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Art.gerechter Stoff?

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Art.gerechter Stoff?

geschrieben am 30.11.2018 08:50

Eine Spurensuche. 


Der Blick auf Kärntner Textilkünstler*innen und Designer*innen führt in das Innere eines Kaleidoskops: Formen, Beweggründe und Inspirationen überlagern und spiegeln sich. Dennoch liegen bei aller Unterschiedlichkeit zwei Gemeinsamkeiten vor: das politisch-künstlerische Statement und die Frage nach einem rücksichtsvollen, artgerechten und wertschätzenden Umgang mit Ressourcen.

„Sich selbst nicht immer zu ernst zu nehmen, Spaß zu haben, kritisch und ironisch zu sein“, diese Codes verbergen sich hinter den Kreationen der Designerin Christina Berger. Mit ihren FAN(atismus)schals begab sie sich in der Formation einer selbsternannten „Guerilla“ auf SUPERGAU(DI)tour durch Berlin, London und Paris um diverse Shops zu akquirieren. Politische Ideologien, Fragen und aktuelle Ereignisse inspirieren sie. So thematisieren die Fan-Schals übersteigerte Feminismen und setzen ein ernst gemeintes Statement gegen Krieg und den aktuellen Terror. Mit ihren von Pensionistinnen in mehr als 270 Arbeitsstunden (pro Stück!) in Traditonsmustern gestrickten Bomberjacken, reiht sie sich wohl selbstredend in den Bereich der „slow fashion“ ein. Dabei weiß Berger wovon sie spricht, hat sie doch selbst für ein österreichisches Unternehmen im Bereich „fast fashion“ gearbeitet: „man produziert hier wie am Fließband und hat keinerlei Beziehung zum Produkt. Der Kern der Arbeit, das detailreiche Gestalten, geht verloren. Das finde ich schade.“ Humaner und art. gerechter Konsum kann für sie nur vor dem Hintergrund von Verzicht wirklich stattfinden. 

”The creation of surplus population, of a life not worth the costs of its own reproduction, is strictly contemporaneous with the capitalist promise of more abundant life.” Die Frage nach der verheerendsten Entwicklung im Zeitalter des „Posthumanen“ beantwortet Ines Doujak mit diesem Zitat von Melinda Cooper. Die Konzeptkünstlerin hält ihre Kritik nicht im Geringsten von der tödlichen Realität eines heilsversprechenden Systems fern, im Gegenteil. Textilarbeiter*innen, die sich aus Protest anzünden, Burnout von Niedriglohnarbeiterinnen, das Ergötzen am Leid der anderen, Drogen und Krieg versammeln sich in ihren Arbeiten zu einer Anklage gegen den modernen Kolonialismus und die globalisierten Produktionsverhältnisse. Immer wieder legt sie ihre kreativen Hände nicht nur auf die Wunde sondern gräbt vielmehr tief in diese hinein. Es entstehen Arbeiten wie die „Plünderer“: Figuren aus Pappmaché in Camouflagehosen, Vintagepullovern, Gesichtsmasken und Hoodies, die als marodierende Horden durch die Straßen ziehen und auf den bürgerlichen Anstand pfeifen – zu verlieren haben sie nichts (mehr). Sie verkörpern den radikalisierten Protest gegen das globalisierte Kapital. Und ja: wer entscheidet eigentlich wer konsumieren darf/ kann/muss (?) und wer nicht? Wem steht es zu, über Ausgegrenzte zu urteilen? Wer kann (und will) sich den Platz in diesem System leisten und überhaupt: wer stiehlt hier eigentlich von wem? 

