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Werkstättengespräch

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Werkstättengespräch: Museen – Laboratorien der Zukunft

geschrieben am 31.07.2017 10:25

Ein Frage-Antwort-Spiel mit Museum am Bach-Gründer und Kurator Alex Samyi.


Das Museum am Bach (MAB) hadert in gewisser Weise mit seiner Bezeichnung „Museum“ – was hat es mit der Infragestellung dieser Typisierung auf sich? 

Das MAB ist eindeutig ein Museum, wenn man die Kriterien der Neuen Museologie heranzieht. Nur das, was sich viele unter Museum vorstellen, vielleicht weil sie als Kind in irgendwelche verstaubten Kammern gezerrt wurden, das sind wir nicht. Die neuen Museen sind Laboratorien der Zukunft und beziehen das Publikum in ihre Konzepte ein, noch bevor diese in den Ausstellungen umgesetzt werden. 

Was unterscheidet das MAB, ein Museum für Gegenwartskunst – alias Institut für Systemkunde – von traditionellen Museen? 

Die Bezeichnung Systemkundemuseum ist mir eingefallen, als wir für die Gründung des Vereins der „Freunde“ schnell Statuten gebraucht haben. Und Institut kam von unserem ursprünglichen Ansatz, Kultur und Forschung miteinander zu verbinden. Die Mission war klar, wir wollten ein neuartig ganzheitliches Bewusstsein für Systeme und Gesellschaft herstellen. Es gab verschiedene Zugänge zu den sozialen Modellen und Utopien der letzten 100 Jahre. Das war 2014. Mittlerweile sind wir bei den Sozialmodellen der Kunst und einem Fokus auf künstlerische Recherche angelangt. In Kollaboration mit WissenschaftlerInnen erforschen KünstlerInnen Alternativen zur Gesellschaft. Die Ergebnisse sind zum Beispiel Mindmaps. Momentan bereiten wir vierwöchige Collaborative Art Residencies vor. Dabei wohnen drei international geladene KünstlerInnen und SoziologInnen auf 120m2 unter dem Dach des Museums. 

Seit drei Jahren bzw. vier Ausstellungssaisonen gibt es das Museum am Bach. Wie und wozu hat es sich entwickelt? 

Es ist immer noch dasselbe Museum am Bach, wie es sich bei seiner Eröffnung 2014 vorgestellt hat, das aber vielleicht noch mehr Wirkung hätte, wenn es auch mit seiner eigenen Organisation ein Beispiel dafür geben würde, wie leicht die Spielregeln der Gesellschaft zu ändern sind. Es scheint aber bereits unsere Beschäftigung mit diesem Thema eine gewisse Strahlkraft zu haben. Mittlerweile beginnt sich herumzusprechen, dass das, was wir hier verfolgen, der Zukunft von Gesellschaft gewidmet ist. Politische Kunst in der Art wird von der großen Öffentlichkeit erst seit der documenta5 von 1972 beachtet. Sie ist nicht schwierig, jedenfalls nicht so schwierig wie Kunst, die politisch nichts zu sagen hat.

Warum kam Alex Samyi auf die Idee, ein Museum zu erschaffen, gab es einen bestimmten, ausschlaggebenden Moment – und wie setzt man das um? 

Der Moment liegt so weit zurück, ich weiß nur mehr, dass ich immer schon fasziniert war von Ausstellungen. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, dass man auf die anderen Besucherinnen und Besucher Rücksicht nimmt, die hier ebenso inspiriert oder überrascht werden wollen. Meiner Meinung nach ist das Museum der ideale Boden für eine andere Politik. Die Gesellschaft wäre insgesamt besser, wenn sie auf Basis gegenseitiger Rücksichtnahme und Würdigung organisiert wäre. Was wir heute (er)leben ist gegenseitige Herabwürdigung, üble Nachrede und Streit. Da darf man sich nicht wundern, wenn’s immer extremer wird. 

