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Literarische Empörung

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Literarische Empörung

geschrieben am 13.06.2014 10:23

...dieser macht Josef Winkler für öffentliche Bibliotheken als Bürgerrecht Luft. Der Büch(n)er-Preisträger, der in Klagenfurt lebt und arbeitet, hat sein beherztes Plädoyer dazu exklusiv der Bruecke als Erstabdruck ermöglicht. Ein Vorgeschmack auf den Literatur-Schwerpunkt in der aktuellen Ausgabe!

Josef Winkler

„Die Bücherehrabschneider der Zweiten Republik“

ES IST immer das alte Lied und dieselbe Leier, aber mit einer Leier kann man bekanntlich auch einen schönen Klang erzeugen, wenn man es kann und vor allem auch, wenn man es will. Seit meiner Eröffnungsrede zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb sind 5 Jahre vergangen. Ich habe bekanntlich unter anderem eine Stadtbibliothek für Klagenfurt eingefordert. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat Klagenfurt keine eigene Stadtbibliothek, aber dafür 5 Bürgermeister, der eine war 25 Jahre lang Bürgermeister, der andere 12 Jahre lang und keinem ist in über drei Jahrzehnten im Städtevergleich aufgefallen, daß etwas fehlt in dieser Stadt. Die damalige, kleine Studienbibliothek in der Kaufmanngasse, die Anfang der 80er Jahre in die damals neu gegründete Hochschule für Bildungswissenschaften eingegliedert wurde, war eine Einrichtung des Bundes, der Republik Österreich also, und nicht der Stadt Klagenfurt. Graz hingegen hat sieben Stadtbibliotheken und eine Mediathek. Dafür hat aber die Stadt Klagenfurt mit einer Einwohnerzahl von ca. 90.000 Menschen ein Stadion mit 30.000 Sitzplätzen. Um dieses Stadion halbwegs profitabel, also mit 50 bis 100 Veranstaltungen pro Jahr, füllen zu können, muss man wohl auch den halben Annabichler Friedhof evakuieren und dazu einladen, und dann könnten in den Schlachtenbummlerrängen die Skelette auf ihre eigenen, dazugehörigen Totenköpfe trommeln und unsere Fußballmannschaft anfeuern, die es auch schon lange nicht mehr gibt. Das leere Fußballstadion, das für internationale Fußballspiele, also für 4,5 Stunden Fußball, in dieser Dimension gebaut und eben nicht mehr auf ein erträgliches Maß zurückgebaut wurde, hat bis heute um die 100 Millionen Euro verschlungen, also um die 1,5 Milliarden Schilling. Dieses Stadion ist, wie es auch Udo Jürgens gesagt hat, ein Klotz am Bein der Stadt Klagenfurt und es wird wohl einer bleiben. Ich bin überzeugt davon, daß man beim Stadionbau für die Fußballeuropameisterschaft 2008 eine Volksbefragung gescheut hat, denn die Bevölkerung des Landes Kärnten, wenn man ihr nicht trübes Wasser, sondern klaren Wein eingeschenkt hätte, hätte schlicht und einfach und kompliziert NEIN gesagt, denn Stadt und Land brauchen das Geld vor allem für die Kinder und Jugendlichen, für die Bildung und Ausbildung, also für Zukunftsträger und die Zukunftsaussichten. Ich habe die Befürchtung, und deswegen singe ich das alte Lied wieder, daß es auch in den nächsten 5 Jahren keine Stadtbibliothek in Klagenfurt geben wird. Österreich ist übrigens eines der wenigen Länder in Europa, das kein Bibliotheksgesetz hat. Mit einem bundesweiten Bibliotheksgesetz wäre, da es ein Bundesgesetz ist, auch die Stadt Klagenfurt gezwungen eine Bibliothek aufzustellen. Aber da dieses Bibliotheksgesetz mit der österreichweiten Umsetzung angeblich weit über 100 Millionen Euro kosten würde, mache ich mir auch für die kommende Legislaturperiode keine Illusionen, daß es tatsächlich in nächster Zeit, wie in Europa üblich, auch in Österreich ein Bibliotheksgesetz geben wird. Damit ist also die Stadt Klagenfurt wohl aus dem Schneider, aber die Stadionschneiderschere wird aufschnappen und zuschnappen und die Gürtel immer enger schnallen lassen.

