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Atelier in der Herzkammer

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Atelier in der Herzkammer

geschrieben am 31.01.2020 08:04

Am Nicht-Ort einer tieferen Begegnung Meina Schellanders.


Wer sich damals zuletzt noch ins Kellergewölbe wagte, dort unterm Turm der Straßburg, der mochte einen Schock erlitten haben. Das Publikum der großen Ausstellung zur Feier der heiligen Hemma anno 1988 hätte sich vermutlich Volkstümliches, Heimatliches, Vertrautes, erwartet, vielleicht etwas zu Liebliches: Andenken, immerhin zur Rückversicherung des Seelenheiles; freilich damit rechneten sie nicht, der Heiligen in ihrer archaischen Erscheinungsform zu begegnen, der Konfrontation mit der Wucht der Heiligkeit vermittelt durch die Skulptur von Meina Schellander: Plötzlich hockte Hemma da, im Dunkel, totenweiß, dass ihr Antlitz in einer weißen Kugel aufging, breitbeinig, überm Arm hängte die Krücke ihres Gehstockes. Schwer beladen war sie mit den Leiden und den Gebrechen, den Kindsnöten und Blindheiten von Generationen ihrer ererbten Landeskinder in Kärnten, in Krain, in der Steiermark. Ganz offensichtlich war sie erschöpft. Eine erschöpfte Heilige. Erschöpft von den eigenen Leiden, erschöpft vom unermüdlich tätigen Mitleiden in tausend Jahren. So hat Meina Schellander sie erblickt, so ist die Künstlerin unversehens von ihr überwältigt worden.

Die Seelenburg. Wo befindet sich das eigentliche Atelier einer Künstlerin, eines Künstlers? Nehmen wir’s genau, so kommt Adressen und bewohnten Räumen nur eine sekundäre Bedeutung zu. Denn das Atelier verbirgt sich im Innersten, in der Herzkammer ihrer Seele, im Castillo interior, der „Seelenburg“, wie Teresa von Avila, auch sie eine erschöpfte, völlig hingegebene, verausgabte Heilige, den Nicht-Ort ihrer intimsten Begegnung nannte. Es ist erschöpfend, körperlich und psychisch, und wäre es nur für den sublimen Augenblick, mit dem Absoluten in Kontakt gekommen zu sein. Gleichwohl mag ein solcher Augenblick zur spirituellen Wegzehrung für ein ganzes Leben werden. „Wer sein Leben verliert, der wird es gewinnen“, lautet die Warnung davor, sich in vage mystische Spielereien zu verlieren: Es gilt, das Leben bis zu dessen Verlust einzusetzen, um das Leben zu gewinnen. Wen wundert’s, dass das Publikum zurückschreckte, als es eine Künstlerin, und noch dazu eine einheimische Kärntnerin, auf diese Tatsache verwies. Dass ein Prophet, eine Prophetin in der eigenen Heimat stets misstrauisch beäugt wird, gehört zur allgemeinen Regel, nicht nur in Kärnten.

Nicht nur in Kärnten, auch anderswo gelten prophetische Gestalten als Außenseiter. Sie stören das Getriebe, den Betrieb, den Kunstbetrieb, den Kunstvertrieb. Hechelnde Süchtigkeit dem „Zeitgeist“ zu entsprechen, hektischer Aktivismus, „Engagement“ für alles und jedes, so dreht sich die bis zur Verblendung „zeitgenössische“ Kulturszene im Kreis, einem Karussell gleich, immer geschwinder, nur bloß nicht innehalten, nur bloß kein „Stillstand“. „Schön ist so ein Ringelspiel, is a Hetz und kost nicht viel“, formuliert es Hermann Leopoldi in seinem Chanson, „und dreht sich doch am gleichen Fleck ...“

