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Grufties im Bus

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Grufties im Bus

geschrieben am 27.02.2009 15:54

Fahrten mit dem städtischen Bus durch Klagenfurt bringen einem auch Subkulturen ins Bewusstsein, die man längst vergessen glaubte – wie die Gothic-Kultur, die viele Elemente aus den Mad-Max-Folgen bezieht.

Neulich im Stadtwerke-Bus eine originelle Begegnung: Einige sehr ausgefallen gekleidete Jugendliche setzten sich um mich herum und ich wähnte mich plötzlich am Berliner Bahnhof Zoo oder sonst einer Metropole, dort sind Figuren dieser Art nicht so selten. Mein anfängliches Unbehagen rührte daher, dass ich nicht wusste, wie ich sie beschreiben könnte mit ihrem satanischen Outfit. Bodenlange Mäntel und Kleider in tiefstem Schwarz, Amulette, Nieten, Beschläge, Ringe und ein schillerndes Make-up im dunkelsten Violett. Ich sprach sie daher an und einer sagte, sie wären Grufties. Der junge Wortführer nannte sich einen Cyber-Gruftie, ob seiner musikalischen Vorlieben. Mich erinnerte seine Ausstattung mit den stilisierten Mini-Lautsprechern und rudimentären Gasmasken – sehr professionell gestaltet übrigens – eher an Mad Max. Eines der Mädchen hätte durchaus eine Tochter von Tina Turners Aunti Entity in der Donnerkuppel (Mad Max 3) sein können, auf Gothic- Queen gestylt.

Es stellte sich heraus, dass sie tatsächlich Mad-Max-Fans waren und alsbald entspann sich zwischen uns eine angeregte Diskussion über Mel Gibsons Regiearbeiten von „Braveheart“ bis zur umstrittenen „Passion Christi“, deren eintönig mehrfach wiederholten blutigen Splatter-Passagen auf dem Passionsweg zum Kreuz ich schon wieder langweilig gefunden hatte, während mein neuer Freund sie doch für notwendig hielt. Er habe den Film kürzlich seiner Großmutter vorgespielt und sie hätte dann vier Tage nur geweint. Mein „so was kannst du doch nicht machen“, wurde nur mit „es hat mir Spaß gemacht“ gekontert. Unser Gespräch wurde abrupt unterbrochen, denn die Gruppe stieg aus. Sie war auf dem Weg zu einem Treffen Gleichgesinnter im Klagenfurter Jugendclub Kwadrat. Später tat es mir leid, nicht mitgegangen zu sein, was sie angeboten hatten, denn so ungewöhnliche Begegnungen hat man nicht oft in Klagenfurt. Ich hätte gerne gewusst, woher sie kamen, welche Schule sie besuchten oder welchen Zivilberuf sie ausübten und wie viel es von ihnen bei uns gab.

Überrascht war ich auch, dass die Mitfahrer im Bus keinerlei verächtliche Reaktionen, wie sonst bei Außenseitern leider üblich, zeigten. Es war fast, als gehörten „Grufties“ bei uns schon zum Alltag. Aber vielleicht glaubten sie einfach, diese Typen gingen zu einem Maskenball. Schließlich ist Faschingszeit in Kärnten. Dass sie wussten, dass sie einen kleinen Teil einer international immer stärker in Erscheinung tretenden subversiven Jugendkultur vor sich hatten, glaubte ich weniger.

Mittlerweile hat diese von Vorurteilen (von satanistisch – siehe oben – bis rechtsextrem) belastete subkulturelle Strömung reichhaltigen Niederschlag in Musik, Kunst, Literatur und Film gefunden. Eine schwarze Szene, Gothic-Wave genannt, die zwischen Horror und Komik pendelt und – in Mode und Kosmetik – längst von einem regelrechten weltweiten Markt beliefert wird. Sie spiegelt eine Faszination von Vergänglichkeit und Tod wider, die einen Teil der Jugend anzieht. Eine neue, alte Subkultur der Entfremdung ist im Entstehen und es gibt sie offensichtlich auch in Kärnten.
Horst Dieter Sihler

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