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Musil in der Vor.Lese

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Musil in der Vor.Lese

geschrieben am 03.11.2008 12:40

Für alle, die Robert Musil noch nicht entdeckt haben, wird es nun neue Möglichkeiten geben, bekannte und unbekannte Werke kennen zu lernen. Mit „In der Dämmerung“ gibt „Die Brücke“ einen kurzen Auszug. Und die digitale Gesamtausgabe seiner sämtlicher Werke wird im November gestartet.

Robert Musil, geb. am 6. November 1880 in Klagenfurt, gest. am 15. April 1942 im Exil in Genf, lebte als Romancier, Essayist und Kritiker in Brünn, Berlin und Wien. In seinen literarischen und publizistischen Werken reagierte er auf die epochalen Umwälzungen in Europa im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und gestaltete auf der Grundlage einer naturwissenschaftlichen wie humanistischen Bildung die Revolutionen im Denken seiner Zeit literarisch aus. Mit seinem Hauptwerk, dem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (in Teilen 1930 und 1932 erschienen), geriet der Schriftsteller in der Zeit nach der Machtergreifung der Nazis an die Grenzen des Gestaltbaren, der Roman blieb unvollendet, an seiner Stelle hinterließ Musil ein literarischphilosophisches Laboratorium in tausenden Manuskripten.

In der Dämmerung

So hat’s den Tag denn endlich totgeregnet.
Im Zimmer wird es grau und still. Wie Staubluft legt sich’s schwer auf alle Dinge.
Der Bruder starrt in den Regen. Er weiß, dass es Regentage gibt und Sonnentage, er weiß, dass an den Regentagen aus den gehobenen Röcken der Frauen etwas sonderbar Lascives aufsteigt und dass an den Sonnentagen die Leute den Frühling in ihre Gesichter setzen.
Er weiß, dass beides Lüge ist.
Er ist daher vom Leben schon etwas enttäuscht und sucht im Unscheinbaren seine Sensationen.
Jetzt belauscht er den Regen.
Es liegt in einem tagelangen Regen eine suggestive Kraft, man wird traurig und zufrieden mit einem Mal und begreift, dass es schön sein kann unter Tränen zu lächeln.
Beim Fenster sitzt seine Schwester.
Sie hat einen Roman gelesen und dann von Gott weiß was geträumt. Von ihrem Klavierlehrer – oder von einem Lieutenant beim letzten Pferderennen – oder von dem Glück, die Mutter herziger Bébés zu sein.
Nun ist sie traurig und zufrieden mit einem Mal.
Aber sie weiß nicht warum.
Ihr Bruder weiß es.
In ihren grauen großen Augen liest er eine tiefe, tiefe Angst vor solchen Regentagen.
Sie ahnt von dieser Angst nichts; sie ist ein heiteres Kind. Die Tanzstunde freut sie, und die Literaturgeschichte und das Neugeborene ihrer Freundin.
Er aber fühlt, dass man solchen Frauen die Regentage weglügen muss; denn etwas in ihnen zittert und kann zerbrechen vor dieser Tage Grau in Grau – diesen totgeregneten Tagen.
Darum erzählt er ihr etwas, das sie gerne hört. Vom Leben. Aber er stilisiert. Er spricht von Frauen mit Sphinxaugen und Männern voll Güte und Festigkeit. Mit leiser tiefer Stimme spricht er, absichtlich gewählt und wohlklingend. Seine Worte sind so abgetönt und melodiös und passen zu den Wassertropfen, die an die Scheiben springen. Für ihn liegt darin eine schwermütige Ironie.
Zum Schluss nimmt er ihren feinen, gestreckten Arm und gibt ihr einen Kuss auf die Fingerwurzeln.
Dabei lächelt er über sich selbst und ist doch traurig.
Schwesterlein fein – Schwesterlein fein. – Im Zimmer ist es grau – und grau – und still.
M. Robert

Aus der "Brünner Sonntags-Zeitung" vom 5. November 1899 (die Rechtschreibung des neu entdeckten Musil-Textes wurde vom Musilforscher Dr. Josef Strutz an einigen Stellen behutsam modernisiert)

„Die Klagenfurter Ausgabe“ von Musils-Gesamtwerk

Zur weiteren Forschung und um das Werk Musils bekannter zu machen, wird ab 6. November, (an dem Datum wurde Musil in Klagenfurt geboren), die kommentierte digitale Gesamtausgabe sämtlicher Werke, Briefe und nachgelassener Schriften Robert Musils, herausgegeben von Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino, als DVD-ROM durch die Universität Klagenfurt zum Verkauf freigegeben. Sie enthält die Ergebnisse einer historisch-kritischen Erschließung des Gesamtwerks mit den Darstellungsmitteln digitalen Hypertexts, gefördert durch mehrere Projekte des österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF). Die Klagenfurter Ausgabe erscheint in Lizenz des Rowohlt-Verlags, bei dem das Copyright an den Texten Musils liegt. Benutzbar ist die Edition im Format FolioViews unter allen Windows-Versionen. Der Kaufpreis beträgt 149 Euro (10 Prozent Rabatt für Subskription auf die Erstauflage. Der Preis umfasst auch den Anspruch auf das erste Update und Support).

Für Informationen und Vorausbestellungen:
musiledition@uni-klu.ac.at
Robert Musil-Institut für Literaturforschung der
Universität Klagenfurt/ Kärntner Literaturarchiv
www.uni-klu.ac.at/musiledition

Version A (KARMA):
6. November 2008 – 31. Mai 2009:
Subskription und Prototyp-Bestellung
1. Juli 2009: Beginn der Auslieferung der Ersten
Auflage der DVD
2011: Auslieferung des ersten Updates

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