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Slowenisch lernen

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Slowenisch lernen

geschrieben am 12.12.2011 13:24

Das forderte Literatur-Kämpfer Janko Messner zum Wohle der Zweisprachigkeit des Landes. Nach seinem Ableben kurz vor seinem 90sten Geburtstag und der Lösung der Ortstafelfrage ist ihm ein Nachruf samt ausführlicher „Vor.Lese“ gewidmet.

Prof. Reitermayer lernt Slowenisch

Janko Messner


Vor nun 60 Jahren erwies sich der bereits verstorbene Prof. Walter Reitermayer, mein Biologielehrer, als meine seelische Stütze. Ich war damals 17 und erst Quartaner dieser Schule – wohlweislich nicht zu verwechseln mit Quartalsäufer, denn unsereiner hat den Granitztaler Apfelmost nicht wie eine Droge genossen, sondern immer nur mit Maß: ein Krügel zur Roggenbrotschnitte mit geselchtem Speck, beim vulgo Jager in St. Martin, oberhalb des Wirtes.

Ich sagte »seelische Stütze«, weil der Professor, wie auch ich, ein klarer, entschiedener Gegner des Nationalsozialismus war, der damals, 1939, in »Spanheim« besonders üppig sproß. Eines Vormittags winkte er mich in der Pause auf dem breiten Schulgang zu sich und fragte mich leise:
»Kannst du mich am Nachmittag über den Berg begleiten, auf die slowenische Seite zur Drau hinüber. Ich möchte angeln gehen.«
»Gerne.«

Wir vereinbarten einen unauffälligen Treffpunkt am Waldrand hinter St. Martin. Ich mochte den beredeten, breitschultrigen, blitzgescheiten Mann, von großem Wuchs, dem stets der Schalk im Nacken saß und der einen vertrauenerweckenden herzlichen Zug um den Mund hatte.

So saßen wir denn an der wildrauschenden Drau. Er warf gekonnt die Angelschnur mit dem Köder aus und sagte plötzlich zu mir:
»So, Janko, ich möchte, daß du mir zehn wichtige slowenische Wörter beibringst. Zählen kann ich schon bis zehn – ena, dve, tri, štiri, pet ...«
»Sehr gut, Herr Professor!«

»Laß doch den Professor weg. Unter uns wollen wir Du-Freunde sein. Wir sind ja schließlich politisch Gleichgesinnte, oder? Die Subordination gilt für dich nur in der Schule, da heißt es allerdings: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Seit ihr damals zu viert aus dem Schülerheim Franz Kopp [vorher und nachher Konvikt »Josefinum« – Anm. J. M.], bei Nacht und Nebel ausgerissen seid, wird gemunkelt, du seist der Anführer des geistigen Widerstandes. Du weißt vielleicht nicht, daß Gestapo-Männer deinetwegen beim Direktor vorgesprochen haben. Du wirst beobachtet! In jeder Klasse sitzen Konfidenten des Direktors. Der verspritzt Galle wegen deiner starrköpfigen Ablehnung der HitlerJugend: »Dem Schlawiner zeig ich’s auch noch!««

»Ich sag dir, Walter, diese Großmauler und Grobiane können mich… Mit denen werd ich niemals durch St. Paul marschieren, um diesem Hitler zu Ehren herumzurandalieren! Lieber verlaß ich die Schule.«
»Ich steh auf deiner Seite, Janko, der Nußbaumer gehört auch zu uns, und der Cuder! Auch Altrichter ist ungefährlich. In acht nehmen mußt du dich aber vor dem Hänslein! Er ist der verbissenste Hitler-Verehrer, er hat womöglich das Bild des Führers unter seinem Kopfpolster!«
»Weiß ich, Walter. Wir nennen ihn den »Schreier«. In seinen schwarzen, lackierten Stiefeln, mit seiner Hakenkreuzschleife über dem Ärmel und mit seinem zynischen Grinser sieht er aus wie der leibhaftige Mephisto ...«

