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Tormannfragen

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Tormannfragen

geschrieben am 31.03.2008 13:01

Ein Gespräch der bekannten ORF-Kulturjournalistin Katja Gasser mit Peter Handke zeigt, wie der Autor gegen den lauten Strom mit literarischen Worten ankämpft - mit Ironie und Charakterfestigkeit.

Mehr als den Austragungsort hat der aus Griffen stammende Autor wahrscheinlich nicht mit der EURO 08 gemeinsam, wenngleich eine frühe Erzählung Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970 Suhrkamp) lautet, die gemeinsam mit Wim Wenders, mit dem Peter Handke mehrere Filme macht, 1971 realisiert wird.

Im Zusammenhang mit seinem 65. Geburtstag sind eine Reihe von Büchern erschienen bzw. neu aufgelegt worden (wie Wunschloses Unglück, suhrkamp taschenbuch, …)

Die morawische Nacht,
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main, 2008,
Erzählung, 560 Seiten, Leinen, Euro 28,80

Meine Ortstafeln – Meine Zeittafeln
Essays 1967 – 2007
Suhrkamp 2007, 623 Seiten,

Kali. Eine Vorwintergeschichte
Suhrkamp 2007 (Broschiert)

Hans Höller
rororo, monographie

…und machte mich auf, meinen Namen zu suchen
Peter Handke im Gespräch mit Michael Kerbler
1. Band der Reihe GEHÖRT GELESEN (mit CD)
Wieser Verlag, Klagenfurt 2008

Von einer Begegnung mit Peter Handke

Gekleidet wie ein junger Mann, so kommt er zum Gespräch. Ausgewaschene Jeans, weißes Hemd, weit offen, darunter ein bunt-glitzerndes Top. Über all dem ein langer, zu langer schwarzer Mantel. War er wirklich zu lang? War der Mann wirklich Peter Handke? War er jung? War er alt? Jedenfalls: Schwermut und Leichtsinn in seinen Augen.

Entschuldigen Sie, ich brauche noch einen Moment, werfe ich ihm vom Schminktisch aus zu – ich werde „fernsehtauglich“ gemacht – und kann mir den Nachsatz: Ich werde für Sie schön gemacht nicht verkneifen. Was ich für diese anbiedernde Dummheit ernte ist: „Machen Sie, was Sie wollen!“. Das habe ich verdient. Untertanengeist und Unterwürfigkeit: nichts verachtet Peter Handke mehr als das. Nichts fordert er mehr heraus als das. Nichts lässt er sich lieber gefallen als das. Zuweilen zumindest. Ganze Schriftstellerreihen sind etwa anlässlich seines 65. Geburtstages umgefallen, in die Knie gegangen, vor Ehrerbietung. Peter Handke hat das nicht nötig. Nötig haben es die, die ihn anbeten. Aber es hilft ihnen nichts: der Glanz färbt nicht ab. Vielmehr wirft er Schatten. Elende. Blei bei dir, bleib ruhig, sage ich zu mir. Peter Handke wird sich wohl zeitgleich gedacht haben: ja, ja, so sind sie, die vom Fernsehen.

Die Kameras laufen. Ob er mehr mit den Anfängen oder mit den Enden hadere beim Schreiben, frage ich ihn das Gespräch eröffnend. Während ich frage, raunt er mir zu: Halten Sie mir stand! Zumindest bilde ich mir das ein. Und dann antwortet er. Wie ein Kind, das etwas begriffen hat und sein neu erworbenes Wissen, die jüngste Erkenntnis mitteilen möchte: zunächst zögert es, gibt sich dann aber doch einen Ruck; und die Sätze brechen aus ihm heraus mit großer Dringlichkeit, in die das Zaudern eingeschrieben bleibt. Und Freude. Und Sanftmut. Und Wut. Etwas von sich zu geben, über sich zu sagen: dieses Wollen steckt in Peter Handkes Sätzen, die sich Zeit lassen, nicht nur mit dem Zu- Sich-Selbst-Kommen, an das er manchmal zu glauben scheint und dann wieder nicht. Dieser Drang, etwas möglichst Gültiges über das Mensch-Sein in dieser Welt zu sagen: wer will das heute schon hören? Das ist nicht eitles Gewäsch, wie man es allzu oft zu hören bekommt, auch kein „Hört, Hört! Das meine ich!“, nein. Da spricht jemand, der sich selbst, mit all seinen Abgründen und Schönheiten zu zeigen gibt. Da spricht jemand, der sich selbst in die Waagschale wirft – wissend, dass er angreifbar ist und sich angreifbar macht, und das nicht nur mit dem, was üblicherweise als „Handkes vehemente Parteinahme für Serbien“ zusammengefasst wird. Gib den Menschen den Schmerz wieder, heißt es in der „Geschichte des Bleistifts“. Und es ist, als ob unser Gespräch auf diesem Satz gründen würde: Peter Handke will treffen, in Seele, Herz und Hirn. Nicht um zu zerstören. Zumindest nicht ausschließlich. Vielmehr: Um wiederzubeleben, das Innerste, um Leben zu geben, mit allem. Und da kann es schon einmal vorkommen, dass der Glaube an die Rettung in der Schönheit, im erhabenen Ton, im „Guten“ – was auch immer das ist – zuweilen einer Verneinung des Lebens selbst nahe kommt.

