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Wir sind NIEMAND geworden

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Wir sind NIEMAND geworden

geschrieben am 11.12.2015 17:06

Anmerkungen von Bertram Karl Steiner zu „unserer“ Kultur in den Zeiten einer neuen Völkerwanderung.

Ein Schulkind, ein Student, ein Passant betritt zufällig eine der schönen alten Kärntner Kirchen. Was nimmt dieser „Zeitgenosse“ wahr? Da ist zunächst ein Gefäß aus Stein, darin Wasser. Was soll das sein? Er schaut nach vorne: ein vergoldetes Gebilde aus Bildern und Statuen, davor ein Tisch. Wozu ist das aufgerichtet worden? Hat diese Kunstfertigkeit, dieser „Aufwand“ einen „Zweck“? Vielleicht fällt dem Zeitgenossen ein Kruzifix auf oder das Bild einer schönen Dame, die auf einer Mondsichel thront und ein kleines Kind auf den Armen trägt. Ja, denkt er, da war doch irgendetwas. Aber was? Eine verblasste Erinnerung an Weihnachten, eine noch viel blassere an Ostern. Und was soll diese Taube im Strahlenkranz? Der Zeitgenosse kennt sich nicht mehr aus. Vielleicht, dass seine Eltern, seine Großeltern noch etwas gewusst hätten. Aber das ist lange her. Und warum riecht es in dem Raum nach erkaltetem Weihrauch? Was wollen ihm die seltsam fremden Figuren sagen mit ihren Schwertern, Lanzen, Rädern, Flügeln? Das geht mich doch nichts mehr an, schließt der Zeitgenosse, bin ich doch ein zeitgemäßer Zeitgenosse und daher modern und blicke nur nach vorne. Frustriert verlässt er die Kirche und damit den Bereich seiner, unserer Kultur…

Aber das weiß er nicht. Draußen vermeint er sich besser zu fühlen, aber halt, da sieht er sich auf den Bahnhöfen, in den Straßen, vor dem Fernsehschirm mit Tausenden traurigen Männern, Frauen und Kindern konfrontiert. Sie kommen von weit her, sind vertrieben worden, haben Todesängste ausstehen müssen. Eigentlich wollten sie gar nicht da sein, aber wer in seiner Heimat bombardiert wird oder in Gefahr ist, geschlachtet zu werden, der ist nicht weiter wählerisch. Ist der Zeitgenosse ein gutmütiger Mensch, so wird er sich für die Armen engagieren, im umgekehrten Falle wird er eine „populistische“ Partei wählen, deren Führer bereit ist, sie zurück in das Elend zu deportieren.

Wie aber soll der Zeitgenosse auf die ihm so ferneliegende Frage eines soeben angekommenen Schutzsuchenden reagieren, der, in einer ihm fremd anmutenden Welt erfahren möchte, WAS wir sind, WER wir sind, WORAN wir hier in Europa, in Österreich, in Kärnten, in der Ortschaft, wo er gelandet ist, glauben. Für ihn, den Flüchtling aus dem Nahen Osten ist dies eine durchaus naheliegende Frage. Kommt er doch aus einer, allen mörderischen Bürgerkriegen zum Trotz, kulturell und religiös weitgehend glaubensbestimmten Welt. Der Flüchtling, der bei uns Asylsuchende ist in den allermeisten Fällen Moslem. Nun kann kein Experte, so dialogwillig er auch sein mag, ernstlich leugnen, dass sich zwischen unserem (vergessenen…) christlichen Traditionen und unserem (im Laufe der Zeiten verblassten, weil viel zu abstrakten…) Bekenntnis zu den Menschenrechten und der islamischen Glaubenswelt doch tiefgründige Unterschiede auftun. Sie, die gläubigen Muslime, verstehen, ob es uns passt oder nicht, die Welt und die Kräfte, die diese Welt bewegen, ganz anders, als wir es tun (oder eben nicht mehr tun…). Begreiflicherweise achten sie, oft peinlich genau, darauf zu erfahren, mit wem sie es eigentlich bei uns zu tun haben. Sie kennen uns ja nur aus Narrativen, welche weitgehend ihre Gültigkeit eingebüßt haben. Aber diese Europäer, Österreicher, Kärntner, mit denen sie jetzt hautnah konfrontiert sind, woran glauben sie? Glauben sie überhaupt an etwas, so, dass man sie aus der Sicht eines gläubigen Moslems ernst nehmen müsste? Oder müssen sie uns für gleichgültige, identitätslose Wesen halten, mit denen man über grundsätzliche Fragen gar nicht erst zu sprechen braucht, weil uns, und das finden unsere Gäste allzu bald heraus, ein eigener Standpunkt abhanden gekommen ist. Was können wir einem solchen Urteil entgegensetzen?