Ist das MAB Ihr ganz persönlicher „Musentempel“? 

Nicht nur das MAB, jede Ausstellung. Wenn ich die Zeit hätte, wäre ich jeden Tag in einem Museum. 

Welchen politischen Ansatz verfolgen Sie? 

Wenn man das mit der politischen Kunst weiterdenkt, kann man sich auch ein politisches Museum vorstellen – und zwar nicht nur als ein in der Gemeindestruktur verankertes Bauwerk, sondern eines für und mit den Menschen vor Ort. Ich persönlich finde es notwendig, die Basis der Demokratie in den Gemeinden zu bilden. Gewisse Probleme können nur auf globaler Ebene gelöst werden. Aber die kreativen Inputs können dennoch aus den Gemeinden kommen. Ich verfolge also prinzipiell alle Möglichkeiten, politische Partizipation durchzusetzen. 

Wie viel Politik verträgt die Kunst? Und wie viel Kunst verträgt Politik? 

Das war immer schon ein spannendes Verhältnis zwischen Abhängigkeit und Freiheit. Letztendlich kommt es darauf an, was man mit seiner Freiheit macht. Es ist wie im Kino, da ist Freiheit ein konsumierbares Gefühl. Sobald man rausgeht, könnte man selbst etwas machen im Namen der Freiheit. Aber was? Insofern braucht die Politik die Kunst und umgekehrt. Weil wir in dem Dilemma sind, dass die alten Abhängigkeiten nicht mehr funktionieren, während die neue Freiheit noch keine Form gefunden hat, in der sie organisch werden kann im gesellschaftlichen Sinne. 

Wo und wie sammelt man soziale Modelle und Utopien? Wie wählen Sie aus, was MAB-sammlungsrelevant ist? 

Die einfachste Form, ein Organisationsmodell darzustellen ist die Landkarte, also ein Mindmap. Das kann man sehr gut sammeln. Schwierig ist nur die sichere Lagerung, wie bei allen Arbeiten aus Papier. Wir haben Katzen, die schützen vor Mäusen. Auf feuerfeste Vitrinen sparen wir noch. Relevant ist für mich auch, dass beim Zeichnen von Mindmaps automatisch Architektur entsteht. Gesellschaftsmodelle sind Architektur. Wir warten noch auf Entwürfe, die wir als Editionen auf den Kunstmarkt werfen können. 

Glauben Sie an „das Gute“ und an dessen Wirkmächtigkeit? 

Ja, nämlich nur an das Gute, das ist für mich Gott. 

Haben das MAB und sein Wirken einen spezifischen Kärnten-Bezug? 

Das MAB ist in vieler Hinsicht international orientiert. Der übergeordnete Bezug ist die Gesamtgesellschaft. Aber der nächste direkte Bezug sind Ruden und die Region. Deshalb nennen wir uns Museum am Bach. Der Bach mündet einen Kilometer weiter unten in die Drau und über die Donau schließlich in die Weltmeere. Das ist auch ein Modell, eines das vom Schriftsteller Alessandro Baricco inspiriert ist. 

„Ich habe einen Traum“ ... was ist Ihre Utopie für Kärnten / den Alpe-Adria Raum / Österreich / Europa / die Welt? 

Utopisch ist wahrscheinlich mein Traum, dass Kärnten den Anfang macht, wenn es einmal darum gehen wird, Politik von unten nach oben neu zu organisieren – und es wird einmal darum gehen müssen. 

Wie geht es Ihnen mit der Herausforderung, eigentlich Unsichtbares in einer Ausstellung sichtbar zu machen?

Das sogenannte Unsichtbare ist oft nur nicht in unserem Blickfeld. Ein Museum ist auch der ideale Ort für Selbstaufklärung. Viele Wahrheiten erkennt man nur, wenn man selbständig sucht. Ich sehe das als (Heraus)Forderung an alle. 