Immer wieder gerate ich ins Wanken ob Peter Handkes Unberechenbarkeit im Gespräch. Er fordert mich heraus von Angesicht zu Angesicht: sobald man sich in allzu großer Sicherheit wiegt, zieht er einem den Boden unter den Füßen weg, ohne um die kalkulierte Erschütterung großes Aufheben zu machen. Alles Verabredete will hier neu verhandelt werden. Beständig. Geduld ist gefordert, im Lesen wie im Zuhören. Geduld und Ungeduld, Freude und Trauer, Mut und Mutlosigkeit, Achtung und Verachtung, Skepsis und Glaube, Widerstand und Nachgiebigkeit sind bei Peter Handke stets präsent. Im Schreiben wie im Sprechen ist es ihm um das Ausloten der Zwischenräume zu tun, um das sichtbar Machen des Fruchtbaren im Unsicheren: „Das Schreiben muss sich ereignen am Rand der Verzweiflung und am Rand der Seligkeit (aber immer nur am Rand); und die Worte dann müssen ans Wunderbare grenzen (‚Geschichte des Bleistifts“)“. Nie ist es das Zentrum, von dem aus Peter Handke die Welt betrachtet und beschreibt, es sind die Ränder, die es ihm angetan haben, er ringt um sie, im Widerstand dagegen, dass sich inzwischen die Position des „Vom-Rande-aus-die-Welt-Betrachten“ jeder mittelmäßige Schreiber auf die Fahnen heftet, ohne natürlich daraus irgendwelche Konsequenzen für sich und das eigene Tun zu ziehen. Es geht im Schreiben um mehr als um Könnerschaft. Das hervorzuheben wird Peter Handke im Gegensatz zu und zum Ärgernis vieler Könner-Kollegen nicht müde. Ach dieses Pathos, heißt es dann hinter vorgehaltener Hand. Ach diese Selbstüberschätzung. Aber nur so ist sie nicht totzukriegen, die Literatur. Ein Missverständnis? Rückwärtsgewandt? Vielleicht. Modern, fortschrittlich wollte Peter Handke aber ohnehin nie sein. In seinem jüngsten Roman „Die morawische Nacht“, in dessen Zentrum ein ehemaliger Autor steht, heißt es an einer Stelle: „Selbst sein Bücherschreiben, in der Zeit, da er sich noch als Autor verstand, war immer wieder mit auf den Weg gebracht worden von dem, ja, Bedürfnis, jemanden retten zu sollen, und eines Tages war ihm auch klar geworden, wie er einmal zu sterben wünschte: entweder am Tisch, mitten im Aufschreiben, oder im Versuch, zum Beispiel jemanden aus einem brennenden Haus oder vor einem Todeskommando zu retten.“

„Der Lärm war da, weltweit, und hörte nimmer auf“, ist in demselben Roman Peter Handkes zu lesen. Gegen diesen Lärm schreibt und spricht Peter Handke an. Gegen den Lärm in den Menschen selbst, den sie sich umhängen, um nicht das eigene innere Schweigen hören zu müssen. Gegen den Lärm in der medial bestimmten Welt, in der Schwarz-Weiß- Relationen als Allheilmittel lanciert werden. Dass sich Peter Handke dabei immer wieder selbst in Schwarz-Weiß- Mustern verfängt, kann man nicht zuletzt auch in der „Morawischen Nacht“ nachlesen, wenn auch mit Ironie versehen. Peter Handke will nicht Recht haben, er will auch nicht Recht behalten: vielmehr hat er sich eine beständige Widerstandshaltung der Behauptung von Welt und der Selbstbehauptung gegenüber zu eigen gemacht. „Es ging mit den Stunden, mit der Zeit, um etwas, beim Himmel, bei – wer weiß was,“ heißt es an einer Stelle in der „Morawischen Nacht“. Und weiter: „Immer entschlossener zeigte er sich, immer herausfordernder, immer unbeirrbarer, immer ausschließlicher; mehr und mehr nah an einer Art von Fanatismus.“ Im Gespräch mit mir sagt er an einer Stelle: „Ich habe einen Hang zur Demagogie“. Ja, den Hang zur Demagogie hat Peter Handke: er tritt dagegen an, manchmal mit, manchmal ohne Erfolg. Und manchmal lässt er sich einfach treiben, wie ein Kind, auf der Suche nach Bestätigung, auf der Suche nach Anerkennung, auf der Suche nach einem Verstanden-Werden und einem Ankommen, das es als endgültiges gedacht wohl nicht gibt: weder für Peter Handke noch für seine Leser. „Um die Konturen von Dingen war ihm zu tun, wie seinerzeit in der Kindheit“, kann man in der „Morawischen Nacht“ lesen. Und im Gespräch mit Peter Handke habe ich, je länger es andauert, das Gefühl, dass nicht nur seine, sondern auch meine Konturen sichtbar werden, so wenig erfreulich sie mir in manchen Momenten auch scheinen. Meine Unsicherheiten, mein Wissen-Wollen und Wünschen, meine Unwissenheit. Und das ist nicht immer rund. Und schon gar nicht immer schön. Das Stocken, das Stammeln: sie gehören dazu. Ich habe gelernt, denke ich nach dem Gespräch, ich habe eine Erfahrung gemacht. Und wie oft denkt man das schon. Wie oft hat man schon die Möglichkeit, mit einem fremden Menschen eine wirkliche Erfahrung zu machen. Außerdem: Peter Handke ist alt, Peter Handke ist jung und sein Mantel ist nicht zu lang. Katja Gasser

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