„Erst wenn unbewusster Konsum verpönt ist und der soziale Druck zu bewusster Kleidung und Ernährung höher wird, wird sich der Trend ändern.“ Mit dem biologischen und fairen 2009 gemeinsam mit Sigmund Benzinger und Marco Toth begründeten Label zerum, hat sich der Künstler und Designer Simon Goritschnig ein Werkzeug zur Umsetzung seiner selbstauferlegten Verantwortung „die Welt künstlerisch zu einem besseren Ort zu machen“ geschaffen. Ein Leben im Einklang mit der Natur zu führen und mit ihr in einer glücklichen und für beide Seiten gesunden Symbiose zu leben gelingt nur, wenn der Mensch sich die Fähigkeit zum Staunen erhält. Inspiration für die Designs der zerum-Produkte und auch für seine Kunst entspringen daher aus dem Staunen über die „Phänomene, Wunder und Kunstwerke des Kosmos“. Die fair produzierten Bio-Textilien von zerum zu designen, liegt ihm sehr am Herzen, da er so seinen Blick auf die Welt einem größeren Publikum zugänglich machen kann.

„Meinen Designs liegt die Stille zu Grunde.“ Unter dem Titel „new nomads“ entwirft Karin Loitsch „pure Fashion“ – ein heilsames Konzept für Kleider, die den Menschen gesünder machen und ihn halten wie eine innige Umarmung. Die Inspiration dazu begann bei den Sàmi Nomaden, einem unkriegerischen Volk, das den Begriff „Landbesitz“ nicht kennt und „Heimat“ als Grundgefühl und nicht als Ort in sich trägt. „Nicht nur die Qualitäten der Stoffe, sondern auch Farben und Schnitte haben Auswirkungen auf uns“, ist Loitsch überzeugt. Ihre Designs selbst werden allesamt in mit dem Auto in zwei Stunden erreichbaren fairen Betrieben mit hochwertigen und zertifizierten Stoffen hergestellt – so behält sie die Kontrolle über die Produktionsbedingungen. Die Träger*innen erzählen vom spürbaren Unterschied auf der Haut, vom persönlichen Wohlgefühl – von einer insgesamt tiefergehenden, positiven Wirkung. Art.gerechter Konsum basiert auf Reflexion: Was tut mir gut? Was sind meine wahren Bedürfnisse? Was dient mir? Und was behindert mich? In Seminaren begleitet sie Interessierte dabei, sich diesen Fragen zum Thema „zweite Haut“ zu stellen. 

Tatort: Schürze. Motiv: Spiel mit Tradition, Ritual und der (nach wie vor zugewiesenen) passiven Rolle der Frau. Mit diesen Begriffen spielt Ina Loitzl wenn sie den „Pleamle Trachtenstoff“ mit persischem Paisley, Camouflagemustern, Jeansstoffen und Strapsen kombiniert. Ihre Designs sind zwar „tragbar“, aber auch Kunstobjekte und somit in ihrem Grenzgang zwischen traditionellen Vorgaben und kreativem/ironischem Design nicht für jede*n (er)tragbar. „Tauche ich im Sportverein mit der falschen Farbe auf, ist es wie beim Kirchtag mit einer Jogginghose oder in falscher Regionaltracht. Ich stifte Verwirrung.“ Als Designerin arbeitet sie selbst mit Textilnachlässen und verformt oft zwei einfache Stücke zu einem neuen, exklusiven Design. 

„Auch das nachhaltigste Produkt ist eine Verschwendung von Ressourcen, wenn es nicht lange genug verwendet wird.“ Im laufenden Projekt „unfinished“ versucht Timna Weber mit einem alternativen Designkonzept den sich ständig ändernden, ästhetischen Ansprüchen von Mode entgegen zu kommen. Bekleidung aus Hanf, Wolle und Seide wird zum veränderbaren Objekt, das immer neue Formen annehmen kann. Im Amsterdamer Atelier werden nicht nur die Stoffe von Hand gefärbt, dort strickt sie auch ihr Material aus biologischer und schadstofffreier Wolle. Durch das Konzept der ständigen Metamorphose wird dem Menschen als Individuum der Vorzug vor dem „Massenprodukt“ gegeben. 

Tanja Peball
geboren in Villach, Studium der Philosophie in Graz, Antwerpen und Wien, lebt in Graz, manchmal auch am Weißensee. | Dramaturgin und Autorin, Fotografin, kuratorische Assistentin, Bibliothekarin, Straßenwerberin für den Umweltschutz, Ausstellungsvigilantin usw.

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