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An den Rändern

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geschrieben am 06.06.2018 09:29

Ein BRÜCKE-Gespräch über Identität, Herkunft und Sprache. 


Maja Haderlap
, die Bachmann-Preisträgerin 2011, gehört zu den bedeutendsten Schriftsteller*innen Österreichs.


Wilhelm Huber: Die schönste Aufgabe der Literatur bestünde, wie Novalis sagte, darin, mit Bewusstsein jenseits der Dinge zu sein. Kann man, um diese Aufgabe zu erfüllen, vor dem Hintergrund des Kärntner Sprachenkonflikts, als Schriftstellerin – in Novalis‘ Meinen – frei über die Wahl seiner Literatursprache entscheiden? 

Maja Haderlap: Unter den spezifischen Kärntner Bedingungen kann man nicht frei entscheiden, weil die Entscheidung für eine Sprache zu einem Politikum gemacht werden kann. Das gehört zu den spezifischen Merkmalen der kleinen Literaturen. Als ich zu Beginn der achtziger Jahre begonnen habe, slowenische Texte zu veröffentlichen, war das eine bewusste Entscheidung, nicht nur weil das Slowenische, oder speziell der slowenische Dialekt in den Gräben um Bad Eisenkappel, meine Muttersprache ist, sondern weil ich gedacht habe, dass ich über das Schreiben der slowenischen Sprache in Kärnten eine Funktion zuteile. In Kärnten hat man ja so getan, als ob das Slowenische niemand brauche. Die slowenische Literatur hat mein Interesse für Literatur geweckt, sie stand am Beginn meiner Hinwendung zum Literarischen. Es erschien mir logisch, auf Slowenisch zu schreiben. Selbstverständlich war das allerdings nicht, weil mich sehr viele gefragt haben, warum ich das tue. Dass ich später begonnen habe, auf Deutsch zu schreiben, zeigt eine Entwicklung. Ich habe mich erweitert und sehe meine literarische Arbeit als Prozess, der nicht aufhört, und ich kämpfe um meine künstlerische Autonomie. Darüber könnte man lange diskutieren. Am besten, ich mache jetzt einen Punkt. 

Wilhelm Huber: Warum gibt es, wie Ilma Rakusa schrieb, keinen vergleichbaren Ort, der so sehr nach einem Ortwechsel, nach einer Übersetzung verlangt wie die Sprachgrenze?

Maja Haderlap: Vielleicht müsste man das, was Ilma Rakusa meinte, genauer umschreiben.
Wir, die mit zwei Sprachen aufgewachsen sind, und schon von Anfang an mit dem Kärntner Sprachenkonflikt zu tun hatten, haben eine wichtige Erfahrung gemacht, nämlich, dass eine kleine Sprache, oder eine Volksgruppensprache von der Mehrheit im Land missachtet und politisch instrumentalisiert werden kann. Als Angehörige der slowenischen Volksgruppe musste ich mich oft rechtfertigen, warum ich Slowenisch spreche. Absurderweise muss ich jetzt argumentieren, warum ich auf Deutsch schreibe. Über die Zweisprachigkeit haben wir gelernt, wie umständlich auch immer, eine Sprache zu verteidigen, und sich mit Sprache als Phänomen auseinandersetzen. Darüber hinaus mussten wir uns mit dem Kräfteverhältnis im Land und mit spezifischen Vorurteilen auseinandersetzen. Wir haben uns immer über die Sprachgrenzen bewegt, mit beiden Sprachen gelebt und den Austausch sowie den sprachlichen Ortswechsel als Notwendigkeit erachtet. Das unterscheidet uns von anderen im Land. 

Wilhelm Huber: Ingeborg Bachmann schreibt am Beginn der Erzählung „Drei Wege zum See“: Der Ursprung der Erzählung liegt im Topographischen. Welche Rolle spielt die Topographie bzw. die Verortung in Ihrem Text „Engel des Vergessens“?

Maja Haderlap: Das ist sehr kompliziert. Topographien und Orte spielen in meiner Literatur natürlich eine große Rolle, man denke nur an die Gräben um Bad Eisenkappel. Aber auch in meinen Gedichten geht es um Verortungen und um innere Topographien. In der Rezeption meines Romans hat man hierzulande völlig übersehen, dass ich den Blick in die Vergangenheit mit dem Blick auf eine spezifische Landschaft verbinde, dass ich versuche, den Erinnerungsvorgang über die Erfassung des Schauplatzes in Gang zu bringen. Das Erzählen ist verbunden mit dem Gehen und mit dem Erkunden einer Landschaft. 

Wilhelm Huber: Ihren Roman haben Sie auch topographisch bedingt am Rand angesiedelt, aber, wie Sie selbst dereinst rhetorisch gefragt haben, kann man heute von einem Rand aus noch sprechen, nachdenken oder schreiben in einer Zeit, in der Räume und Entfernungen gleichsam implodiert sind, die Welt im Zustand der Verflüssigung erscheint und alte Grenzen verwischt werden?

