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Kunst im Knast: „Als Musiker bin ich wer“

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Kunst im Knast: „Als Musiker bin ich wer“

geschrieben am 02.10.2017 10:48

Die jährlichen Aufführungen des Klagenfurter Gefängnischores
gelten als Geheimtipp. Für die Musiker sind die Proben die Gelegenheit, für kurze Zeit ein anderer Mensch zu sein. 


Dass im Chor eine ganz besondere Atmosphäre herrscht, hatte sich rasch von Zelle zu Zelle herumgesprochen. Während der Proben wird das Gefängnisreglement mit all den Formalismen für eine Weile aufgehoben. „Eine Stunde lang ohne Paragrafen und Schlüsselrasseln, ohne Muss, einfach Mensch sein“, sagt Herbert K., ein Enddreißiger mit kurz geschorenen Haaren und rundem Gesicht, der nicht erzählen möchte, warum er im Gefängnis sitzt. 

Im Chor ist man per Du mit den musikalischen Leitern, es wird geblödelt und gelacht. Ein Hauch von Freiheit weht durch die Anstalt. Die Kapelle in der Justizanstalt gibt den Persönlichkeiten der Gefangenen Raum. Nicht immer läuft alles nach Plan, oft kippen die Proben ein wenig, weil Teilnehmer die Gelegenheit nützen, einmal einfach ausgelassen zu sein. „Die Generalprobe war eine Katastrophe“, sagt Herbert. 

Er sollte bei der Aufführung ein Solo singen, „Halleluja“ von Leonard Cohen. Vor Publikum, 200 Leute von draußen, die ins Gefängnis kommen, weil sie gehört hatten, dass die Aufführungen des Gefangenenchors etwas Besonderes sind. Diese Menschen kommen ohne Haftbefehl in die Justizanstalt am St. Veiter Ring, stattdessen haben sie eine Einladung bei sich. Nach dem Konzert passieren sie wieder die Sicherheitsschleuse, um später den anderen draußen von den inhaftierten Künstlern zu erzählen. Die Sänger, Musiker und Tänzer aber kehren nach der Aufführung wieder in ihre Zellen zurück, mit Türen, die sich nur von außen aufschließen lassen. Im Wissen: Das Publikum war eine einmalige Verbindung zur Außenwelt. Eine Möglichkeit, sich über etwas anderes mitzuteilen als über die Taten, deretwegen sie eine Gefängnisstrafe verbüßen. 

„Uh, das war eine Aufregung“, sagt Herbert. „Angst vor dem Versagen, Angst vor der Blamage.“ Walter S., ein junger Landarbeiter, der wegen Schlägereien und einiger Diebstähle schon zum dritten Mal im Knast gelandet ist, nahm die Sache lockerer. Er sollte die Cajón trommeln und beruhigte seine aufgeregten Kollegen. Sollten sie nicht mehr weiter wissen, werde er ihnen per Handzeichen helfen. Früher war er Schlagzeuger. Auftritte vor Publikum sind für ihn nichts Neues, ungewohnt bloß die übergroße Bedeutung eines Konzertes für sein Selbstbewusstsein. „Als Musiker bin ich wer“, sagt er.

Wer zu sein. Mehr zu sein als ein Strafregisterauszug. Über sich hinauszuwachsen mit den Mitteln der Kunst. Das war es, was Anstaltsleiter Peter Bevc den Häftlingen in Klagenfurt ermöglichen wollte, als er vor sieben Jahren den Gefangenenchor aus der Taufe hob. Zugleich sollte die Teilnahme für die Musiker ein Leistungsausweis sein. „Für manche ist es das erste positive Zeugnis, das sie je in ihrem Leben bekommen haben.“ 

Was 2010 als Experiment startete, wurde bald zu einer fixen Einrichtung. Die jährlichen Vorführungen des Klagenfurter Gefängnischores gelten als Geheimtipp: für Musikinteressierte und Menschen, die einen unvoreingenommenen Blick hinter die Gefängnismauern werfen möchten. Neugierig war auch der Musiker Herwig Zamernik, der mit seiner Combo „Fuzzman and the Singing Rebels“ vor drei Jahren ein Konzert im Häfn gab. Einer von vielen Höhepunkten. Vor einigen Jahren, erzählt Bevc, habe ein Häftling aus Afrika ein Blues-Solo hingelegt, das die Zuhörer sprachlos hinterlassen habe, bevor ein gewaltiger Applaus eingesetzte. Bevc sei dann auf die Bühne gegangen, habe den Musiker umarmt und zum Publikum gesprochen: „Morgen sitzt er in einem Flugzeug, weil er abgeschoben wird."Die Hälfte der Zuhörer, erzählt Bevc, habe Tränen in den Augen gehabt. Der straffällig gewordene Asylwerber aus Afrika war für sie zu einer Persönlichkeit geworden, zu einem Menschen aus Fleisch und Blut mit einer goldenen Stimme. 

„Es kursiert die falsche Vorstellung, dass Kriminelle wie Raubtiere sind. Mit dem Gefangenenchor können wir zeigen, dass es sich um Menschen handelt, die eine besondere Leistung erbringen“, sagt Bevc. Er sei, erzählt er, immer wieder verblüfft zu sehen, wie sich die Körperhaltung der Musiker ändere, wenn sie wahrgenommen werden. „Gelobt zu werden ist für viele eine Erfahrung, die sie zuvor noch nie gemacht haben.“ 

Bevc sitzt in seinem ebenerdigen Büro mit Blick auf den Theaterplatz, auch hier sind die Fenster vergittert. Der Anstaltsleiter ist 57 Jahre alt, Brigadier, hat eine kerzengerade Haltung und schnörkellose Sprache, an der Wand hängt ein Bild von Keith Harring. Vor ihm liegt der tägliche Berg von Akten, die er abzeichnen muss. Er entscheidet in letzter Instanz über individuelle Lockerungen, etwa ob ein Gefangener ohne Begleitung Ausgang bekommt, um sterbenskranke Angehörige zu besuchen. Das ist eine Frage der Menschlichkeit, aber auch der Vernunft: Was, wenn er die Gelegenheit zum Untertauchen nützt?


Solche Fragen stellen sich beim Gefängnischor nicht. Die kleine Kapelle ist ein Ort, in dem es kein Misstrauen geben muss. Der Raum gehört der Musikalität, schlummernden Talenten die keine Gefahr für die Allgemeinheit sind – sondern eine Bereicherung. „Im Gefängnisalltag lernt man, rau zu sein. Im Chor kann ich meine weiche Seite zeigen“, sagt Herbert.

Seine Versagensängste waren unberechtigt. Als er Cohens „Halleluja“ sang, herrschte andächtige Stille im Raum. Mit kurzer Verspätung brandete Applaus los. Alle Namen der Gefangenen geändert. 

Wolfgang Rössler
36, aus Steindorf am Ossiacher See, lebt in Wien, ist freier Autor und Journalist, unter anderem für die NZZ am Sonntag und das Standard-Album. 

 

  

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