Herzlich
Willkommen auf der
Kulturhomepage der Kärntner Landesregierung


Ihr Kulturreferent Landesrat DI Christian Benger
Veranstaltungstipps, Nachlese und Kulturnews aus ganz Kärnten.

Tanz im Alpen Adria Raum

« zurück

Beitrag teilen

Tanz im Alpen Adria Raum

geschrieben am 05.05.2009 10:40

Mit einer neuen Serie will die Bruecke eine Standortbestimmung über eine hierorts lange vernachlässigte Kunstform beginnen: Tanz in Kärnten und darüber hinaus (diesmal mit einem Blick zur florierenden Tanzscene in England).

9. April 2009, 19.30 Uhr: Auf der Guckkastenbühne räkelt sich ein Lebewesen. Tier oder Mensch? Langsam und mit elastischer Muskelspannung erhebt sich ein perfekt trainierter Körper. Kenia Bernal Gonzalez, die Krähe in Karl Alfred Schreiners Choreografie von Schuberts Winterreise, endet aufrecht, in virtuosen Drehungen um die eigene Achse. Die Winterreise in der Orchesterfassung von Hans Zender ist die erste Ballettproduktion am Klagenfurter Stadttheater seit 18 Jahren.

Schauplatzwechsel.
9. April 2009, 20.15 Uhr: „Oleoleoleole, ole, ole!“, hallt es durch das Klagenfurter Volxhaus. Mit wellenförmig hoch geworfenen Armen, ähnlich der Gestik von Fußballfans laufen neun Tänzerinnen und zwei Tänzer der Bewegungswerkstätte_ Skunk & Guests auf die Spielfläche. In der Performance Qualia, einem Mix aus Ausdruckstanz und (Kontakt)Improvisation, führen sie uns hochkonzentriert, federnd und doch mit lockerer Körperspannung in die „Einsamkeit der Gruppe“.

Unglaublich für eine Stadt wie Klagenfurt, die gemeinhin als Tanzwüste gilt. Nur zwei Kilometer voneinander entfernt fanden zeitgleich zwei Tanz-Uraufführungen statt! Die beiden Tanzproduktionen unterscheiden sich wesentlich in Handlung, Erzählbogen, Stil und Tanztechnik und zeigen die Spannbreite des Bühnentanzes: von Ballett über Tanztheater bis zum zeitgenössischen Tanz.

Innerhalb der darstellenden Künste kämpft der Bühnentanz regelmäßig um Akzeptanz. Sei es auf großen Bühnen, wo der Sparstift als erstes die Ballettkompanien trifft, sei es in der freien Szene, wo zeitgenössischer Tanz häufig den kleinsten Anteil an Förderungen bekommt. Professionelle Tanzberichterstattung spiegelt dieses Dilemma auf Medienebene. Fachmagazine und spezialisierte Websites berichten fundiert und mit geschultem Blick. Abgesehen davon gerinnt die Tanzkritik häufig zum spektakulären Foto vom schönen Körper in artistischer Pose oder wird von der Musikkritik mitbetreut. Das Wiener ImPulsTanz Festival, bastelte letzten Sommer eine kreative Gegenstrategie und entwickelte Critical Endeavour, ein dreiwöchiges EU-Fortbildungsprogramm für elf ausgewählte, angehende Tanzkritiker aus neun europäischen Ländern. Ihr Ziel, langfristig mediale Präsenz sowie fachkundige Tanzkritik anzukurbeln, klappt offensichtlich. In Zukunft will sich DIE BRUECKE verstärkt dem Tanz annehmen und beauftragte mich mit einer losen Serie über Tanz in Kärnten und im Alpen-Adria-Raum.

