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Literaten Himmel

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Literaten Himmel

geschrieben am 07.10.2011 14:56

Der Klagenfurter Literat Egyd Gstättner „entrümpelt“ vieles in Gedanken anlässlich seines neuen Romans „Absturz aus dem Himmel“ – die Bruecke bringt exklusiv
(s)einen Auszug
in der Vorlese. Literarische Reisen kann man auch mit Wolfgang Pollanz, einem neuen Slowenisch-Schreibwettbewerb und den vielen Buchtipps unternehmen.

Egyd Gstättner
Die Entrümpelung (ein Auszug)


Nach der Beerdigung die Entrümpelung. Jetzt (genaugenommen vor vier Monaten) ist meine uralte Nachbarin, Frau Oberluggauer, doch noch gestorben: mit zweiundneunzig Jahren, als in der ganzen Nachbarschaft niemand mehr ernstlich damit gerechnet hat und sich alle nach und nach damit abgefunden haben, dass Frau Oberluggauer unsterblich ist und – nach Heerscharen von Hinterhofhunden, Hinterhof— autos und Hinterhofmenschen jeglichen Alters – auch uns alle, die wir etwas mehr oder weniger als ein halbes Jahrhundert jünger sind, eines Tages überleben wird, auch wenn sie niemand hier um diese Unsterblichkeit wirklich beneidet hat, ich jedenfalls nicht. Das war kein Lebensabend mehr, das war eine Lebensnacht, das war kein Herbst des Lebens mehr, dass war ein arktischer Lebenswinter, das vorweggenommene Fegefeuer, wenn nicht die vorauseilende Hölle, jedenfalls ein Strafvollzug in Einzelhaft. Ich habe sie im Umgang mit anderen Menschen seit Jahrzehnten nie anders als kratzborstig, unverschämt, selbstgerecht, verstockt und widerlich erlebt. Sie schadete mit ihren dürftigen Mitteln buchstäblich, wem sie nur konnte, und die wenigen hilfsbereiten Menschen, die die alte Frau jemals in ihre Wohnung gelassen hat (ich gehöre nicht zu ihnen),hat sie anschließend bezichtigt, sie bestohlen zu haben, worauf in diesen letzten Jahren niemand mehr diese Wohnung betreten hat, was allerdings auch dazu geführt hat, dass die übelsten Gerüchte aufkamen.(Einmal habe ich mitangehört, wie sie im Rahmen einer ihrer unzähligen Hinterhoffehden mit ihrer Bratpfannenschrubbstimme sagte: „Ihnen wünsche ich, dass Sie so alt werden wie ich!“ Das war eine Verfluchung, nichts anderes.) …

Und jetzt – die Verlassenschaftsangelegenheiten müssen also erledigt sein; in wessen Sinn, weiß ich nicht. Es interessiert mich auch nicht und geht mich nichts an – jetzt, vier Monate nach der Beerdigung also die Entrümpelung. Am Freitag ist der Autohändler gekommen und hat damit begonnen, Frau Oberluggauers Wohnung samt und sonders aus dem Fenster zu werfen, diese geheimnisvolle Wohnung, den Krimskrams und die Überbleibsel von zweiundneunzig Jahren, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Zwei volle Tage lang war in regelmäßigen Intervallen ringsum das dumpfe Krachen zu hören, das beim Aufprall der aus dem vierten Stock geworfenen Wohnungsteile auf den Erdboden entstanden ist, bis am Abend des zweiten Tages im Hinterhof in einem Umkreis von zehn Metern Durchmesser ein gut und gern drei Meter hoher postumer Gerümpelhaufen entstanden war, den man schon regelrecht besteigenmusste, um zum Gipfel zu gelangen. Dann hat es zwei Tage lang in Strömen geregnet, auf den Haufen, auf die Wägen der Vorfahren, und auf die ganze Stadt. Und dann ist die Familie Abab gekommen und hat den durchnässten, nach Moder riechenden Berg bestiegen und nach Verwertbarem durchwühlt: Vater, Mutter und zwei Töchter, jeder aus einer anderen Himmelsrichtung. Ich kam nicht umhin, beim Anblick der Menschen im Misthaufen im ersten Augenblick zu denken: Schmeißfliegen. Geier. Ratten.Und mir war mein Gedanke im äußersten Maß peinlich und zuwider. Aber diese Tiere haben nun einmal mit dem Tod zu tun, mit Nachlassverwertung, Verlassenschaft und Verwesung. Die Ababs, seit ein paar Jahren auch eine der Nachbarsfamilien hier, kommen aus Ägypten, und wenn wir uns im Hinterhof begegnen – wiederum: beinahe täglich – grüßen wir uns so freundlich, wie ihre Deutsch- und unsere Ägyptischkenntnisse das ermöglichen (meine existieren eh nicht, aber zu einem Gruß genügt ja ein kurzes Lächeln und eine hochgehaltene Hand).Unsere Kinder spielen mit der größten Selbstverständlichkeit miteinander, und wenn Martha die ägyptischen Mädchen mit einer Tafel Schokolade bedenkt, schickt ihr die ägyptische Mutter postwendend einen Teller voll ägyptischer Vanillekipferln. Nur dieses Mal haben wir uns nicht gegrüßt, weder deutsch, noch ägyptisch, noch manuell. Wir haben jeweils so getan, als würden wir uns gar nicht sehen, obwohl das Gegenteil für alle sichtbar war. Allen war die Szene entsetzlich peinlich: Den Ababs, was sie taten und dass ich sah, was sie taten, und sie werden sich wahrscheinlich gedacht haben, dass ich mir gedacht habe:Schmeißfliegen. Geier. Ratten.Ich bin momentan nicht arm, während die Ababs so arm & bedürftig sind, dass sie es notwendig haben, im zertrümmerten Wohnungshaufen der Frau Oberluggauer herumzuwühlen, um etwas für sich zu finden.

