis zum Universitätsstudium ist vieles an Reformen wieder rückgängig gemacht worden, weil man plötzlich nur noch auf Effizienz setzt. Alles muss ganz schnell gehen, Studiengänge werden stark reglementiert und das Eigentliche, das was Erziehung bringen soll, sich selber entwickeln zu können, Problematiken zu erkennen und auszutragen, Zeit zu haben, das ist eigentlich wieder verschwunden. Und dann die Arbeitsplätze, da sind gut Ausgebildete plötzlich arbeitslos, also da ist im Moment schon etwas im Gange, was früher oder später wieder ein Ventil finden muss – wann weiß man nicht.
Urs Jaeggi ist ein Grenzgänger, Grenzüberschreitungen sind für ihn das Spannende und Notwendige und es geht ihm dabei nicht um Originalität. Du musst deine eigene Schrift finden, die immer irgendwie zusammengesetzt ist, du musst das, was du tust, wirklich müssen wollen. Weil sonst würd ich’s lassen, wenn ich’s nicht machen müsste. Zum Broterwerb jedenfalls taugt Kunst bei mir eher nicht. Aber Kunst hat Wirkung! Also machst du manchmal Projekte, die du gar nicht realisieren kannst, aber die dann doch irgendwann mal so oder so passieren werden. Ja, so Sachen machen mir natürlich Spaß, das mache ich schon gern.
Liest man Jaeggis Biografie, so könnte man meinen, man bräuchte für diese Schaffenskraft drei Leben. Seine Romane, niedergeschriebene Gespräche oder die Schriften über Kunst sind Bestandteil seiner theoretisch wissenschaftlichen Überlegungen, diese wiederum haben Rückwirkung auf sein bildnerisches Werk, das auch Reflexion über die Rolle der Kunst und ihre Bedeutung in der Gesellschaft ist. Bei ihm greift das eine ins andere, ergänzt sich und wird vom jeweils anderen Blickwinkel analysiert, beschrieben und ins Verhältnis gesetzt. In der Begegnung mit Urs Jaeggi kommt einem die Idee, was universelles Denken sein könnte. mmr

Info:
Bilder und Infos zu Urs Jaeggi sowie seine Bücher sind in der rittergallery, Burggasse 8 in Klagenfurt, weiterhin erhältlich (www.rittergallery.com).
Vorschau: Am 28. Juni wird in Klagenfurt zum 33. Mal der Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben. Die Eröffnung der Tage der deutschsprachigen Literatur findet am Abend des 24. Juni im ORF-Theater statt. Gelesen und diskutiert wird von 25. bis 27. Juni. Clarissa Stadler (ORF/3sat) wird erstmals die Lesungen und Diskussionen im ORF-Theater moderieren. Die Auswahl der 14 Autoren oblag der Jury, wieder unter dem Vorsitz von Burkhard Spinnen. Diese (vier neue Mitglieder) setzt sich 2009 folgend zusammen: Meike Feßmann, Karin Fleischanderl, Paul Jandl, Hildegard Elisabeth Keller, Ijoma Mangold und Alain Claude Sulzer. Weitere Infos: bachmannpreis.orf.at

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