Was sind die Funktionen und Bedeutungen eines/Ihres Museums für die aktuelle Zeit und unsere Gesellschaft?  

Meine Master Thesis in Neuer Museologie hat unter dem Titel „Partizipation ist möglich. Das Museum, das sammelt und versammelt“ eine Weltherrschaft der Gemeinden mit den Museen als neue politische Zentren in den Möglichkeitsraum gestellt. Die Bedeutung der Museen kann jetzt schon sein, die verschiedenen Gruppen von Gesellschaft zusammenzubringen. 

Lassen sich junge Menschen für Museen gewinnen? Wie kann eine Ausstellung ihre Hirne und Herzen erreichen und öffnen?

Museen brauchen keine Identitäten mehr zu stiften. Der Punkt ist, die Jungen trauen den Alten nicht, was das anbelangt, zu Recht. Vielleicht müssen sie ihre eigenen Museen bauen. Oder sie werden an einem Umbau der bestehenden beteiligt. 

Was sind die Herausforderungen der Gegenwart und für die Zukunft?

Es gibt nur eine: den Frieden! Es ist erstaunlich aber zugleich auch logisch, dass alle großen Friedensvisionen von den Religionen ausgegangen sind, die mittlerweile eher mit Konservatismus, Fanatismus und allzu strenger Machtausübung assoziiert werden. Merkwürdig ist auch die Scheu der freien Kunstszene vor der Religion. Man kann noch immer sehr viel lernen von den einstigen Quellen der Inspiration: Talmud, Bibel oder Koran. Die Herausforderung ist, alle an einen Tisch zu bringen.

„Games and Circles“, so die aktuelle Ausstellung. Welche „Spiele und Kreise“ erwarten die schaulustigen MAB-Gäste?

Erst lieferte die „Ruden Live Art (2)“ Ende Juli den Schaulustigen jene Art von Spielen, die echten Spielspaß gegeben haben, wie zum Beispiel der erste Lauf „Durch Ruden durch“. Der 5 km-Lauf ging unter anderem durch die Kirche von Ruden durch wie durch Wohnungen, Garagen, Höfe. Die Bilder davon hängen nun in der Ausstellung. Eigentlich sollten sie um die Welt gehen. Aber das kommt vielleicht noch. Abgesehen vom Tischtennis-Tisch von Gerhard Pilgram, der sich bei genauerem Hinsehen dann doch als unspielbar entpuppt, geht es in dem Zusammenspiel der insgesamt 30 künstlerischen Positionen eher um das, was die Spiele mit der Gesellschaft machen. Welche Kreise werden gezogen? Oder anders gefragt, an wie vielen Spielen sind wir beteiligt, ohne es zu wissen? 

„Stimmt“ ... so nennt sich die ab Oktober geplante Wanderausstellung inklusive Wahlexperiment durch Kärntner Gemeinden, Initiativen und Schulen. Bitte erzählen Sie davon.

Das ist unser wichtigstes Projekt. Wir wollen noch vor dem Schwerpunktjahr 2020 – 100 Jahre Kärntner Volksabstimmung – die Frage stellen, ob das so stimmt mit den freien Wahlen? Dazu erarbeiten das Künstlerinnenduo „One Two Much“, der Historiker Raimund Grilc und der Karikaturist Hansi Linthaler von ganz unterschiedlichen Blickwinkeln aus gerade einen Themenbogen, der die Geschichte und Bedeutung der freien Wahlen auf gänzlich neue Weise aufrollt. Wir wollen uns da auf die Spuren von Zukunft begeben und „Stimmt“ ist in dem Zusammenhang eher satirisch zu verstehen als behauptend. 

Gibt es noch etwas, das Sie gesagt haben wollen?

Jedes Spiel ist ein Gesellschaftsmodell, ungefähr so wie „jeder Mensch ein Künstler ist“ (Joseph Beuys).

Gabbi Hochsteiner

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