Aber auch durch die Interventionen des Altwarentandlers, des Antiquitätenhändlers und der Familie Abab war Frau Oberluggauers gigantischer postumer Haufen kaum kleiner geworden, und nachdem die Ababs in der Abenddämmerung abgezogen waren, kam ich – der allerletzte Leichenfledderer, die letzte Schmeißfliege, der letzte Geier, die letzte Ratte:Ich kam – nach neunzig Jahren, nach allen anderen, um genau an der Stelle, an der ich Frau Oberluggauer unter die neunzigjährigen Achseln gegriffen und wieder hochgestellt hatte, danach zu stöbern, was ich brauchen kann: Nach Worten. Nach Vokabular. Sprache lauert überall. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass mich weder der Dozent, noch die Ababs, noch sonst wer beobachtet, kam ich mit Kugelschreiber und Notizblock, musterte den durchnässten Haufen von allen Seiten, stellte mich schließlich hin und notierte unter der Überschrift Was bleibt: Sperrholz, ruinierte Komoden, modrige Matratzen, ein offenbar handgearbeiteter Vogelkäfig aus Holz à la Schikaneder (ohne Vogel), ein elektrifizierbarer Kunststoffchristbaum, eine Brille (zerbrochen), eine Brille (ganz), Zierpölster, Flechtkörbe, zwei zerschlissene & demolierte Plüschfauteuils in ausgebleichtem Olivgrün, Kleiderbügel, Blechnäpfe, 1e schwere Holzkiste mit Eisenverschlägen, Bettvorleger, 1 Fußabstreifer, Schuhe, Kleider, Hefte (unleserlich), Zeitschriften, der Buchdeckel einer alten Faust-Ausgabe (aber ohne Buch; der Inhalt restlos herausgerissen; die Worte Göthe – tatsächlich mit ö geschrieben, wie es Jean Paul getan hat! – und Faust in Kurrentschrift, eine Zierdecke, ein Ofen, Ansichtskarten.

Am nächsten Morgen war Frau Oberluggauers gigantischer verschachtelter Haufen kaputter Dinge urplötzlich aus dem Hinterhof verschwunden, als hätte es ihn gar nicht gegeben. Offenbar muss der städtische Entrümpelungslastwagen in aller Herrgottsfrüh gekommen sein und die Müllmänner müssen die Tonnen von Unrat beseitigt und abtransportiert haben, ohne dass ich auch nur das Geringste davon mitbekommen habe(in der Früh schlafe ich, wie es heißt, wie ein Toter).In der nun kahlen Wohnung selbst oben im vierten Stock sind alle Fenster sperrangelweit aufgerissen, auf dem Holzgeländer des Balkons hocken Tauben und lassen ihre Exkremente fallen. Das ist alles.


Aus dem Roman:
Absturz aus dem Himmel
Ein Dialog mit der eigenen Jugend
214 Seiten, gebunden, 19,90 Euro
ISBN 978-3-85452-676-6
Picus Verlag, Wien Herbst 2011
(auch als E-Book erhältlich)

Präsentationstermine 2011 – alle 19 Uhr:
Absturz aus dem Himmel: Klagenfurt: 18.10. Musilhaus
Villach: 20.10. Dinzlschloss
Das Mädchen im See: Klagenfurt 14.11. Landhausbuchhandlung

Das Mädchen im See
Illustrierte Neuausgabe.
Edition Atelier, Wien Herbst 2011
ISBN 978-3-902498-48-9

Egyd Gstättner, geb. 1962, studierte Germanistik und Philosophie an der
Universität für Bildungswissenschaften; lebt als freier Autor in Klagenfurt.
Arbeiten für Theater, Rundfunk und Printmedien; zahlreiche Bücher, zuletzt
Klagenfurt. Literarisches Portrait einer Stadt und Frau Wegscheiders Welt
(beide Carinthia Verlag 2010). Zahlreiche Preise und Auszeichnungen.
members.aon.at


Wolfgang Pollanz
Trije Ribniki, Maribor

I. Es heißt, dass eine Liebe
nur wirklich tief ist, wenn es einem gelänge,
sein Antlitz innerhalb zweier Atemzüge
in allen drei Teichen zu spiegeln.
II. Die Libellen, die Hüterinnen der Schlangen,
begleiten einen auf dem Weg.
Ihr Flug kann als Zeichen gelesen werden.
Oder auch nicht.
III. Von den drei Teichen aus
überquere ich neugierig den Berg,
steige hinunter zu den Weinhügeln,
wo der Laški Rizling wächst.

I. Pravijo, da je ljubezen
zares globoka le, če ti uspe,
da v času dveh vdihov zrcališ
svoje obličje v vseh treh ribnikih.
II. Kačji pastirji, čuvarji kač,
te spremljajo na poti.
Njihov let lahko beremo kot znamenje.
Ali pa tudi ne.
III. Ko zapustim Tri ribnike,
radovedno prečkam hrib,
sestopim do vinskih gričev,
kjer raste laški rizling.

 

Wolfgang Pollanz, geb.1954 in Graz, lebt in Wies, Steiermark. 1977 Gründung der Zeitschrift „Sterz“. Seit 1989 Herausgeber der „edition kürbis“ und seit 1998 von „pumpkin records“.
Programmgestalter der Kulturinitiative Kürbis Wies. Zahlreiche Veröffentlichungen (Romane, Prosa, Gedichte, in Literaturzeitschriften wie manuskripte, Sterz, Lichtungen, Schreibkraft, DUM, u.v.a. Diverse Preise, zuletzt 1. Preis „Vinum et litterae 2009“.
www.pollanz.com

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