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Berge in der Kärntner Literatur

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Berge in der Kärntner Literatur

geschrieben am 24.07.2018 13:12

Ein Streifzug.


Ihr blauen Berge, irgendwo im Fernen
verschwendet ihr euch in ein tiefes Tal.
In eurem Stürzen liegt der Sturz von Sternen,
in eure Gräber legt sich tausendmal
der Glanz des Abendrots hinein;
und eure Schatten können dunkler sein
als unsere Träume, die uns manchmal schrecken.

<aus: Christine Lavant: An Kärntens Berge> 

Bei dem Gedanken an die Berge in der Kärntner Literatur erheben sich als erstes die Glockner-Darstellungen Markus (Marko) Pernharts (1824-1871), also Werke der bildenden Kunst vor meinem geistigen Auge, gefolgt von dem Gedanken, dass es eine so konsequente Verfolgung des Motivs in der Literatur offenbar nicht gibt. Schon klar, bildende Kunst und Literatur arbeiten mit unterschiedlichen Mitteln und unter anderen Prämissen und die starke Symbolkraft der Berge als Ausdruck von Erhabenheit kommt einer bildnerischen Darstellungsweise in hohem Maß entgegen. Dass sich in einem Land, das zu einem großen Teil aus Bergen besteht, jedoch – mit Ausnahme von Sagen, die als anonyme wie mythologische Kollektivschöpfungen hier ausgenommen bleiben – keine eigene Genreliteratur bzw. nur wenige diesbezügliche Schwerpunktsetzungen herausgebildet haben, ist doch einigermaßen bemerkenswert. Analog zu den Autor*innen des Bundeslandes – die sich zum überwiegenden Teil aus den heimatlichen Tälern verabschiedet und in größere oder kleinere Städte im In- und Ausland oder, auch das bemerkenswert, wenn wiederum aufs Land, so bevorzugt in flache oder hügelige Gegenden gezogen sind –, scheinen auch die Berge in der Kärntner Gegenwartsliteratur in eine weitere Ferne gerückt. Aus dieser treten sie jedoch in einer Vielzahl von Erscheinungsformen immer wieder, und sei es über Umwege oder ex negativo, hervor. 

Am ehesten ist Engelbert Obernosterer (geb. 1936) als Autor des Gebirges in Stellung zu bringen. Wiewohl auch er mit dem Eintritt in das Internat in Tanzenberg bereits als Zwölfjähriger aus dem heimatlichen Lesachtal gezogen, ist er mit der späteren Ansiedlung im Oberen Gailtal zumindest in die Nähe der Berge zurückgekehrt und hat diesen Umstand in seinen Texten produktiv gemacht. Nicht nur, dass er mit den Beschreibungen seiner Kindheit das Leben der Bergbauern ohne jegliche Romantisierung festgehalten und dabei die wohl schönsten Überlieferungen vergangener Rituale, Gewohnheiten und Tätigkeiten – beispielsweise der Heumahd in den Bergwiesen – geschaffen hat, die Nähe der Berge ist auch in seinen das Alltagsleben im Tal betreffenden Prosaminiaturen spürbar. Als „gegenüberliegende Flanke“ bestimmt das Gebirge den Blick mit, und damit auch das Denken. Die Grenze der Mitteilbarkeit der Welt ist dabei ein wesentliches philosophisches Fundament der Texte, das im Bild des wortkargen Berghanges der Kindheit, der „wie viele Leute aus dem Tal“ letzlich „steif vor Sprachlosigkeit“ bleibt, eine eindrückliche Ausprägung erfährt – (vgl. Mythos Lesachtal. Eine literarische Annäherung, Kitab 2005)

Egyd Gstättner (geb. 1962) bzw. der Ich-Erzähler in seinem Roman Untergänge (Ed. Atelier 1995) ist Bergen gegenüber mehr als skeptisch, da an ihnen „jeder mediterrane Gedanke zerschellt“, und arbeitet an einer „Geheimdissertation über eine regionalexpressionistische Karawankenniederreißung“. Den Maler Markus Pernhart lässt er in diesem Zusammenhang als Künstler erscheinen, der an dem schroffen Unverständnis seiner Umwelt leidet und letztendlich vom Großglockner abstürzt. 

