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Auf der Nordseite der Erinnerung

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Auf der Nordseite der Erinnerung

geschrieben am 02.10.2017 10:48

Rede im Rahmen der diesjährigen Gedenkveranstaltung des Mauthausen Komitees Kärnten/Koroska auf dem Appellplatz des ehemaligen KZ-Areals Loibl Nord.


Zunächst ist das Südlager im Juni 1943 gebaut worden. Vom Südlager aus sind die Häftlinge jeden Tag in Arbeitskommandos über die alte Straße in den Norden getrieben worden, oder mit LKWs, haben das Gelände geholzt, terrassiert und das Lager gebaut. Auch die Verpflegung wurde während des Baus des Nordlagers im Südlager bereitgestellt, auf der Südseite. Es gab einen riesigen Suppenkessel aus Eisen, den vier Häftlinge getragen haben, die alte Pass- Straße hinauf und auf der nördlichen Seite herunter, auch im Winter, nach Möglichkeit alles im Laufschritt, so dass sie ungefähr um Mittag im Nordlager waren. Dann wurde die Suppe ausgegeben, und mit dem leeren Kessel sind sie wieder zurück. Die äußere Postenkette verlief großräumig um die gesamte Baustelle einschließlich des Lagers, die innere Postenkette um den Kernbereich der Baustelle. Alle fünfzehn oder zwanzig Meter standen SS-Wachen. Die Verbindung, die Linie zwischen ihnen war eine gedachte Todeslinie. Jeder Häftling, der diese gedachte Linie zwischen zwei Posten überschritten hat, wurde erschossen. Es gab regelmäßig Häftlinge, die haben eine Markierung bekommen, am Rücken, die vielleicht denunziert worden sind, dass sie zu langsam arbeiten, oder dass sie Gerät beiseite geschafft haben. Denen wurde in der Früh hinten ein roter Fleck aufgenäht, was für die Wachen bedeutete, der darf am Abend nicht mehr lebend zurück. Die Meldung nach Mauthausen lautete „auf der Flucht erschossen“, eine Standardmeldung, meist mit einer Skizze in der Art einer Kinderzeichnung, die Bäume, der Weg, und die Wachen, und zwischen den Wachen der „Fluchtweg“ – strichliert.

Die Ermordeten ließ man am Wegrand liegen, zur Abschreckung, wie es hieß. Auf Scheiterhaufen wurden sie dann verbrannt. Sie haben kein Grab. Wenige Meter vom Lager entfernt erinnern die steinernen Skulpturen des Künstlers Georg Planer an sie. In Form ehemaliger, zerschlagener Straßensteine liegen sie in dem gedachten Gräberfeld auf einer Verkehrsinsel im Gras. Sie sind alle defekt, aber jeder dieser Steine ist anders, ist eigen, und so erhalten die Einheitshäftlinge mit ihrer Einheitskleidung noch einmal die Individualität zurück, die ihnen mit den Nummern, durch die Kleidung und durch die willkürliche Austauschbarkeit ihres Schicksals geraubt worden ist.

Durch Partisanen sind einundzwanzig Fluchten gelungen.

Auf all dem wuchs nach dem Krieg ein dichter Wald, fünfzig Jahre und mehr, und es wurde vergessen, was war. Auf der Südseite hat man nicht aufgehört, sich zu erinnern. Auf der Südseite blieb die Erinnerung wach.1995 setzte das Erinnern auch auf der Nordseite ein, und in den Jahren seither wurde eine Lichtung um die andere in diesen Wald des Vergessens geschlagen. Der Blick ist dabei nicht in die Vergangenheit gerichtet, sondern mitten ins Leben, ins Zentrum dessen, was unsere Gesellschaft im Innersten ausmacht. Ist es doch immer auch die Gegenwart, die zutage tritt, mit ihren Fragen an das Heute und Jetzt. Wie umgehen mit dem, was uns umtreibt, mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten und Entwicklungen, auf die Antworten zu finden sind, und die sich durchaus auch als Möglichkeiten herausstellen können, und als Chance, und nicht immer nur als die Bedrohung, als die sie zunächst vielleicht erscheinen mögen.

Es geht darum, Position zu beziehen, und das Fundament dafür, ein Fundament dafür findet sich hier am Appellplatz am Loibl, denn auch von diesem Ort aus, und vom Schicksal der Menschen hier ausgehend, ist auf die heutigen Herausforderungen einzugehen, aus dem Wissen oder doch immerhin aus dem Wissen-Wollen um das Damals und Jetzt.

Unsere Erfahrungen mit Ausgrenzung und Absonderung von Menschen aus der Gesellschaft sollten uns hellhörig dafür gemacht haben, Tendenzen dieser Art schon in ihren Ansätzen zu erkennen, und dort, wo Wachtürme errichtet werden, diese Wachtürme im Auge zu behalten. Und darauf aufmerksam zu machen, wenn wieder daran gedacht wird, Grenzen dicht zu machen und Mauern zu errichten, vor Menschen, die vor Terror und Not auf der Flucht sind.

Hinsehen oder Wegsehen, beides sind wir, und die Entscheidung darüber ist immer auch eine Entscheidung über uns selbst. Die Geschichte ist hörbar, und sie ist teilbar, sie ist mitteilbar, sie spricht sich uns zu. Sie erzählt davon, wozu wir fähig sind, wozu wir auch fähig sind. Und sie erinnert mich an den dichten Wald in mir selbst, den es ständig aufs Neue zu lichten gilt.

Die verschwiegene Form der Geschichte wächst in uns ein, sie wuchert und kapselt sich ab, um irgendwann aufzubrechen und von neuem virulent zu werden. Doch im Wissen-Wollen, im Zuhören und im Darüber-Reden öffnet sie sich und wird kenntlich, so unbegreiflich sie im Letzten wohl auch immer bleiben wird.

So viel in den Jahren seit 1995 nun auch auf der nördlichen Seite des Loibl in dieser Hinsicht geschehen ist, so viel ist noch zu tun, es ist immer noch erst der Anfang einer Erzählung, die „Erinnerung“ heißt, und für die es kein Ende geben kann.

Die Häftlinge, die das Lager überlebt haben, aus der Erinnerung daran, was ihnen widerfahren ist, wurden sie wohl nie befreit, wer hätte das leisten können, außer vielleicht sie selbst.

Und doch ist dieser Ort immer auch ein Ort der Befreiung, der Überwindung dessen, was war und was ist. So soll auch an die gedacht werden, die diese Befreiung gebracht haben, an den Widerstand, an die, die sich für die Befreiung und für die Freiheit eingesetzt haben und einsetzen und für den Dialog, für das Miteinander, an die Hilfsbereiten und an die Helfenden heute und jetzt. 

Alois Hotschnig 
1959 in Berg im Drautal, lebt als freier Autor in Innsbruck, wurde bereits vielfach ausgezeichnet – u.a. erster Preisträger des Gert-Jonke-Preises 2011. 

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