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Rebellen zwischen Ost und West

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Rebellen zwischen Ost und West

geschrieben am 02.12.2008 09:45

Die 68er im Rückspiegel. Eine ganze Generation ging zwischen Frankreich und Jugoslawien auf die Barrikaden. Studenten sorgten für gesellschaftliche Diskussionen. Slowenien wurde plötzlich in eine Richtung sozialisiert, die sowohl aus Ernst als auch Lust am Leben bestand.

Eine Rebellion.Keine Isolation

Die Studentenunruhen in Slowenien-Jugoslawien 1968–72

Eine Andeutung.* Jugoslawien, zwar als Ostblock bezeichnet, funktionierte anders als die übrigen kommunistischen Staaten Osteuropas. Es hatte keine dichten Grenzen. Mit einem jugoslawischen Reisepass konnte man mehr in der Welt herumreisen als mit irgendeinem anderen. Es gab direkte Züge nach Paris, Oostende via München, Hamburg und direkte Flugverbindungen. Für die jungen Studenten gab es aber damals noch eine andere Art, die populärste, zu reisen: per Anhalter. Der besondere Vorteil Sloweniens im Rahmen der Föderativen Republik Jugoslawiens war unsere geographische Lage: Wir brauchten nur ein paar Stunden, um ins westliche Ausland zu kommen. An der Grenze gab es keine großen Probleme, nur manchmal kriegten wir unfreundliche Blicke eines Zollbeamten. Durch diese Offenheit flossen Informationen, kamen Zeitungen und Bücher, Schallplatten und Jeans ins Land. Und natürlich jede Menge Hippies, die in Ljubljana nur einen Stopp machten und dann weiter nach Dalmatien fuhren. Man wusste genau, was in Amerika, Frankreich und Deutschland geschah, nicht zu vergessen die Ereignisse in der Czechoslowakei. Einige meiner Kollegen waren zur Zeit der Unruhen in Paris. Eine Gruppe internationaler Studenten, die in Wien ein Sprachseminar besuchten, nahm im August 68 am Ring an den Demonstrationen gegen den Einmarsch der sowjetischen Panzer in Prag teil. Ich war dabei.
Eine Entscheidung.* Obwohl zwei grundverschiedene Ideologiesysteme im Westen und Osten herrschten, hat die Jugend in der ganzen Welt ähnlich reagiert. Nach den Studentenunruhen in New York, Paris und Berlin kam es im selben Jahre zu starken Unruhen in Belgrad. Dann folgte in Ljubljana die erste Phase der Rebellion, bei der die Studenten vorerst mit gewerkschaftlichen Forderungen in die Öffentlichkeit traten. Am 9. Mai 1969 gründeten slowenische Studenten für diese Zeit einen einmaligen Sender in ganz Europa: Radio Πtudent. Zusammen mit der Studentenzeitschrift Tribuna sicherten sich die beiden Medien eine starke Position mit großen Auswirkungen. Die kritischen Stimmen wurden immer lauter, auch zu den Ereignissen im Ausland. Man organisierte einen Protest gegen den amerikanischen Einmarsch in Kambodscha im Mai 1970. Außerdem verlangten die slowenischen Studenten eine Reform der Universität, besonders stark wurde die soziale Problematik betont. Es folgte ein Kulturfestival, ein literarischer Lesemarathon, das Auftreten der Subkultur: die erste Kommune, Rock ’n’ Roll – Wirbel der Zeit, Ernst und Lust ... wie im westlichen Teil Europas. Im April 1971 kam es zu einer Versammlung mit rund 2000 protestierenden Studenten und darauf im Mai zu einer perfekt organisierten Besetzung der Philosophischen Fakultät in Ljubljana. Anlass war die Strafverfolgung zweier Studenten. Wir fühlten uns als Teil einer planetarischen Geschichte, in der wir uns alle wieder-gefunden haben ... Die Versammlung auf der A kerãeva war in erster Linie ein Event. Wir erfanden immer neue Gründe, um protestieren zu können, sagte in einer Dokumentation Jaπa Zlobec, Dichter und Botschafter, der damals sehr engagiert war. Die Besetzung dauerte fast eine Woche, an die Seite der Studenten traten viele Professoren, unter ihnen der charismatische Professor Duπan Pirjevec, ein ehemaliger Partisan, ein Heideggerianer und Spezialist für Hermeneutik und Strukturalismus.
Eine Entziehung.* Mit seiner Vorlesung, in der er sich auf Ratio berief und in welcher er betonte, dass ein erfolgreicher Weg nur durch Institutionen führt, endeten die revolutionären Tage. Was weiter geschah, war ein Rückzug ins Private oder ins institutionelle politische Engagement. Die Generation der Rebellen wurde zu Eltern, avancierte zu Professoren, besonders viele haben sich der Literatur verschrieben, wie Milan Dekleva, auch ein Kollege und heute ein sehr renommierter slowenischer Dichter. Zufriedenheit oder Enttäuschung? Für manche einfach nur eine Episode.

Lučka Jenčič
Absolventin der Philosophischen Fakultät der Uni Ljubljana. Hat bisher 14 Bücher aus der deutschsprachigen Literatur übersetzt und publiziert in den slowenischen Medien.
(*eine Andeutung-eine Entscheidung-eine Entziehung: frei nach Thomas Bernhard)

Die Bruecke bringt dazu in der Vor.Lese erste deutsche Texte des renommierten slowenischen Autors Milan Dekleva (er wurde erstmals auf der Frankfurter Buchmesse 08 im deutschsprachigen Raum mit dem berühmten Chronisten der 68er Generation, dem Philosophen und Fotografen Michael Rutschky präsentiert). Sein erster Roman "Auge in der Luft" reicht zurück in die Zeit der Studentenrevolte – übersetzt von Daniela Kocmut.

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