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Der Vergänglichkeit auf der Spur

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Der Vergänglichkeit auf der Spur

geschrieben am 02.10.2017 11:11

Requiem für den homo sapiens.


Denkt der Mensch heute überhaupt noch an den Tod? Löst unsere eigene Vergänglichkeit in Zeiten virtueller Existenz überhaupt noch Nachdenklichkeit aus? Und hat nicht gerade die Kunst schon immer nach Wegen gesucht, dem Tod zu entrinnen oder zumindest der Vergänglichkeit ein Denkmal zu setzen? Das Requiem verweist sowohl auf eine musikalische Komposition als auch auf das gesamte Ritual menschlichen Totengedenkens. Für den Künstler Valentin Oman bildet es das Leitmotiv seines ästhetischen Zugangs zum Tod. In einem BRÜCKE- Gespräch von und mit der Philosophin Karoline Feyertag reflektiert Valentin Oman über die Vergänglichkeit der Welt und des Menschen, die sich mitunter in der Vergänglichkeit der Kunst selbst spiegelt.

Valentin Oman: Es wäre besser mit jenen zu sprechen, die tagtäglich mit Tod und Vergänglichkeit konfrontiert sind: den Krankenschwestern und Ärzten in den Krankenhäusern, den Seelsorgern und Sterbebegleitern. Ich als Künstler betrachte den Tod aus einem ästhetischen Blickwinkel. Es geht mir ähnlich wie dem vor kurzem im Alter von 103 Jahren verstorbenen Maler K.O. Götz, der – befragt zum Tod – antwortete, er habe darüber noch nicht nachgedacht. Und er fügte dazu: „Aber vielleicht sollte ich doch.“

Karoline Feyertag: Dann sprechen wir vielleicht besser zuerst über Ihre Malerei. Die Technik, die Sie im Laufe der Zeit entwickelt haben, die Vielschichtigkeit der Bilder, die mittels eines speziellen Abziehverfahrens entsteht, erinnert in ihrer Ästhetik an Freskenmalerei.

Valentin Oman: Es handelt sich dabei nicht um Fresken, die meisten meiner Malereien basieren auf der Secco-Technik, sie sind auf trockenem Grund gemalt und nicht auf feuchtem. Das einzige echte Fresko habe ich für die Verabschiedungshalle in Annabichl gemacht, eine sehr frühe Arbeit [siehe Abbildung 3]. Danach stellte ich fest, dass diese eine Schicht, die man auf den Putz aufträgt, nicht ausreicht, um die Vielschichtigkeit, aber auch die Brüchigkeit des Menschen darzustellen. Durch den Versuch, mehrere Farbschichten sichtbar zu machen, erhielt ich zwei unterschiedliche Resultate: Zum einen sind meine Bilder „Schweißtücher der Menschheit“, Spuren oder Abdrücke von menschlichen Gesichtern und Figuren auf der Leinwand. Zum anderen begann ich für die Gestaltung des Altarraums in Tanzenberg direkt an der Mauer zu arbeiten. Diese Arbeitsweise habe ich auch in meinem Atelier später immer mehr ausgebaut. Das Malen an der Mauer erlaubt es mir, meine Routine als Maler zu zerstören, die „Geläufigkeit“ zu ruinieren. Meine Seccomalereien habe ich zuerst mit Molino, später mit Gaze überklebt, und nach dem Eintrocknen wieder abgezogen. Dieses Überkleben und Abziehen habe ich immer wieder wiederholt, in Tanzenberg arbeitete ich über ein Jahr vor Ort. Dadurch wurde der Prozess der Vergänglichkeit selbst auch sichtbar. Auf diese Weise gelang es in Tanzenberg, dass die gemalten Figuren aus der Wand heraustreten, denn sie sollten nicht wie aufgemalt erscheinen. Gleichzeitig wollte ich durch diese neue Technik auch meine Routine und damit die Deutlichkeit der Figur zerstören. Beim „Decollagieren“ spielt deshalb auch der Zufall eine große Rolle: Welche Schichten von Farbe werden abgetragen, abgerissen? Was bleibt übrig?