»Nun, bis ein Fisch anbeißt, können wir ja mit der ersten Slowenisch-Stunde anfangen. Also ena, dve, tri ... Du wirst sehen, Janko, der Hitler wird sicher noch über die Slawen herfallen – aber das wird ihm das Genick brechen, dem Trottel. Die Nazi-Kriegslust wird sich totlaufen. Dann werden die Slawen das Miserere auf den Germanenhochmut singen und die Bühne der Weltgeschichte betreten. Nach ihnen kommen dann die Chinesen und die Japaner. Hundertprozentig, das kann ich dir als Biologe sagen. Und diese schwachsinnigen Prediger der »reinen, nordischen Rasse« können dann auf immer und ewig flöten gehen.«

»Dann bekämen auch wir Kärntner Slowenen einmal eine Chance aufzuatmen?«
»Ja, natürlich. Was meinst du denn wohl, weshalb ich von dir eure Sprache lernen möchte?«
»Ja, dann aber gleich in medias res: miza - Tisch, riba - Fisch, kaša - Brei, jajce - Ei ... Ti pa jaz pa židana marela – Du und ich und ein seidner Regenschirm ... Ti pa jaz se bova rada imela – Du und ich, wir werden einander gern haben ... Das waren aber jetzt schon mehr als zehn Worte!«
»Schön! Aber jetzt wiederhol alles noch einmal ganz langsam, ich will’s dann aus dem Kopf hersagen.«
Und Walter sprach mir alles fehlerfrei nach.

»Sag, Janko, hast du schon etwas vom tschechischen Schriftsteller Jaroslav Hašek gehört? Von den Abenteuern des braven Soldaten Schwejk? Ich besorge dir die deutsche Übersetzung ...«
»Und worum geht es dabei?«
»Schwejk ist ein gerissener Kriegsverweigerer, der seinen Soldatendienst für den österreichischen Kaiser im Ersten Weltkrieg umwandelt in eine geistreiche, pazifistische Clownerie und so mit heiler Haut aus dem Krieg zurückkommt nach Prag. Nun sag mir aber, was heißt auf Slowenisch: schweigen wie ein Fisch?«
»Molčati kakor riba.«
»Und was heißt: ich muß?«
»Moram.«
»Also wenn dich Hitlerjungen in der Schule provozieren, weil sie einen Feind in dir sehen, denk immer daran: Moram molčati kakor riba!«

(aus dem Band 7, Spanheimer Idyllen besonderer Art)


Ausgewählte Werke 6 – Kritisches und Polemisches
Ausgewählte Werke 7 – Satirisches und Dokumentarisches

Beide: Gebunden mit Schutzumschlag, ca. 200 Seiten, Euro 21,50
Hg. Jozej Strutz
www.drava.at


Janko Messner, geb. am 13. 12. 1921 in Aich/Dob bei Bleiburg/Pliberk, gest. 26.10.2011 am Radsberg/Radiše, zählt zu den markantesten Vertretern der kärntnerslowenischen Literatur. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und Auszeichnungen, darunter Das goldene Prag 1977 für das Fernsehdrama »Vrnitev« (Rückkehr), den Preis der France- Prešeren-Stiftung, Ljubljana 1978, Prešihov-Voranc-Preis, Ravne na Koroškem 1987, Literaturpreis Vstajenje, Triest 1989 oder 2008 den Würdigungspreis für Literatur des Landes Kärnten. Er war Schriftsteller, Dichter, Essayist, Dramatiker und wortgewaltiger Polemiker und schrieb in seiner slowenischen Muttersprache und auf Deutsch. Er war auch als Übersetzer tätig.

Mit den Bänden »Kritisches und Polemisches« sowie »Satirisches und Dokumentarisches« ist die siebenbändige Auswahl aus den Werken von Janko Messner abgeschlossen. „Ausgewählte Werke“ des Doyens der kärntnerslowenischen Literatur wurden von Jozej Strutz bei Drava in Klagenfurt/Celovec herausgegeben und mit einem Vorwort versehen.

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