Herzlich
Willkommen auf der
Kulturhomepage der Kärntner Landesregierung


Ihr Kulturreferent Landeshauptmann Dr. Peter Kaiser
Veranstaltungstipps, Nachlese und Kulturnews aus ganz Kärnten.

Gewinner des Landes 1

« zurück

Beitrag teilen

Gewinner des Landes 1

geschrieben am 03.02.2011 12:48

„Die Unzertrennlichen“

Lilian Faschinger erhielt den Kulturpreis des Landes Kärnten. Mehr über die Schriftstellerin und Übersetzerin sowie Auszüge aus ihrem nächsten Werk „Die Unzertrennlichen“ findet der Leser in dieser Ausgabe. Dazu gibt es viel Wissenswertes auch über alle anderen Kärntner Kulturpreisträger.

2. Stelle

Ich nahm den Nachtzug nach Rom mit Kurswagen nach Neapel, ein Liegewagenabteil für zwei Frauen, recht geräumig, und hoffte, ein gnädiges Schicksal würde mir keine oder wenigstens eine angenehme, wenig mitteilsame Reisegefährtin bescheren. Das obere Bett war noch nicht ausgeklappt, und ich setzte mich auf das untere, ans Fenster. Eine große Frau mit tizianrot gefärbten, toupierten Haaren um die Fünfzig schob die Abteiltür mit Wucht zur Seite. Sie trug einen fuchsroten Pelzmantel und war ganz außer Atem.

„Ein schrecklicher Bahnhof, der Südbahnhof!“ stöhnte sie und schob, stieß und zerrte einen Koffer nach dem anderen ins Abteil. Nun wirkte es schon weniger geräumig. „Finden Sie nicht auch? Der Westbahnhof ist nicht viel besser, das einzig Ästhetische daran ist die Statue der Kaiserin Sissi in der Halle. Und erst der Franz-Josefs-Bahnhof! Grauenhaft. Von Wien Mitte ganz zu schweigen. Man bekommt es mit der Angst zu tun, wenn man abends wegfährt. Sie nicht? Als Frau allein, meine ich. Und ich bin nicht furchtsam von Natur. Das Gesindel, das sich hier herumtreibt! Nichts als Ausländer. Eine Vulgarität sondergleichen. Finden Sie nicht auch?“

Sie legte den Pelzmantel ab und hängte ihn an einen Haken. Darunter trug sie weiße Jeans, die einen Hintern von beachtlichen Ausmaßen und kolossale Oberschenkel einquetschten, so gut sie es vermochten, und ein enges, langärmeliges T-Shirt mit Leopardenfellmuster, unter dem ein Fettwulst den anderen überlappte. Dann stellte sie sich vor mich hin und stützte die Arme in die Hüften. Ihr über dem breiten goldfarbenen Gürtel mit strassbesetzter Schnalle gefährlich weit vorspringender Bauch war wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Sie roch intensiv nach Haarspray. Solche Pflanzen wuchsen und gediehen nur in Wien, die Stadt war das ideale Habitat für diesen Typus. Ich drückte mich in die Ecke neben dem Fenster.

„Finden Sie nicht auch?“ wiederholte sie drohend und neigte sich noch näher zu mir. Ich wich zurück, so weit ich konnte.
„Ach, ich weiß nicht, ich -“
„Sie finden es auch, ich dachte es mir.“

Mein Ansatz einer Antwort hatte sie offenbar zufrieden gestellt, denn sie richtete sich wieder auf und zog die Lippen auseinander, sodass eine Reihe solider falscher Zähne sichtbar wurde. Dann ließ sie sich neben mich auf das Bett fallen, schlug die Beine in den hochhackigen, beigefarbenen Stiefeln übereinander, deren Schaft mit mehreren Reihen fröhlich wippender Lederfransen geschmückt war, und nahm ein Päckchen Parisienne und ein Plastikfeuerzeug aus ihrer gleichfalls goldfarbenen Handtasche.
„Das ist ein Nichtraucherabteil“, sagte ich.
Sie ignorierte diese Bemerkung, zündete sich eine Zigarette an und machte einen langen, genussvollen Zug.

„Endlich weg von Wien!“ sagte sie dann. „Eine furchtbare Stadt. Ordinäre Leute.“ Sie blickte neckisch und näherte ihren Mund meinem rechten Ohr. Die Duftmelange aus billigem Haarspray und Nikotin war überwältigend, und ich hielt den Atem an. „Ich fahre zu meinem Freund“, flüsterte sie. „Wollen Sie seinen Namen wissen?“
„Ehrlich gesagt -“
„Ercole. Herkules! Dabei ist er nur eins einundsechzig groß und achtundfünfzig Kilo schwer!“ Sie lachte laut. „Und was glauben Sie, wie er mit Familiennamen heißt?“
„Keine -“
„Caruso!“
Sie lachte noch lauter, die soliden falschen Zähne blinkten. „Es stimmt, Ehrenwort. Natürlich ist er jünger als ich, für ältere Männer habe ich nie viel übrig gehabt. Er hat ein Schuhgeschäft in Neapel, ich decke meinen Bedarf bei ihm. An Schuhen und – na ja, Sie wissen schon.“ Sie stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite und zwinkerte. „Ich sage Ihnen, der Mann ist ein Vulkan! Bricht aus wie der Vesuv anno vierundvierzig. Jedes Mal. Verlässlich.“ Sie kicherte wie ein Schulmädchen. „Sie werden begreifen, dass ich nach Neapel fahre, so oft ich kann. Ein jüngerer Mann ist ein Geschenk des Himmels. Finden Sie nicht auch? Ercole ist ausgesprochen unglücklich verheiratet. Seine Frau arbeitet auch im Schuhgeschäft. Medea.“ Ein Wiehern. Ehrlich, so heißt sie. Man glaubt es nicht. Hässlich wie die Nacht.“ Die dralle Wienerin streckte ein Bein aus. „Ich habe diese Stiefel im Geschäft anprobiert, und sie ist vor mir gehockt, hat sie mir übergestreift und nicht den blassesten Schimmer gehabt, dass ich mit ihrem Mann seit zwei Jahren -“ Wieder zwinkerte sie. „Sie verstehen schon.“

