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Kann Musik Grenzen überwinden?

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Kann Musik Grenzen überwinden?

geschrieben am 02.11.2016 12:27

Man meint es, Musik sei im Stande, kulturelle Grenzen zu überwinden, Trennendes zu beseitigen, Menschen zu verbinden, deren Toleranzfähigkeit zu fördern, kulturüberschreitende Freundschaften herbeizuführen, weil ihre „Sprache“ u. a. universell verstanden werden könne, – kurz, sie sei Motor und Mittel zur Verbesserung der Interaktion zwischen Kulturen und Menschen, – und das werde besonders in einer Zeit hervorgehoben, in der wir täglich mit dem krassen Gegenteil konfrontiert werden bis hin zum unfassbar Brutalen. 


Wegen der Sehnsucht nach Besserem und auch des verzweifelten Wunsches wegen, unsere Kinder, unsere Jugend dieser Welt und ihren schauerlichen Perspektiven entreißen zu wollen, werden des Öfteren die Präventiv- und Heilskräfte musikalischen und künstlerischen Wirkens herbeigerufen. Und tatsächlich: Zahlreiche Veranstaltungen, ob Konzerte, Workshops, Schulprojekte ..., man setzt in ihrer Bewerbung vielerorts mit Vorliebe auf den Effekt kulturverbindender Pädagogik.

Bezeichnend dabei ist, dass vornehmlich die bislang geschützten, also jene von den großen Krisen verschonten Teile der Welt gerne mit diesem Effekt argumentieren, während wirkliche Konfliktregionen eher ernüchternde Berichte zu Tage fördern. Dr. Werner Bloch (Kulturredakteur u. a. der Süddeutschen Zeitung, der FAZ, der Zeit, der Welt) schreibt im Artikel „Neues Jerusalem“ – Ein Berliner Festival zeigt, wie sich im israelischen Elektro-Pop Klänge, Politik und Gebete verdichten (2007): „Jerusalem ist ganz anders: eine dicht zusammengedrängte Stadt mit den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen, eine politische und religiöse Nahtstelle. Ständig trifft man auf Menschen, die nichts miteinander zu tun haben, und mit denen man keine gemeinsame Sprache findet. Hier wohnt Israels elektromusikalische Avantgarde, eine kleine, radikale und leidenschaftliche Szene mit experimentellen Sounds, intensiven Mischungen und rohen, unbearbeiteten Klängen. ... Musik in Jerusalem – sie überwindet keine Grenzen, wie oft naiv behauptet wird. Sie spiegelt die soziale und politische Zerrissenheit der Stadt, des Landes und der Region.“

Wenn Menschen nichts „miteinander zu tun haben“, und da ist wohl die Qualität sozialer Beziehungen angesprochen, kann Musik daran – leider – wenig ändern. Sie kann offenbar weder Grenzen überwinden, noch zum Verstehen oder zur Toleranz beitragen. Sie ist nun einmal kein sozial veränderndes Medium. Sie spiegelt lediglich das wider, was ist. Anders im Akt des Musizierens von Menschen: Durch den hohen Anspruch des aufeinander Abgestimmtseins, des Postulats musikalischer Kommunikation, geformt durch viele, intensive gemeinsamen Übungsstunden entstehen doch merkbar soziale Annäherungen, die in einer globalisierten Welt nicht selten wertvolle interkulturelle Erfahrungen mit sich bringen. Darin liegt eine Chance, die Schulungs- bzw. Ausbildungsorte wie Musikschulen, Konservatorien, Musikuniversitäten in der Vermittlung und Verfeinerung humaner Werte nützen sollten. Allein die Berührung der verschie- densten Zugänge zur Musik, wozu multistilistische, ethnomusikalische Studienrichtungen prädestiniert sind, können zweifelsohne den Respekt und die Anerkennung kultureller Leistungen fördern, welche nicht unserer eigenen Erfahrung entspringen. Ob letztgenanntes jedoch ausreicht, konfliktpräventiv bzw. konfliktheilend zu sein? Das Sprichwort der Hippie- und Anti-Vietnamkriegsbewegung („make love not war“) hat auch in der abgeänderten Form „make music not war“ bislang noch keine signifikanten Früchte getragen. 

Roland Streiner

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