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Große Filme in kleiner Welt

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Große Filme in kleiner Welt

geschrieben am 05.05.2009 09:42

Die diesjährige Diagonale zeigte den Aufschwung des Dokumentarfilms. Die neuen österreichischen Filmemacher beschreiben Schicksale und Momente des täglichen Lebens mit offenem Auge – die Filme laufen erst an.

Österreich kann stolz sein auf seine engagierten Dokumentarfilmer. Unbeeinflusst von politischen Ideologien machen sie brisante Filme, die auch im Ausland Aufsehen erregen, menschlich engagierte Filme, gegen den Ausverkauf der Werte, gegen den allgegenwärtigen Neoliberalismus, humanistische Filme im besten Sinn des Wortes, die dadurch ganz von selbst eminent politischen Charakter gewinnen.
Allen voran Erwin Wagenhofer mit „Let’s make money“, der schon vor drei Jahren mit „We feed the world“ aufhorchen ließ. Wagenhofer polemisiert nicht, er liefert nur Fakten und ungeheure Bilder, die aufrütteln und damit den Zuschauer geradezu zwingen, selber nach Antworten auf die offenen Fragen zu suchen. Der nicht vorhandene Kommentar ist eindringlicher, als es jeder vorhandene sein könnte. Der Film über die absurden Wege der Finanzströme in der Welt, an denen wir alle beteiligt sind, kommt zur rechten Zeit, zum Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise – und wird dadurch fast zum revolutionären Aufruf zu einem Neubeginn.
Die Überraschung der Diagonale 09 war „Gangster Girls“ von Tina Leisch, einer Theaterfrau, die mit Unterprivilegierten arbeitet. Hier sind es die jungen Insassen der einzigen Frauenhaftanstalt in Österreich. Das Schöne an „Gangster Girls“ ist, dass er als Nebenprodukt ihrer Theaterarbeit mit den inhaftierten Frauen entstand, dass gar nicht ein Film das primäre Ziel war – und heraus kam am Ende ein kleines Wunder, ein Film, der große Achtung vor den gestrandeten Mädchen und Frauen hat, ein Resozialisierungsprodukt, das Objekt und Subjekt gleichermaßen therapiert. Theaterarbeit mit Randschichten macht mich sonst immer besonders misstrauisch. Aber hier ist das Ergebnis fern aller Spekulationen. Ein Film mit überraschenden Bildern, Aussagen und Dialogen, wo Menschen sich selbst entdecken – und wir sie mit ihnen. Eine seltene Selbstfindung, die uns die immer neue Kraft ehrlichen Dokumentarfilmens vermittelt. (Tina Leisch ist im „anderen“ Kärnten nicht unbekannt, ob ihrer „Kulturkarawane gegen rechts“ und ihres dokumentarischen Theaterstücks über das Nazi-Massaker am Persˇmanhof „Elf Seelen für einen Ochsen“, siehe DVD).
Der große Diagonale-Preis für Dokumentarfilm ging an „In die Welt“ von Constantin Wulff, einem Werk von großer atmosphärischer Dichte und menschlicher und filmischer Reife (Jury). Fünf Wochen sorgfältige und diskrete Beobachtung in einer Wiener Geburtsklinik, zu diskret, wie manche meinten, der Intimbereich wurde ausgeklammert. Dennoch: der Schock der Geburt (auch einer „sanften“) wurde spürbar. Dramatischster Moment: eine Kaiserschnitt- Aufnahme mit klaffendem Bauch, aus dem das Baby „in die Welt“ gezerrt wird. Fünf andere Wochen hätten möglicherweise einen ganz anderen Film ergeben. Dies verweist auf die Grenzen dieser hier praktizierten „Cinema direct“-Methode eines filmischen Dokumentierens.
Von 150 eingereichten Dokumentarfilmen wurden nur 30 gezeigt. Allein diese sprengten schon fast den Festivalrahmen – und die abgewiesenen fühlten sich benachteiligt. Das Problem ist kaum lösbar. Nötig scheint in Zukunft eine eigene Informations-Leiste und ein ausgeweiteter Sektor für DVD-Sichtungen. Nur ein Beispiel: Heinz Trenczaks „Noarnfülm“ hätte eine Projektion verdient. Eine in dieser Form selten gesehene (und gehörte) musikalische Entwicklungsreise über eine steirische Volksmusikgruppe der besonderen Art, eine mit Herz gemachte „woame“ Musik, vermittelt auf sympathischste Art.
Die folgenden Dokuglanzlichter haben es aber auf die Diagonale geschafft: Originell wie „Cash & Marry“ über Migranten, die Österreicherinnen zwecks Scheinehe suchen, weil hier Filmarbeit und Realität humorvoll ineinander aufgehen. (Inserat des Filmteams: Willst Du mich heiraten?) Andere Schicksale, weniger witzig, behandelt Nina Kusturica in „Little Alien“ über ihre Teenager-Migranten, und der spontane Blick von Michael Schindeg ger im „Dacia Express“ zwischen Bukarest und Wien auf die Praktiken der Passanten fällt auch nicht gerade beruhigend aus.
Nicht zu vergessen sensible Langzeitbeobachtungen, Porträtfilme, die sich verschiedenster Persönlichkeiten annehmen, wie z.B. „For Some Friends“, wo sich Gabriele Hochleitner in adäquater Form dem Filmemacher Michael Pilz annähert, oder Carmen Tartarottis außergewöhnliche Studie „Das Schreiben und das Schweigen“ über die Grand Dame der österreichischen Literatur, Friederike Mayröcker. Horst Dieter Sihler

Über die beeindruckende Doku „Eine von 8“ von Sabine Derflinger folgt bei Kinostart ein Interview durch die Filmemacherin SiSi Klocker.

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