Gleich nach Fußball kommt Tanz. Vergleicht man die österreichische Tanzszene mit der englischen, so lassen sich gravierende Unterschiede erkennen. Während hierzulande der kulturelle Diskurs in kleinen Fördertöpfen zerkocht, buttert Großbritannien seit den 80ern viel Geld in den Tanzsektor und forciert inhaltliche Debatten. Der Erfolg spricht für sich. Die Studie Dance Training and Accreditation Project aus dem Jahr 2008 belegt, dass Tanz für Kinder und Jugendliche inzwischen die zweitwichtigste körperliche Aktivität nach Fußball ist. Kein Wunder, firmiert doch der strategische Drei-Jahres-Plan (2008-2011) des British Arts Council unter dem Titel Great Art for everyone. Gleichberechtigter Zugang zur Kunst unabhängig von sozialer Zugehörigkeit, Leistbarkeit von Kunst unabhängig von ökonomischen Bedingungen und breiteste Kunstförderung, das sind die politischen Schlüsselziele.
Die rasante Entwicklung des zeitgenössischen Tanzes dort schuf eine neue Tanzgeneration, die jedoch konsequent nach London abwanderte. Um diesem Trend Einhalt zu gebieten, reagierte die Regierung mit der Bereitstellung finanzieller Mittel für je ein Tanzhaus pro Region. Rachel Emmett, Managerin des Tanzhauses Dance 4 in Nottingham, erinnert sich: „Jeder konnte sich bewerben. Du musstest nur professionellen Tanz außerhalb von London machen.“ Inzwischen arbeiten neun nationale Tanzhäuser, darunter Yorkshire Dance, über ganz England verteilt.
Das Tanzhaus Yorkshire Dance in Leeds, einer 760.000 Einwohner zählenden Finanz- und Dienstleistungsstadt im Norden von England, befindet sich in einem ehemaligen Warenlager für Textilien, einem vierstöckigen Ziegelbau, der an die Innenstadt grenzt. Gegründet 1981 zählt Yorkshire Dance zu den ältesten Tanzhäusern der Insel. „Yorkshire Dance aims to inspire people’s lives through the transformational power of dance.“, bringt Wieke Eringa, die künstlerische Leiterin von Yorkshire Dance, ihre Vision auf den Punkt. „Wir lieben unsere Arbeit, obwohl sie unsere ganze Kraft fordert.“ Neun voll- und 13 teilzeitbeschäftigte Menschen von der Geschäftsführung bis zum Reinigungspersonal halten das Tanzhaus rund 70 Stunden die Woche in Schwung. Das Haus läuft dank seiner dreisäuligen Programmierung von Publikumsentwicklung über Nachwuchsförderung bis zu Tanzerziehung wie am Schnürchen: Zum einen beauftragt Yorkshire Dance regelmäßig arrivierte, britische Künstler zeitgenössische Eigenproduktionen zu kreieren und lädt (inter)nationale Gastspiele in Kooperation mit anderen Tanzorganisationen ein. Zum anderen unterstützt Yorkshire Dance junge Talente bei ihrer künstlerischen Entwicklung. Mit Hilfe von kostenloser Probenraumbenutzung, Feedback, Residencies und beworbenen Aufführungen arbeitet sich der Nachwuchs Stufe um Stufe empor. Als dritte Säule offeriert Yorkshire Dance nicht nur im Tanzhaus selbst, sondern auch in sozial benachteiligten Bezirken ein ausgeklügeltes Kursangebot. Gestaffelt nach Schwierigkeitsgraden zielen die Tanzklassen auf alle Altersgruppen unabhängig von ihren kulturellen Hintergründen.
Insgesamt spiegelt Yorkshire Dance den demokratischen, englischen Pioniergeist, der Tanz immer in der Dualität von sozialer und künstlerischer Dimension denkt. Dank hoher Fördersummen der öffentlichen Hand sind spannende Konsequenzen auf der Insel zu erwarten. In Kärnten wie auch im Alpen-Adria-Raum bewegt sich Tanz aufgrund seiner spezifischen, historischen Entwicklungen in anderen Strukturen. Vieles ist zu berichten, ich denke dabei im Moment an: Bernadette Prix-Penasso oder Klaudia Ahrer und Last Friday Jam in Klagenfurt, Andrea K. Schlehwein in Millstatt, Milli Bitterli und Saskia Hölbling beim Villacher Spectrum, das Johann Kresnik Symposion in Bleiburg, an die „internationale“ Anna Hein und die Nachwuchshoffnung Astrid Seidler, Peter Breuers Carmen im Villacher Congress Center, Exodos-Festival in Laibach, Festival Corpi Sensibili in Udine...
Ingrid Türk-Chlapek

Infos:
www.tanzpark.at
www.stadttheater-klagenfurt.at

Ingrid Türk-Chlapek, geb. 1963 in Wien. Studium der Tanz- und Theaterwissenschaft; seit 1995 Rote Nase Clowndoctorin; 1997-2007 künstlerische Leiterin Artemis Generationentheater; seit 2007 Beiträge im deutschen Fachmagazin tanz.journal;
Sommer 2008 Critical Endeavour, tanzjournalistisches EU-Projekt, ImpulsTanz Wien; Februar 2009 Yorkshire Dance (Tanzhaus/Leeds/UK); Leonardo da Vinci EU-Projekt, Universität Klagenfurt.

Interessiert? Bleiben Sie mit dem Kulturchannel in Verbindung!

Wir auf Facebook

Newsletter abonnieren

Erhalten Sie aktuelle News und Veranstaltungen per E-Mail.