Karoline Feyertag: Kann man Ihre noch nicht abgeschlossene Serie „Ecce Homo“, in welche sich das für den Altarraum in Tanzenberg geschaffene „Requiem für den homo sapiens“, [Abbildung 2: Seccomalerei 1986/87], aber auch die Wandmalereien im Profanbau des slowenischen Gymnasiums, einreihen, als Memento mori verstehen? Soll es den Menschen an seine Sterblichkeit erinnern? Oder könnte es uns auch daran erinnern, dass wir vielleicht bald nicht mehr Menschen, sondern etwas Anderes, Neues sein werden, Cyborgs oder transhuman? Bedeutet das „Requiem für den homo sapiens“ auch einen Abschied vom sterblichen Menschen?
Valentin Oman: Die Serie „Requiem für den homo sapiens“ befasst sich mit der Kulturgeschichte der Menschheit. Ich habe mich nie besonders für l’art pour l’art interessiert, es gab immer ein Thema, das mich geleitet hat. Ohne Thema, ohne an den „Ecce Homo“ zu denken, geht bei mir nichts. Aber ich kann als Maler nur andeuten, dass es eine Menschheitsgeschichte mit den verschiedensten Kulturen und Minderheiten gibt. Durch die von mir entwickelte Arbeitstechnik kann ich auch die Zeit unter dem Vorzeichen der Vergänglichkeit spürbar machen. Bei dem „Requiem“ mit seinen Figuren, die aus der Wand heraustreten, steht es dem Betrachter frei, die Vergänglichkeit des Menschen zu sehen oder etwas Neues, neue Gestalten des Menschlichen. Auch wenn ich sogenannte „Landschaftsbilder“ male, interessieren mich weniger Himmel und Erde als das, was unter der Erde liegt. Ich mache eher histologische Schnitte durch Erdschichten, um die Fossile sichtbar zu machen, die der Mensch hinterlassen hat – Autoschrott erscheint dann als fossile Struktur unserer Zeit. Auch sind meine Soča-Bilder immer als Kulturlandschaftsbilder zu verstehen – Stichwort Isonzoschlachten und Erster Weltkrieg. Ich habe immer Geschichte und Politik zusammengedacht. Schon an der Akademie in Wien habe ich als Thema meiner Abschlussarbeit eine Verabschiedungshalle für mich selbst gewählt. Daraus ist später dann die Verabschiedungshalle in Annabichl entstanden. Was mich in der Malerei von Anfang an interessiert hat, war die künstlerische Gestaltung des öffentlichen Raumes. Aus diesem Blickwinkel kann auch meine Experimentierfreude und die Weiterentwicklung neuer Materialien verstanden werden. Was zeigt Vergänglichkeit? Zum Beispiel Rost. Ich hatte schon sehr früh den Wunsch, rostige Bilder zu malen und habe mich gefragt: Wie kann ich Eisenstaub zum Rosten bringen? Mittlerweile kann ich in kürzester Zeit Rost erzeugen, d.h. die Vergänglichkeit von zwei Stunden verdeutlichen. [Abbildung 4: „Fossil“, Mischtechnik auf Papier, 2011] 

Karoline Feyertag: Und somit die Vergänglichkeit auch beschleunigen ...

Valentin Oman: Ja, gewissermaßen. Und sichtbar machen. Diese Sichtbarmachung soll einen Freiraum für den Betrachter, nicht nur für den außenstehenden, sondern auch für mich selbst, mit sich bringen. Ein Bild soll nicht zu schnell „ausgeschaut“ oder „durchschaut“ werden. In diesem Sinn spielt die Zeitlichkeit eine große Rolle für meine Arbeit als Künstler. Die Energie des Gesehenen und Geschehenen, die investierte Zeit wird dabei direkt auf die Bilder übertragen, wird in ihnen auf geheimnisvolle Weise spürbar. 

Karoline Feyertag: Philosophisch betrachtet zeichnet den Menschen gerade sein Bewusstsein von der eigenen Vergänglichkeit aus. Gemeinsam mit der Fähigkeit zur Sprache bzw. Schrift unterscheidet ihn dieses Wissen um die eigene Sterblichkeit, um die Endlichkeit des Lebens, wahrscheinlich von den übrigen Lebewesen. Sollte nicht eigentlich dieses Bewusstsein alle Menschen trotz ihrer Unterschiede miteinander verbinden? Und ist die Kunst letztlich nicht auch der Versuch, einen Umgang mit diesem mitunter belastenden und angsteinflößenden Wissen zu finden? 

Valentin Oman: Die Kunst kann die Vergänglichkeit nur verzögern. Hinzu kommt, dass ich Spuren hinterlassen möchte. Ich habe den Ehrgeiz, meine eigenen Spuren sichtbar zu machen, die nicht austauschbar sind. Ich frage mich oft: Was hat Bestand? Was wird zerstört? Das Thema Verlust ist für mich in vielerlei Hinsicht zentral: Auch in Bezug auf den Verlust meiner eigenen Werke. Die Angst, alles zu verlieren, ist sehr präsent. Obwohl man sich auch fragen muss: Was geschieht in Syrien, im Jemen? Was wurde alles mutwillig durch den Menschen zerstört? Und schließlich muss man sich auch fragen: Was kommt nach dem Tod? Bei uns hat moderne und zeitgenössische Kunst erst seit etwa vierzig Jahren ihren Platz in Sakralräumen gefunden. In einem Sakralraum wie zum Beispiel der Kirche St. Stefan konnte ich die alten Glasfenster neu gestalten. Im Mittelpunkt steht wieder der homo sapiens, die menschliche Figur, die sich nun allerdings – auch ohne Sonne – in Licht auflöst. [Abbildung 1: „Ecce homo lux eterna“, 2008] Mit der von mir entwickelten Technik, die fossile Strukturen im reliefartig geschmolzenen Glas sichtbar macht, kann ich andeuten, was uns vielleicht nach dem Tod erwartet. Gelbes Licht und Ultramarin – zwei Farbvarianten. Deutlicher kann und will ich nicht mehr werden. Denn mehr als eine Andeutung kann es nicht sein. 

Karoline Feyertag
1977, Philosophin zwischen Wien, Paris und Klagenfurt, Lehrbeauftragte am Institut für Philosophie, AAU Klagenfurt sowie Mitarbeiterin im FWF-PEEK-Projekt „Dizziness-A Resource“, Akademie der Bildenden Künste, Wien. 

 

Aktuelle Ausstellung:
noch bis 26. Oktober, Alte Burg Gmünd:
„Valentin Oman – Malerei“. Die Ausstellung
präsentiert neben neuen Arbeiten aus der Serie
„Ecce Homo“ eine Auswahl von Zeichnungen und
Rostbildern. www.alteburg.at

 

 

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