Was sind wir Zeitgenossen noch imstande, einem soeben in etwa in Europa, in Österreich, in Kärnten angekommenen gläubigen Moslem über unsere Kultur zu erzählen? Die Bilanz ist ernüchternd: Von Kindheit an gelernt hat der Zeitgenosse, die Zeitgenossin davon so gut wie nichts, nichts mehr erfahren, nichts mehr gefühlt. Dafür kann er freilich nichts. In der Schule hat man uns „Geschichte und Sozialkunde“ beigebracht, eine obskuratistische Mischkulanz aus pseudofortschrittlichen Konzepten und unzusammenhängenden aber jeweils stramm ideologisch konnotierten „Beispielen“ aus der Geschichte. Wer hingegen hat uns die Geschichte des Alten Orients vermittelt, jener Region, aus welcher die Bevölkerungen stammen, die jetzt gezwungen sind, bei uns Schutz zu suchen? Vor 1400 Jahren noch waren Mesopotamien, Syrien, die heutige Türkei, Ägypten, der Maghreb die Zentren der frühen christlichen Zivilisation.

Gerade dass man uns im Religionsunterricht noch erzählt hat, dass wir „Solidarität“ üben sollen, dagegen hat man uns die Begriffe „Nächstenliebe“, „Feindesliebe“, „Barmherzigkeit“, „Frömmigkeit“, „Anbetung“, weil nicht mehr „zeitgemäß“, wohlweislich vorenthalten; Die Sensibleren unter den Schülern sollen halt Bäume umarmen und daraus „Kraft schöpfen“; Esoterik zu Schleuderpreisen. Von Gott, der Erlösung durch das Kreuz, von den letzten Dingen wagt doch kaum ein zeitschlüpfriger Pädagoge mehr zu sprechen. Ein fader Diskussionseintopf über „Pfarrerinitiativen“ wird uns von betulichen „AktivistInnen“ in pseudomodernen Kirchenräumen aufgetischt, die allesamt ausschauen wie Werkskantinen. Friss Vogel oder stirb!

Wir dürfen nichts mehr wissen. Von der Kulturgeschichte des Abendlandes (und damit natürlich auch des Morgenlandes) darf keine Rede mehr sein im fortschrittlichen „Bildungssystem“. Diesem soll vor allem nur eine Funktion zugebilligt werden: „Nutzen“ zu bringen, „Effizienz“ zu zeigen. Bildung? Wenn es hoch kommt, darf sie als „Ausbildung“ gerade noch durchgehen. Denn in dem Punkte sind sich „Linke“, Faschisten, Nationalisten und entfesselte Kapitalisten einig: Das einzelne Individuum zählt nichts, es zählt der Nutzen für die „Gesellschaft“, das „Kollektiv“. Diese wiederum wird von unfehlbar erleuchteten Wirtschaftskapitänen und, oder von unfehlbaren Parteifunktionären dirigiert. Wer nicht mitmacht, gilt als „Reaktionär“.

Nichts haben wir von der Philosophie der Griechen, Inder, Chinesen erfahren dürfen, nichts von der Literatur, nichts von den atemberaubenden, faszinierenden, den Kulturen schaffenden Abenteuern des Denkens. Platon, Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquin, Pascal, Buddha, Laotse, Schopenhauer? Alles nicht mehr „zeitgemäß“. Homer, Vergil, Dante, Shakespeare, Goethe? Für „moderne“ Menschen „gesellschaftlich nicht mehr relevant“.

So sind wir mit Vorbedacht und mithilfe ideologischer Tücke zu „gleichen“, je nach Bedarf austauschbaren, gleichgemachten Zombies geworden, die sich in dem Kontinent, den sie bewohnen, nicht mehr auskennen. WIR SIND NIEMAND GEWORDEN.