Wie der Bibliotheksverbands-Chef Werner Molitschnig der Öffentlichkeit schon mitgeteilt hat, gibt das Land Kärnten für Bibliotheken jährlich einen Euro pro Einwohner aus. In Wien oder Vorarlberg sind es zehn Euro. In den nordischen Ländern wie Dänemark oder Finnland, wo sie auch die guten PISA-Ergebnisse haben, sind es bis zu 60 Euro. In Südtirol hat man sich entschlossen, jährlich 100.000 Euro nur für Aktionen zur Leseförderung auszugeben. Die sind inzwischen nach eigenen Angaben in der PISA-Studie besser als Finnland. Wenn das Angebot da ist, ist auch der Zulauf da, das zeigt Völkermarkt, das die einzige öffentliche Bücherei in Kärnten hat, die internationalen Standards entspricht. Außerdem berichtet Molitschnig von einem Bibliothekstreffen im englischen Birmingham. Dort wurden 200 Millionen Euro für eine neue Bibliothek ausgegeben. Sie ist von 8 Uhr morgens bis 20 Uhr abends so voll wie ein Einkaufszentrum. – Und in Klagenfurt sind dafür die City Arkaden voll mit Jugendlichen, die so viel Geld haben. Und wenn dann wieder einmal ein Schokoladefladerer erwischt wird, dann hat das natürlich nichts mit der Politik der Vergangenheit und Gegenwart zu tun.

Was allerdings den Literaturbetrieb betrifft und von dem der ganze deutsche Literatursprachraum profitiert, können sich die Stadt Klagenfurt und das Land Kärnten und die Gelder, die aus dem Land Kärnten fließen, sehen lassen, denn neben dem Ingeborg-Bachmann-Preis, den jährlich die Stadt Klagenfurt vergibt in der Höhe von 25.000 Euro, gibt es auch den Kelag- Preis in der Höhe von 10.000 Euro, der also auch aus dem Land Kärnten kommt, ebenfalls den Ernst-Willner-Preis in der Höhe von 5.000 und den Publikumspreis mit Stadtschreiberwohnung, auch in der Höhe von insgesamt 10.000 Euro. Voriges Jahr wurde auch der Gert-Jonke-Preis ausgelobt mit 15.000 Euro, heuer das erstemal der Humbert-Fink-Preis in der Höhe von 12.000 Euro. Da ich wohl nicht im Verdacht stehe ein Lokalpatriot zu sein, kann ich sagen, dass sich die Stadt Klagenfurt und das Land Kärnten, jedenfalls, was die Gelder betrifft, die aus diesem Land für deutschsprachige Literatur kommen, also für Autoren aus der Schweiz, Deutschland und Österreich, da kann sich das Land sehen lassen. So etwas bringt nicht Salzburg zustande, auch nicht Tirol oder Niederösterreich, nicht Bayern oder Nordrhein-Westfalen, nicht Sachsen und auch nicht Sachsen-Anhalt, und vom reichsten Land der Welt, der Schweiz, ist in dieser Hinsicht erfahrungsgemäß überhaupt nichts zu erwarten, sie tun nichts für Autoren aus der Bundesrepublik oder Österreich, nur für die eigenen mit dem Schweizer Kreuz auf dem Reisepaß. Die aufgezählten Preise aus dem Jahr 2013 und die aus dem Land Kärnten für Deutsche Literatur zur Verfügung gestellt wurden, ob es nun Schweizer, Deutsche oder Österreicher bekommen, belaufen sich im Ganzen auf 65.000 Euro, das sind 900.000 Schilling, allein für das Jahr 2013. Daß ich einmal das Land Kärnten loben werde, das überrascht mich selber, aber irgendwann, wenn ich das ironisch und satirisch ausdrücken darf, muß der Mensch ja zur Vernunft kommen, besonders dann, wenn die Ingeborg Bachmann auch auf dieses Art und Weise für die Fremdenverkehrswerbung ihren Kopf herhalten muß, man sieht sie inzwischen ja schon vom Bahnhof aus, ob sie es will oder nicht. […]

Und dann sage ich noch: „Neuer Platz“ – „Alter Platz“?! Das sind langweilige und fantasielose Namen. Es tut nicht weh, es ist nur ein „Jauckerle“ und ein Sprung über ein paar Bücherrücken: Nennen wir diese schönen Plätze doch: „Robert-Musil-Platz“ und „Ingeborg-Bachmann-Platz“, und hoffentlich bald mit einem Hinweisschild, wo es langgeht, zur ersten Stadtbibliothek von Klagenfurt in der Zweiten Republik.


Josef Winkler, geb. 1953 in Kamering, Besuch der Abendhandelsakademie und Arbeit im Klagenfurter Eduard Kaiser Verlag, der Karl-May- Bücher produziert, seit 1982 freier Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, Erzählungen, Novellen, Reden, Tagebücher, Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge; lebt in Klagenfurt. 2007 Großer österreichischer Staatspreis/2008 Georg-Büchner-Preis/ 2009 Ehrendoktorat der Universität Klagenfurt.

Karl Werner Molitschnig, geb. 1954, studierte Pädagogik und Erwachsenenbildung an der Universität in Klagenfurt. Weitere Ausbildungen: Bibliothekar, EB-Trainer, Supervisor, Coach und Mediator. Derzeit ist er als Fachberater für Schulbibliotheken, Öffentliche Bibliotheken und Lesepädagogik beim Landesschulrat für Kärnten tätig.

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