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Erinnerungs-Schwerpunkt

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Erinnerungs-Schwerpunkt

geschrieben am 29.07.2014 10:28

Kritische Auseinandersetzungen (von Historikern), Friedens- und Konfliktforschung, Trends zum Großen Krieg, ein grenzüberschreitendes Sommerkolleg in Bovec, Ausstelllungen wie auf der Schallaburg und in Kötschach-Mauthen sowie Veranstaltungen des Landes Kärnten bringen zum 100-Jahr-Jubiläum Fragen rund um den Ersten Weltkrieg ins kulturelle Gedächtnis.

Krieg und kulturelles Gedächtnis

Ein Jahrhundert umfasst in der privaten Geschichte meist die Spanne von vier Generationen. Wenn man heute 20 ist, gibt es keinen persönlichen Kontakt mehr zu Familienmitgliedern, die vor 100 Jahren gelebt hatten. Sie müssten 120 sein, also etwa 1894 geboren, um mit der gleichaltrigen Person von heute kommunizieren zu können.

Das kommunikative Gedächtnis, mit dem unmittelbaren Kontakt über die Generationen als Basis, dünnt mit den Jahren immer mehr aus. Wohl werden heuer Fotoalben, Tagebücher und Briefe hervorgekramt, um an das Schicksal der Großeltern oder Urgroßeltern im Ersten Weltkrieg zu erinnern. Aber die Dokumente erzählen von einer verschwundenen, zumindest aber entschwindenden Zeit. Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg wechselt in diesen Jahren vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis, wandert aus den Familienerzählungen in Museen und Ausstellungen, verdichtet sich in Denkmälern und historischen Arbeiten.

Geschichte wird somit nach einem Jahrhundert „kalt“. 100 Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg konnte Martin Luther King sein I have a dream vor dem Lincoln-Memorial in Washington ausrufen. Die Opfer des Bürgerkriegs waren aus dem Alltag verschwunden. Natürlich war man auch 1963 noch weit von einer Chancengleichheit von Menschen aller Hautfarben in den USA entfernt, aber das Resultat des Bürgerkriegs, die Sklavenbefreiung und die Bürgerrechte waren in der Mitte der Gesellschaft zumindest als Thema angekommen.

Das gilt heute ebenso für den Ersten Weltkrieg und unserem Umgang damit. Aus der Fülle der Literatur sticht dabei die dreibändige „Cambridge History of the First World War“, herausgegeben von Jay Winter, hervor, in der es auf den weit über 2000 Seiten keine „nationale“ Annäherung mehr gibt. Transnational werden die Toten oder die Verwundeten beschrieben, transnational das Leben in den Städten oder die Friedenskonzeptionen. Dadurch entsteht ein gemeinsames Bild. Das mag kolonialistisch sein, indem es die meist noch immer emotionalen nationalen Gegennarrative (wie etwa die Geschichte um Gavrilo Princip in Serbien) marginalisiert. Aber das ist wohl der einzig gangbare Weg, um Nachfolge- und Stellvertreterkriegen die argumentativen Grundlagen zumindest von Seiten der Wissenschaft zu entziehen.

Die Frage, ob „Krieg“ ins Museum gehört, wird oft heftig diskutiert. Meine Antwort darauf (die ich auch in der Ausstellung „Die Steiermark und der Große Krieg“ im Universalmuseum Joanneum in Graz zum Ausdruck zu bringen versuche) ist ein eindeutiges „Ja“. Der Krieg gehört ins Museum, und nur dorthin.

Wir staunen heute über die Blindheit und die Unvernunft, mit denen die Welt 1914 in den Krieg taumelte. Wir können die völlig verqueren Erwartungshaltungen der führenden Köpfe und der breiten Massen von damals heute nur kopfschüttelnd registrieren. Aber wir können analysieren, wie diese teils romantischen Erwartungen an einen Krieg, an dem ungeheuren Vernichtungspotenzial zerbarsten, das einer modernen Welt am Beginn des 20. Jahrhunderts schon zur Verfügung stand. Die Erfahrung zertrümmerte die Erwartung. Und heute geht es um die Erinnerung.

Diese Auswirkungen von Krieg(en) gehören ins Museum. Die 10 Millionen gefallenen Soldaten, die 20 Millionen „Kriegskrüppel“, wie man sie damals nannte, also körperlich oder psychisch beschädigte Menschen, die vielen zivilen Opfer, das sollte das Thema von „Krieg im Museum“ sein. Krieg löst keine Probleme, er schafft zusätzliche, und das mit hohen menschlichen, ökonomischen und kulturellen Kosten.

Der Weg vom kommunikativen ins kulturelle Gedächtnis, von der familiären Alltagserinnerung hin zur musealen Verankerung, ist also eine große Chance: aus der nötigen Distanz und ohne unmittelbare Betroffenheit durch eigenes Erleben die pazifistische Botschaft zu hören, die, zumindest für mich, der relevanteste Nachhall eines Krieges ist.

Helmut Konrad, geb. 1948 in Wolfsberg, Studium Geschichte und Germanistik in Wien, Abschluss 1973 sub auspiciis praesidentis. Ab 1972 an der Universität Linz, 1982/83 Lehrstuhlvertretung in Innsbruck, seit 1984 o.Prof für Zeitgeschichte an der Universität Graz. Mehrfach Dekan und zwei Perioden Rektor der Karl-Franzens-Universität Graz. Gastsemester an mehreren amerikanischen Universitäten, derzeit wieder in Yale. Über 300 wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Ausstellungen:
Die Steiermark und der Große Krieg
Kurator: Helmut Konrad (Kooperation mit der Universität Graz)
Universalmuseum Joanneum

Königsmorde. Gewalttaten in der Donaumonarchie.
Wilhelm Thöny: Regimentsmaler im Ersten Weltkrieg
GrazMuseum
www.museum-joanneum.at

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