Wo aber NIEMAND mehr ist, da tut sich ein immenser Hohlraum auf. Und wo sich ein Hohlraum aufgetan hat, dort hinein strömen Kräfte, die kräftig genug sind, ihn auszufüllen. Physik hat weit mehr mit Geschichte zu tun als „Sozialkunde“.

Blicken wir auf die Völkerwanderungen vor 1600 Jahren zurück. Da strömten, so wie heute, fremde Stämme in das griechisch- römisch, vor allem aber vom Christentum geprägte Europa herein. Die sogenannten Germanen waren ganz eindeutig Migranten, Flüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge, die, zum Beispiel in Kärnten ebenso wenig als bodenständig gelten konnten, als die Syrer und Iraker, welchen wir heute auf unseren Bahnhöfen, in unseren Flüchtlingsquartieren begegnen. „Kultiviert“ im Sinne der hoch organisierten römischen Welt waren sie nicht, die Germanen. Sie waren exzessiv kriegerisch, halten zunächst ziemlich wenig von den Kulturtechniken ihrer fremd anmutenden Gastländer, von Lesen und Schreiben, von Körperpflege, Hygiene, Kosmetik oder verfeinerter Kunst und Literatur. Sie hatten sich auch nicht als Touristen auf ihre lange Reise aus dem Osten und dem Norden begeben, sondern weil sie von den herandrängenden Reitervölkern aus Zentralasien vertrieben worden waren.

Da waren sie nun, an der Donau, am Rhein, in Gallien, ein paar von ihnen haben sich auf dem Wege nach Italien nach Kärnten verirrt.

Christliche Glaubenswelt. Soweit die Übereinstimmung zur heutigen Situation. Doch sehen wir hier einen entscheidenden Unterschied. Die Stämme der Völkerwanderungen stießen vor 1600 Jahren keineswegs in ein kulturelles Vakuum. Denn sogar noch in seiner politischen Schwäche ist die Strahlkraft der antiken christlichen Welt noch stark genug, um die neu Angekommenen zu faszinieren. Umgekehrt taten Mönche als Glaubensboten das, was sie als ihren ureigenen Auftrag empfanden: Sie gingen daran, die Germanen zu missionieren. Es mutete wie ein Wunder an, aber es bedurfte kaum einer Generation, um aus ihnen „Europäer“, legitime Erben der Antike zu machen. Geblendet von der Pracht einer erneuerten Kultur stehen wir vor den Kirchenbauten von Cividale, auf dem Hemmaberg, erst recht vor den Basiliken und Rotonden von Ravenna oder später in Gurk. In Gallien verwandelten sich die Franken nach der Taufe ihres Häuptlings Chlodwig in frühe Franzosen, in Hispanien vermehrten die Westgoten das Erbe der Antike. Die Normannen, ehedem Schrecken Westeuropas, schufen, nachdem sie zu Christen geworden waren, in Apulien und Sizilien eine strahlende Mischkultur aus griechischen, römischen und arabischen Elementen, denken wir an die Kathedralen von Cefalù, Monreale und Palermo. Der Krönungsmantel der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation ist eine normannisch- arabische Arbeit aus Sizilien, zu bewundern in der Wiener Schatzkammer…

So betrachtet können sich Völkerwanderungen zum Segen wandeln, wenn, aber nur wenn „Integration“ von der Wurzel her betrieben wird; und die Wurzel von Kulturen ist seit es Kulturen gibt, immer und überall der Glaube. Ich weiß, dass wir das ungern hören, weil wir unsere Bindungen an die eigene Geschichte abgeschnitten haben. Weil wir in unserer Hybris vermeinten, alles zerstören zu müssen, was Europa ausmacht. Weil wir verdrängt haben, dass Europa auf drei Hügeln entstanden ist: der Akropolis, dem Kapitol und dem alles überragenden Hügel von Golgatha. Nur wenn es uns gelingt, die Frage der Migranten glaubwürdig zu beantworten, könnte aus der Völkerwanderung, die sich vor unseren Augen vollzieht, Segen für die kulturelle Zukunft Europas erwachsen. Aber wir sind NIEMAND geworden…

Bertram Karl Steiner

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