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Vorschrift für den Moment

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Vorschrift für den Moment

geschrieben am 03.08.2011 10:44

„Praescriptum“ in der „Vor.Lese“ ist ein „Vorab-Text“ zu ihrem aktuellen Roman "Ein dunkler Moment", den die deutsche Stipendiatin des 7. Klagenfurter Literaturkurses, Rabea Edel, ausschließlich den Bruecke-Lesern zur Verfügung stellt. Dieser verdeutlicht, dass auch in dunklen Tagen der Finsternis ein Herz aus Natur genug Sprengraft besitzt, um zu bestehen.

Rabea Edel, geb. 1982, lebt und arbeitet nach dem Studium der Italianistik/ Germanistik in Berlin und Siena als freie Autorin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte Essays, Erzählungen und Reise reportagen in Anthologien und Zeitschriften (siehe auch „Solysombra“-Bruecke Nr. 70) und gibt (u.a. in Zusammenarbeit mit der Literaturwerkstatt Berlin und den Jugendprojekten der Berliner Festspiele) Schreibworkshops. Schon mit ihrem Debütroman „Das Wasser, in dem wir schlafen“ (2006) hatte sie großen Erfolg und wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet. Der zweite Roman „Ein dunkler Moment“ erschien jetzt wieder im Luchterhand Literaturverlag – aus diesem wird der Shooting-Star der Literaturszene erneut in Klagenfurt lesen – im Musil-Haus.

Praescriptum

Rabea Edel
(Amandas Notizbuch. 1995-1998)

23. Juli 1995.

Die Nacht und Billy singt: waltzing Mathilda, waltzing Mathilda. Er ist im Stimmbruch, die Worte springen mich an. Ich habe mich entschlossen, nicht zu schlafen. Wenn es dunkel ist, sind meine Träume zu hell. Ich höre zu, wie Billy’s Stimme sich in meinem Körper einnistet. Mein Herz kann allein zu aller Zeit bestehen, weil die Natur es aus Diamant gemacht hat. Mein Herz kann allein zu aller Zeit bestehen, weil die Natur es aus Dynamit gemacht hat.

14. August 1995.
Mein Gehirn denkt alle diese Sachen. Ich wünschte, ich könnte es im Bettpfosten verstecken. Man kann den Knauf abnehmen und darunter ist ein Loch. Dad würde es Höhlung nennen. Es ist zehn Zentimeter tief und das perfekte Versteck. Man sieht nicht einmal, dass der Knauf abgeht, wenn ein TShirt am Bettpfosten hängt oder eine Tasche. Also könnte ich alleine hinunter zum Abendessen gehen. Ohne diese Sachen, die da sind.

20. September 1996.
Ich habe sorgfältig in mir gesucht und eine Stelle gefunden, die sagt, es ist schon fast zu spät. Ich drehe Flaschen und immerzu zeigt der Hals auf mich.

8. Januar 1997.
Aileen hat mir diesen Knoten gezeigt. Sie hat mir Blumen ins Haar geflochten, das sah verdammt hübsch aus. Das würde ich nie sagen. Aileen sagt, ich bin sehr geschickt beim Frisieren. Ansonsten ist immer alles voll von meinen Fehlern. [Das Geräusch, wenn der Baseballschläger ins Leere schwingt.]

19. Mai 1997.
Nicht in den Himmel will ich aufsteigen sondern auf der Menschenerde oder auf dem schmutzigen Gehsteig laufen, da wo der Himmel auf einer Ebene mit der Hölle und der Erde liegt, immer nur geradeaus.

12. September 1997.
Traum: Eine Art Lähmung hat mich überfallen. Mein Gang ist falsch. Ich setze eine sehr überzeugende Miene dazu auf. Mein Gesicht ist geschminkt, wie das einer Straßenhure. Irgendwann, nachdem ich ein paar Schritte gelaufen bin, fährt ein Auto neben mir her. Aber niemand kurbelt die Scheibe hinunter und das Glas ist verspiegelt, so dass ich nicht hineinsehen kann.

4. Oktober 1997.
Wir haben alles. Mum sagte am Morgen zu mir, es gäbe nichts, was sie mehr verachte. Sie gab mir einen Kuss auf die Wange, ihre Stockings hatten Laufmaschen. Wie alt bist du, fragte die Königin den Teufel mit zärtlicher Stimme. 8000 Jahre alt. Es beginnt immer alles von vorn. Mums Augen blank, während sie unsichtbare Staubkörner vom Küchentresen wischte. Dabei ist sie geblieben heute. Sie hat den ganzen Tag nichts anderes gemacht, als Staub zu wischen.

