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geschrieben am 04.02.2014 15:00

Exklusiv für die Bruecke trafen sich mit Oliver Welter und Robert Stadlober, die beiden Kärntner Aushängeschilder für Musik und Schauspielkunst, um über die großen und kleinen Dinge auf und abseits der Bühne zu reden. So erzählt Stadlober wie er mit dem Begriff Heimat langsam Frieden schließt und warum Welter nach Roberto Bolano nie mehr ein Buch lesen will.

ES IST EGAL, ABER …

Oliver Welter und Robert Stadlober treffen sich und reden über die großen Dinge. Kunst, Tod, Bolano und Salat.

HEIMAT
Welter: Ich weiß, dass dies ein rechtspopulistisch besetzter Begriff ist, aber dennoch habe auch ich ein Recht ihn zu verwenden. Und dieses Umfeld hier, Klagenfurt, Kärnten, das ist meine Heimat. Egal wo in der Welt ich bin, irgendetwas zieht mich doch immer wieder hierher zurück.
Hier habe ich meine Wurzeln. Das ist die Heimat, die auch mir gehört.

Stadlober: Mit fortschreitendem Alter hat der Heimatbegriff bei mir, glaube ich, die politische Brisanz verloren. Ich kann von Heimat sprechen ohne damit zu meinen, was bestimmte andere damit meinen. Es entsteht eben ein besonderes Gefühl, wenn ich wieder in die Steiermark komme. Etwas, das ich nicht sehr mag, gegen das ich mich auch wehre, das aber trotzdem zu mir gehört. Und ich freunde mich damit immer mehr an.

ROBERTO BOLANO
Stadlober: Er ist für mich einer, der in einer unglaublichen Haltung zur Welt stand und sein ganzes Leben dieser Haltung gewidmet hat. Das bewundere ich. Es überstrahlt für mich sogar sein schier unfassbares Schreiben. Da war einer wie aus einer anderen Zeit, der an keinen wie auch immer gearteten Markt dachte, sondern schrieb und lebte, wie er schreiben und leben musste. Die Welt hat sich ja nun auch, zumindest ein wenig, geeinigt auf ihn. Aber der Treppenwitz der Geschichte ist, dass er das leider nicht mehr mitbekommt, er ist ja tot.

Welter: Wenn ich ins Kino oder Theater gehe, ein Buch lese oder Musik höre, dann will ich von Werken erschlagen werden. Das eine Buch, das mich sprachlos hinterlässt, die eine Platte, nach der ich nie wieder Musik hören will. Nach Bolanos Roman ,2666‘ dachte ich: ,Das war´s. Ich bin verloren für alle künftigen Formen der Literatur.‘ Denn das ist das eine Buch, das geschrieben werden musste.

KUNST
Welter: Seit Anbeginn sollte die ,große Weigerung‘ die Aufgabe der Kunst sein. Kunstschaffende sind nicht dazu da, reflexiv zu wirken und zu arbeiten, sind nicht dazu da, gesellschaftliche Phänomene einfach nur aufzugreifen und zu beschreiben, sondern schon auch in einem Wesen zu agieren, das da besagt: Ich bin nicht einverstanden. Und sämtliche Kunst, die mich eingenommen hat, die war und ist meist nicht nur reflexiv, sondern versucht zu wirken, zu bewegen und zu verändern.

Stadlober: Ich würde sogar sagen, dass Kunst wahrscheinlich die einzige gesellschaftliche Kommunikationsform ist, in der es möglich ist, den dritten Raum aufzumachen. Ein Gegenentwurf zu dem, was einen umgibt. Kunst darf so ziemlich alles, sie ist nicht Realität. Man kann sich in ihr verlieren. Im positivsten Sinne eskapistisch ergeben.

DAS GOLDENE VLIES
Stadlober: Ich habe, vor meiner Arbeit hier am Stadttheater Klagenfurt, das Stück nicht gelesen und habe mich nach der Lektüre dann auch gefragt, muss man es auf die Bühne bringen? Dann haben wir als Ensemble begonnen zu assoziieren, ein eigenes Universum aufgemacht. Die Kernaussage des Stücks für mich ist ja die Angst vor dem Fremden, wie man mit Fremdem umgeht. Spannend war, dass Fremdheit sich zwischen zwei Menschen oder bei einem selbst recht schnell einstellt. Und das dann nicht zu negieren, zu meinen ‚das ist der Feind‘, sondern zu sagen, das was einen ausmacht und Leben spannend macht, ist der Punkt, wo einem etwas fremd ist, oder man sich selbst fremd ist…

Welter: Ja, warum eigentlich auf diese Bühne? Diese Frage ist aber obsolet, wenn das Ergebnis so toll ist wie eben euer Abend mit seiner großstädtischen, metropolischen Aussage. Diese knapp zwei Stunden haben mich in einen seltsamen Trance-ähnlichen Zustand versetzt. Das ist es, was Kunst kann. Sie öffnet dir einen neuen Raum, eine dritte Ebene. Große Verbeugung.