Maja Haderlap: Selbstverständlich, wenn man am Rand lebt, muss man vom Rand aus schreiben. Ich bin weder in einer kulturellen Metropole aufgewachsen, noch lebe ich in ihr. Ich sehe mich am Rand, sowohl des slowenischen Sprachraumes, als auch des deutschen Sprachraumes arbeiten, und finde diese Position eigentlich sehr gut.

Wilhelm Huber: Wenn wir über Geschichte nichts außer der Entwicklung von Sprachen wüssten, hätten wir eine Geschichtswissenschaft, die möglicherweise sogar noch präziser wäre als die, die wir kennen, schreibt Olga Martyno- wa. Stimmen Sie ihr zu?

Maja Haderlap: Natürlich. Sonst hätte ich Frau Martynova in meiner Klagenfurter Rede zur Literatur nicht zitiert. Wenn man sich mit der Entwicklung der slowenischen Sprache in Kärnten auseinandersetzt, lernt man viel über die Geschichte Kärntens.

Wilhelm Huber: Was am Ende zählt, schreibt Michael Hamburger, ist nicht die Art und Weise, wie wir klassifiziert oder etikettiert werden, am allerwenigsten von uns selbst, sondern wie wir mit unseren Identitäten umgehen. Wie kommentieren Sie diesen Satz?

Maja Haderlap: Das ist für mich ein Schlüsselsatz in meiner Rede. Heutzutage versteht man unter Identität immer noch etwas Eindeutiges, Verkürztes, Vereinfachendes, zumindest will uns das die Politik weismachen. Identität ist jedoch etwas Vielschichtiges, Unterschiedliches. Mit diesem Gemisch muss man umgehen lernen, wie Michael Hamburger sagt. Die Fragen der individuellen und kollektiven Identität werden uns noch lange beschäftigen. Heutzutage kann man Identität überall kaufen. Man kauft ein Produkt und wird Teil einer Gemeinschaft. Man hat sich ein Erkennungszeichen zugelegt. Den Rest will man nationalistischen Politiker*innen und Bewegungen überlassen. Dagegen wehre ich mich. Fragen der Identität dürfen weder dem Markt, noch der Politik überlassen werden. Ich glaube, ich habe mir, was meine Sprachen angeht, einen differenzierten Zugang angeeignet. Ich habe keine Lust, mich ständig hin und her schubsen zu lassen. Ich bevorzuge offene Formen der Identität, Gedankenmodelle, die einschließen und nicht ausschließen, die dabei vor allem nicht pauschalieren. 

Wilhelm Huber: Auffallend ist, dass den Bachmannpreis 2011,12 und 13 Sprachnomaden gewonnen haben. Und 2016 wieder. Und dass heute schon jedes dritte vom deutschen Feuilleton besprochene Buch einen Migrationshintergrund hat. Eigentlich nichts Neues, große Autoren wie Julien Green und Samuel Beckett haben in einer anderen Sprache als in ihrer Muttersprache ihre wichtigsten oder späteren Bücher verfasst. Wo sehen Sie den Unterschied zwischen dem Wechsel der Sprache von Green und Beckett vom Englischen ins Französische zu dem Sprachwechsel zugezogener oder, wie bei Ihnen, anderssprachig aufgewachsener Autor*innen von ihrer Muttersprache ins Deutsche?

Maja Haderlap: Diese Frage kann ich nur zum Teil beantworten, weil meine Erfahrung im Gegensatz zu den großen Autor*innen, die Sie erwähnen, eine andere und spezifische ist. Ich glaube, es ist ein Unterschied, wenn man zwischen zwei Sprachen wechselt, die beide gleich groß und gleich einflussreich sind. In Kärnten gibt es keine allgemeine Gleichberechtigung zwischen den Sprachen. Es gibt ein streng gehütetes, hierarchisches Verhältnis. Das ist auch in der neuen Landesverfassung festgeschrieben. Insoweit ist meine Änderung der Literatursprache schmerzlich gewesen, da sie vor einem historischen Hintergrund geschah, der traumatisch gewesen ist. Dessen bin ich mir völlig bewusst. Aber eine Sprache gehört ja nicht den Nationalisten und den Einheimischen. Sie gehört allen, die mit ihr umzugehen wissen, die in und mit ihr arbeiten. Die Kärntner Sprachenpolitik hat viel zu lange nach dem Muster funktioniert, dass man mit dem Erlernen der deutschen Sprache die slowenische ablegen müsse. Was für ein brutaler Vorgang! Ich habe keine Sekunde daran gedacht, meine slowenische Herkunft, meine slowenischen Traditionen und Anteile aufzugeben oder zu leugnen. Das wäre doch völlig absurd und gegen jegliche Vernunft, von anderen Dimensionen nicht zu sprechen.

Wilhelm Huber: Also zusammengefasst könnte man sagen, die literarische Qualität der Sprache ist wesentlich wichtiger als die Biographie des Schreibenden?

Maja Haderlap: Absolut, absolut!


Wilhelm Huber
Rezensent, Destillateur und gemeinsam mit Klaus Amann Gestalter der St. Veiter Literaturtage. 

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