„Also, ich möchte -“
Die Dame war nicht zu bremsen.
„Na ja, zum Trost hat sie schließlich den Sohn. Er ist achtzehn, ein unglaublich gut aussehender Kerl. Und sportlich! Spielt beim SSC Napoli. Ehrenwort. In der Jugendmannschaft. A-Junioren. Ich sage Ihnen, wenn ich nicht schon mit dem Vater – Sie wissen, was ich meine. Und was denken Sie, wie der heißt? Der Sohn? Sie glauben es nicht. Enea. Das heißt Äneas. Äneas!“
Erneut ein Wiehern. Dann rückte ihr Kopf abermals bis auf wenige Zentimeter an mein Ohr heran.
„Und die Schuhe“, flüsterte sie, „also, die Schuhe, das ist feinste italienische Markenware, Ferragamo, Pollini, Brunate, Alberto Gozzi, Forzieri -“
„Ich würde jetzt gern -“
„Sündteuer. Selbstverständlich schenkt er sie mir. Ercole. Aber wissen Sie was?“ Sie sah mich erwartungsvoll an.
„Was?“ fragte ich, um ihr einen Gefallen zu tun.
„Es sind Imitationen. Produktpiraterie! Täuschend echt. Sehen Sie sich meine Stiefel an.“ Wieder streckte sie ein strammes Bein in die Höhe, diesmal das andere. „Sergio Rossi. Kein Mensch kann sie vom Original unterscheiden. Die Camorra hat die Hand im Spiel, wer sonst? Die Clans beherrschen so gut wie alles. Regieren über ganz Kampanien. Ich weiß es von Ercole persönlich. Drogen, Waffen, illegale Müllentsorgung, Designermode, Zement.“ Sie sah mich an. „Weshalb eigentlich Zement?“

„Ich glaube -“
Meine Antwort interessierte sie nicht.
„Wie auch immer. Er hat Kontakte zu ein, zwei Leuten. Nicht ungefährlich, kann ich Ihnen sagen.“
Sie dehnte und räkelte sich.
„Ach, Italien! Das pralle Leben!“ rief sie dann. „Passione! Pericolo!“ Die Liegewagenschaffnerin schob die Tür zur Seite und blickte beunruhigt ins Abteil. Sie war jung, hatte das blonde Haar unter der Uniformmütze zu einem Pferdeschwanz gebunden und sah müde aus.
„Was ist hier los?“
„Was soll denn los sein?“ sagte meine Mitreisende gereizt. „Man plaudert ein bisschen. Man unterhält sich.“
„Außerdem ist Rauchen im Abteil verboten.“
„Haben Sie nichts Besseres zu tun, als zu spionieren? Machen Sie wenigstens die Betten, wenn Sie schon hier sind.“

Ich tat die ganze Nacht kein Auge zu. Die redselige Wienerin redete auch im Schlaf. Sie murmelte, raunte, klagte, jammerte, seufzte, stöhnte, schnatterte, brabbelte, nuschelte, schrie. Ich verstand kein Wort.
Am Morgen wirkte sie erschöpft und mürrisch und sagte nichts. Keine Silbe. Am Hauptbahnhof in Neapel trennten wir uns stumm ...

Lilian Faschinger

Lilian Faschinger, geboren in Kärnten, Studium der Anglistik und Geschichte an der Universität Graz; 1979 Promotion in englischer Literaturwissenschaft. 1975–1991 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Institut für Anglistik der Universität Graz, daneben Arbeit als literarische Übersetzerin aus dem Englischen und Amerikanischen (u.a. Gertrude Stein, John Banville, Paul Bowles) und Schriftstellerin. Seit 1992 freischaffend. Österreichischer Staatspreis für literarische Übersetzer 1990, Österreichisches Staatsstipendium für Literatur, Friedrich-Glauser-Preis 2008 und weitere Auszeichnungen; Gastprofessorin und -autorin an mehreren amerikanischen Universitäten (u.a. Dartmouth College, New York University und Washington University in St. Louis). Lebt in Wien. Schreibt Erzählungen und Romane, darunter „Die neue Scheherazade“ (1985), „Magdalena Sünderin“ (1995), „Wiener Passion“ (1999) und „Stadt der Verlierer“ (2007) - siehe auch BRUECKE Nr. 75 u. 111 im Online-Archiv.
Lilian Faschinger wurde 2010 mit dem Kulturpreis des Landes Kärnten ausgezeichnet.



Interessiert? Bleiben Sie mit dem Kulturchannel in Verbindung!

Wir auf Facebook

Newsletter abonnieren

Erhalten Sie aktuelle News und Veranstaltungen per E-Mail.