2. Januar 1998.
Kreidebilder: Ein Hund. Ein Haus. Eine Kathedrale. Dort hinein Münzen werfen. Der Vorhang im Fenster bewegt sich nicht. Ich habe weiße Kreideflecken auf meinen Jeanshosen. Ich habe mich in die Kathedrale gekniet, habe die Hände gefaltet und dann sogar ein Stoßgebet irgendwo hin geschickt. Es gibt eine Stelle im Menschen, an der sich alles sammelt. Alle Fragen, die sie gestellt bekommen. Alle Gebete, die an sie gerichtet sind. Mum sagt, man betet für Gott. Das ist totaler Schwachsinn.

4. Januar 1998.
Es ist so ruhig, wenn sie alle schlafen. Rooney hat mir Zigaretten geschenkt. Wir haben draußen im Dunkeln geraucht und er hat mir von einem Film erzählt, den ich schon kannte. Es war viel zu kalt, um draußen herumzustehen, aber ich habe nichts gesagt, weil der Kater sich an meinen Schienbeinen gerieben hat. Das war so süß. In Dark Passage wird Humphrey Bogart zweier Morde bezichtigt und muss fliehen. Aber am Ende bekommt er in einer Hafenbar eine Frau geschenkt. Mit lidschweren Augen. Lauren Bacall. Hat denn irgendwann jemand auch mit uns ein einsehen, so wie der Regisseur mit Humph? Joe’s Liquor hat vor einer halben Stunde geschlossen und wird in einer Stunde wieder öffnen. Dann kaufe ich Icetea, fünf Liter. Lauren Bacall. Lauren Bacall. Lauren Bacall. Bis mir schlecht wird.

8. Februar 1998.
Es wird schlimmer. Ich weiß, das klingt schmutzig, aber ich tue nur, was ich immer tue. Ich blättere Fleshworld durch und stelle vor dem Spiegel die Posen nach, tanze ein bisschen. Manchmal senden Leute ihre Fantasien ein und die werden gedruckt. Das ist so lächerlich. Mein Bruder steht im Garten herum und wartet auf irgendwas. Ab und zu dreht er den Kopf und sieht zu mir herauf, aber ich habe die Gardinen vorgezogen. Dann spiele ich mit mir selbst. Ich stelle mir ein großes Publikum vor, mindestens zweihundert Leute. Je mehr, desto weniger schmutzig ist es. Ich flüstere meinem Bruder zu, dass er sich umdrehen soll. Er kann mich nicht hören, aber er wendet den Kopf und sieht mich an. Wenn das Haus leer ist, ist alles gut. Wenn die Haut gewaschen ist, ist alles gut.

16. Februar 1998.
Die beste Eigenschaft meiner Vorfahren ist es, tot zu sein. Ich warte darauf und bin stolz. Ich habe geträumt, dass jemand eine Gedenkstatue errichtet, die mich darstellt, wie ich mich umdrehe, den Kopf über die linke Schulter wende. Es gibt einen Schlitz in der Mitte meines Rückens. Wenn man eine Dollarmünze hineinwirft, reagieren die Klappmechanismen der geschlossenen Augenlider. Sie öffnen sich langsam und klappen dann für die Dauer von einer Minute immer wieder auf und zu. Lange genug, dass die Statue jegliches Interesse verliert.

18. Februar 1998.
Between midnight and dawn, baby, we may ever have to part, but there’s one thing about it, baby, please remember, I’ve always been your heart. [Billy]



Dieser Beitrag wurde eigens für Die Bruecke geschrieben. Es ist so etwas wie ein Vorwort, ein Praescriptum zum Roman. Auszüge aus dem Notizbuch von Amanda, die zeitlich vor dem Buch und dem Beginn der Geschichte spielen. Siehe dazu auch den Beitrag zu KELAGerlesen auf Seite 30/31 bzw. Bruecke Nr. 70/Solysombra.


20. September, Klagenfurt, Lesung, 20 Uhr
Lesung im Robert Musil Literaturmuseum
KELAGerlesen. Bahnhofstraße 50, Klagenfurt.

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