Unvermutet, in zumeist überhöhter Form und wiederum in Verbindung mit bildlichen Darstellungen ragen im lyrischen Werk Christine Lavants (1915- 1973) einzelne Gipfel heraus. In dem nachgelassenen Gedicht Fujiyama imaginiert das lyrische Ich, ausgehend von Traumbildern und inspiriert „durch kleine Verse oder Bilder“, einen heiligen Berg, vor dessen Größe und Gewalt es sich als „unermesslich klein / und hingestreut“ ausnimmt, „in einem Drachenkleid / und nur gezeichnet wie von Hokusai“1 gleichsam aber auch als dessen Partnerin, um nicht zu sagen Braut. In dem Gedicht An Kärntens Berge erscheinen diese als „versteinte Gotteslobgesänge“, deren „sanfte Strecken“ wie eine „Zeichnung zu uralten Märchen“2 und tröstlich wirken.

Eine sehr spezifische, an die Anschauung und Erfahrung eines Berges gekoppelte Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Welt und dessen Abbildung oder „Verwirklichung“ in bildender Kunst und Literatur findet sich bei Peter Handke (geb. 1942). In der Erzählung Die Lehre der Sainte Victoire (Suhrkamp 1984) begibt sich der Protagonist auf Wanderschaft um das „Recht“ des eigenen Schreibens zu ergründen. Unter Bezugnahme auf Paul Cézannes intensive Beschäftigung mit dem Mont Sainte-Victoire findet er in der Verbindung von physischer und geistiger Bewegung die eigene Poetik (oder „Lehre“) begründet, deren „Recht“ sich aus der Erfahrung des inneren Zusammenhangs zwischen Ich und Welt ableitet – und aus deren Weitergabe im Sinne des „Menschheitslehrers der Jetztzeit“, Paul Cézanne. 

Ein komplexes Beziehungsgefüge zwischen Landschaft und Ich entwickelt auch Maja Haderlap (geb. 1963). In ihrem mehrfach ausgezeichneten Roman Engel des Vergessens (Wallstein 2011), in dem sich die Autorin mit der individuellen Geschichte wie der Geschichte der Kärntner Slowen*innen im 20. Jahrhundert auseinandersetzt, treten Berge zunächst als Grenze in Erscheinung, deren Überschreiten nicht als „natürlicher Vorgang“, sondern als „politischer Akt“ erlebt wird. In dem Versuch, der Kindheitslandschaft nahezukommen, sind jedoch Beschreibungen von eindringlicher Sinnlichkeit entstanden, die den Duft oder die haptische Beschaffenheit von Wiesen, Almen, Bäumen, Bergen und Gräsern nachgerade evozieren und die politischen Grenzen aufzuheben imstande sind. In Bezug auf die Košuta heißt es: „Das Weiß des Berges wird sich am längsten gegen die dunkleren grünen Farbtöne der beginnenden Ebene behaupten. Im südlichen, hellblauen Himmel wird sich das Meer spiegeln, als ob das Firmament mit einem Auge die Adria betrachte und das andere über den Gräben schließe.“ 

Anders als die Kärntner Kolleg*innen hat sich die 1975 in München geborene Autorin Betty Quast, die seit 2012 in Kärnten lebt, nicht von den Bergen weg-, sondern auf diese zubewegt. Ihre Sammlung Almenrausch, die Gedichte und Essays enthält und im Herbst im Verlag der wolf erscheinen soll, ist demgemäß gänzlich und den biografischen Erstkontakten entsprechend der Tiroler Bergwelt gewidmet und bringt die damit verbundenen Träume und Sehnsüchte sowie die Zerstörungen durch die Auswüchse von Transitwesen und Massentourismus zum Ausdruck. Das rhythmisierte Stakkato rückt die Lyrik dabei in die Nähe von Spoken-Word-Formen ebenso wie es eine – innere wie äußere – Zerklüftung widerhallen lässt: „die Trasse / hinab / durch Berge / rauschen / Autos / ziehen / Leuchtspuren / nach / Matrei / vorbei / in Kurven / Lichter / weit oben / ein Kirchturm / überholen / in Sterzing|Vipiteno / auf Stelzen / ein rotes / Band / zieht mich zu Dir“ (zit. nach dem unveröffentlichten Typoskript).

Katharina Herzmansky
Germanistin, literarischer Brückenpfeiler,
Mitarbeiterin der Unterabteilung Kunst und Kultur. 

1 in: Christine Lavant: Gedichte aus dem Nachlass. Hrsg. von Doris Moser und Fabjan Hafner unter Mitarbeit von Brigitte Strasser. Göttingen, Wallstein 2017.

2 Christine Lavant: Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte. Hrsg. und mit Nachworten von Doris Moser und Fabjan Hafner unter Mitarbeit von Brigitte Strasser. Göttingen, Wallstein 2014 

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