Störfaktor im Kunstbetrieb. Meina Schellander war und ist ein Störfaktor im Kunstbetrieb. Sie „gehört“ nirgendwo „dazu“. Es ist allerdings eine zuweilen schwerbelastendeGnade,nicht „dazuzugehören“. In ihrem inneren Atelier ist sie auf der Suche nach den auf Erden letztmöglichen Erfahrungen. Dabei stieß sie bald auf die seit langem verwischten Spuren von „Kolleginnen“, die ihr (und nicht im Kreise laufend!) vorangegangen waren, den immensen Gestalten der großen Mystikerinnen. „M’illumino d’immenso (Ich erleuchte mich durch Unermessliches)“, bekennt Giuseppe Ungaretti in seinem Kurzgedicht. So ist die Künstlerin von der heiligen Katharina von Siena geradezu „überfallen“ und „erleuchtet“ worden. Vielleicht ohne zu realisieren, wie dieser „Überfall“ vonstattenging, widmete sie ihr eine Installation, die zum Kostbarsten gehört, das die Kunst Kärntens hervorgebracht hat. Nach jahrzehntelangen Irrfahrten hat ihre Deutung der Katharina von Siena nunmehr im Nordturm beim Dinzlschloss der Stadt Villach eine bleibende Stätte gefunden. Verstörend wie Katharina selbst erscheint diese abstrakte Schauung: Bizarr geometrisch, spitzig, kantig, durchscheinend, jeder irdischen Rationalität spottend. „Sono sangue e fuoco“, so stellte die Heilige ihren Seelenzustand vor: „Ich bin Blut und Feuer“. Sie „passt“ in kein Schema, keine „Zeitgenossenschaft“, am allerwenigsten in jene, in der wir so „modern“ dahinleben.

Oder was sagt sie uns, die stigmatisierte Dominikanerin, die in ihrer grenzenlosen Verehrung des kostbaren Blutes Christi auch das Blut eines Menschen, und sei es eines zum Tode Verurteilten, für kostbar erachtete. Der blutjunge Nicolas Tuldo sollte am Rathausplatz von Siena enthauptet werden. Katharina eilt in seine Kerkerzelle, spricht ihm Trost zu und verspricht ihm, sie werde ihn auf dem Richtplatz erwarten. Am nächsten Morgen ist sie zur Stelle, kniet nieder und empfängt das abgeschlagene Haupt in ihren Händen. Das Blut will sie nicht abwaschen, so köstlich erscheint ihr der Duft ...
Dass Katharina ihr Leben für die Pflege von Pestkranken riskierte, in komplizierten diplomatischen Missionen zwischen Rom und Avignon unterwegs war und ein immenses literarisches Werk hinterließ, das sind weitere Aspekte einer uns Heutigen gänzlich unbegreiflichen Frau, der sich Meina Schellander näherte.
Nur diese ihre Abstraktion und da vornehm keusche Porträt des Andrea Vanni (1347-1380) vermitteln uns  eine Ahnung von einem seelischen Kosmos, den kaum ein Künstler, eine Künstlerin, ein Theologe, eine Theologin mehr betreten mag.

Verschnürungen. Wie gesagt, Meina Schellander gibt sich keinen mystischen Spielereien hin. Dazu ist das betretene Terrain zu riskant. In ihrer Arbeit, der Konzeption und der handwerklichen Ausführung ihrer Installationen, vor allem auch in ihren Zeichnungen geht sie mit einer akribischen Sorgfalt vor. Das immer wiederkehrende Motiv von Bändern und Verschnürungen „bindet“ sie unauflöslich an ihre Arbeit. So wie das Wort „anbinden“ etwas mit der Vokabel „religio“ zu tun hat. Aber wer gibt sich noch der Mühe hin, dergleichen begreifen zu wollen?

Konkret bleibt die Hoffnung, dass zumindest das monumentale auf Kärnten bezogene Werk Meina Schellanders, die heilige Hemma nämlich, das derzeit im Feuerwehrdepot von Ludmannsdorf/Bilčovs gelagert ist, eine ständige Heimstatt finden möge, in einem geeigneten sakralen Raum. Eine Anregun für den neuen Bischof von Gurk-Klagenfurt.

Bertram Karl Steiner
* 1948 in Niederösterreich, lebt und arbeitet in Kärnten, studierte Geschichte und Romanistik in Wien, verweilte als Lehrbeauftragter für österreichische Zivilisation an der Universität Brest in der Bretagne, war Kulturchef der Kärntner Tageszeitung, ist Verfasser mehrerer Bücher über Kärnten.

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