EXZESS
Welter: Ich bin ein großer Freund des Exzesses. In jeglicher Form. Ich glaube nicht, dass er reiner Selbstzweck ist, sondern mit Haltung zu tun hat. Exzess ist Philosophie, eine Denkform des Lebens an sich. Es geht darum, in verschiedensten Bereichen über das Limit hinaus zu gehen. So weit, bis es eben auch ungesund werden kann, oder sich, wenn man gewisse Schmerzensbereiche überschreitet, plötzlich etwas Neues auftut. Man zahlt vielleicht oft einen hohen Preis dafür, aber der kann nie so hoch sein, dass er das Ergebnis nicht rechtfertigt.

Stadlober: Ich glaube, dass eine exzessive Haltung zum Leben die eigentlich einzige Antwort auf einen beschränkten Rahmen ist, die einzige Möglichkeit Großes zu erleben. Deshalb ärgert mich wie damit mittlerweile umgegangen wird. Durch äußere Kontrolle werden Ideen verhindert, die durch den Exzess entstehen könnten. Ich werde immer ein großer Verfechter des Exzesses sein.

SALAT
Stadlober: Ist die für mich wahrscheinlich erdigste Erdung, die ich kenne.

Welter: Interessiert mich nicht.

TOD
Welter: Der Tod ist das eine große kardinale Ereignis, vor dem ich mich so unfassbar anscheiß. Wir können da lang herumreden, dass der Tod zum Leben dazugehört, dass er tabuisiert wird, dass wir uns zu wenig damit beschäftigen, aber seit Ewigkeiten ist es einfach das Kernereignis, vor dem ich mich unfassbar fürchte. Ich denke, dass der Tod unser Leben beschließt und damit war´s das. Ich bin kein Agnostiker, sondern Atheist. Ich glaube an keine Option, sondern dass wir nur dieses eine irdische Leben haben, das ich mit Freude unter Freunden und anderen Menschen hier auf diesem Planeten verbringen will. Nur, dies wird irgendwann zum Ende kommen. Und dieser Gedanke lähmt mich.

Stadlober: Ich hatte schon als Kind wahnsinnige Angst vor dem Tod, war schon damals überzeugt, dass es dann nicht mehr weiter geht. Ich habe damals für mich beschlossen, dass sterben ungerecht ist. Nicht, dass man stirbt, sondern alleine stirbt. Käme morgen die Apokalypse und würde alles hinwegfegen, wär das in Ordnung, sogar spannend. Aber zu wissen, ich muss weg und die anderen dürfen weiter machen, ist nicht gerecht. Sterben ist die größte Ungerechtigkeit der Menschheitsgeschichte.


Robert Stadlober, geb. 1982 in Friesach. Mit elf Jahren begann er als Synchronsprecher, kurz darauf fing er an in verschiedenen Fernsehproduktionen und Kinofilmen mitzuwirken. Für seine darstellerische Leistung erhielt er diverse Preise. Seine Filmografie umfasst u.a. Filme wie Sonnenallee, Crazy oder Wie man leben soll. Außerdem spielt er auch immer wieder Theater. Unter anderem am Schauspielhaus Hamburg, dem Burgtheater Wien sowie am Stadttheater Klagenfurt, wie in dem Stück Amerika. Zusätzlich ist er auch Musiker in der Band „Gary“ und Mitbetreiber des Plattenlabels „SILUH“. Er lebt in Berlin und Wien.

Oliver Welter, Sänger und Songschreiber von Naked Lunch; Komponist, Schauspieler, Texter, Regisseur, Verfechter des Irrsinns. Geboren in Klagenfurt, lebt in Klagenfurt, stirbt vermutlich in Klagenfurt. Der Bruecke-Kolumnist O.W. (siehe immer auch Welter.Skelter) lieferte mit Naked Lunch die Musik für die Dramatisierung von Kafkas Roman „Amerika“ am Klagenfurter Stadttheater.
www.nakedlunch.de


Das goldene Vlies
Dramatisches Gedicht in drei Abteilungen von Franz Grillparzer. Regie: Marco Štorman
Mit: Mila Dargies, Claudio Gatzke, Agnes Hausmann, Irene Kugler, Moritz Löwe, Katharina Schmölzer und Robert Stadlober
5., 6., 12. Februar 2014. Stadttheater Klagenfurt.
www.stadttheater-klagenfurt.at


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