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Die Wirklichkeit ist für mich nicht so

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Die Wirklichkeit ist für mich nicht so

geschrieben am 28.11.2019 10:38

Wortmalereien mit Peter Krawagna.


Wenn ich von Blau spreche, an welches Blau denken Sie dann?
An keinen bestimmten Ton. Ich denke an den Himmel und das Meer. Das sind viele Blaus.

Gibt es Farben, die Ihnen näher sind als andere?
Darüber hab ich viel nachgedacht. Aber nein, eigentlich nicht. Nachdem ich meist von einer Wahrnehmung ausgehe, sind die Farben immer anders.
Ich entscheide mich immer erst dann für eine Farbe, wenn ich ein Motiv habe. Manchmal benutze ich eine Farbe jahre­lang nicht.

Nächste Woche fliege ich für einen Monat auf die Kanarischen Inseln, da nehme ich alle Blaus mit, die ich habe. Normalerweise nehme ich nicht so viel Blau mit. In Griechenland etwa kenne ich die Blaus mittlerweile alle. Aber auf den Kanaren sind die Blautöne ganz anders. Der Wind dort peitscht das Meer auf. Vorne sind die Wellen meist grün und bis an den Horizont gehen sie bis ins tiefe Pariser Blau.

Wie geht es Ihnen beim Ringen um die adäquate Farbe?
Ich bin unzufrieden, wenn ich nicht das erwischen kann, was ich wollte. Annähernd zumindest. Rottöne etwa haben mir oft Schwierigkeiten gemacht, sie sind mir meist zu grell ausgefallen. In den letzten Wochen habe ich beim Mischen viel Rot probiert und es ist mir ganz gut gelungen. Das sind meine Erfolgserlebnisse.

Ihre Reisen führen Sie immer wieder ins Licht und zu den Farben Afrikas, Griechenlands, der Türkei ... immer gen Süden?
Ja. In Afrika – in Mali, Senegal und Burkina Faso – war ich mindestens zwan­zig Mal. Immer für einen Monat. Gekom­men ist das so: Ein Freund von mir hat mich gefragt, ob ich mit ihm nach Ober­volta [heute Burkina Faso] reise. An Oberperfuss [in Tirol] hab ich gedacht, da hat er nämlich gewohnt und hab halt ja gesagt. Und plötzlich bekomme ich einen Brief in dem steht, ich muss mich impfen, das und das zum Anziehen mitnehmen ... damals hatten wir noch kein Telefon, also hab ich zurückgeschrieben, wieso denn all das nötig sei. „Ja weil wir nach Afrika fahren!“, hat er geantwortet. 1978 war das.

Afrika ist Ihnen also „zugefallen“ ...
Ja, das war sozusagen Zufall. Meine Reisen hab ich kaum eigenmächtig gemacht, zu ihnen bin ich eigentlich immer wieder überredet worden. So woll­ te einmal unser Pfarrer, dass ich die Kirche ausmale. Ich hab ihm dann erzählt, dass die Ägypter die schönsten Wand­malereien gemacht haben. „Dann fahren wir nach Ägypten“, war seine Antwort.

Was hat Sie dann insgesamt an die 20 Mal nach Afrika gezogen?
Alles hat mich fasziniert. Vor allem die Landschaft und die Leute. Die Lehm­moscheen.

[buch.tipp: Peter Krawagna: Lehm und Stroh. Aquarelle und Zeichnungen aus Afrika aus den Jahren 1978 bis 1982]

Wenn Sie heute etwa eine afrikanische Zeichnung aus diesen Jahren anschauen, erinnern Sie sich dann noch an diesen expliziten Moment, an das Gesehene?
Ja das ist alles noch da. Bei den meisten Bildern. Auch die Bedingungen rundher­um, wo und wie ich gemalt habe.

Das Sehen selbst hat für Sie ja einen zentralen Stellenwert. Können Sie beschreiben, wie Sie hinschauen, beobachten und sehen?
Diese Wonne und Freude des Sehens, die Dinge aufzunehmen, das ist sowas von herrlich. Peter Mießl hat mich ein paar Mal in Griechenland besucht, er ist gerne gegangen, die ganze Insel auf und ab. Ich bin nie mitgegangen, weil, ich komme nicht weit. Ich finde ständig ein Motiv zum Schauen und Malen. Den Mittags­kogel etwa hab ich oft und gern gezeichnet – ich kann ihn längst auswendig zeichnen – aber oben war ich noch nie. [lacht]

Am besten ist es für mich, wenn ich unterwegs keine Malsachen mitnehme. Dann steht das Schauen im Vordergrund. Dann merke ich mir Details wie den Farbklang auch besser.

Farben, Gerüche, Geräusche ... die sinnliche Wahrnehmung erschließt den Sinn?
Ja, das gehört alles dazu. Für mich ist das wie Rauschgift – so stell ich mir das halt vor, wenn die Leut’ was nehmen. In den Türkenfeldern im Zollfeld hab ich im Hochsommer große Bilder gemalt. Wenn ich müd’ war und dachte, „heut wird gar nix mehr gehen“, hab ich den Geruch der Maisfelder aufgesogen – das war für mich wie Rauschgift, ich war gleich wieder frisch.

Welcher der fünf Sinne ist für Sie der wichtigste?
Alle. Und das sage ich nicht leichtfertig. Es ist die Gesamtheit.

Ist die Malerei eine menschliche Erfindung oder eine der Welt innewohnende Entdeckung?

Mir persönlich geht’s so, dass wenn ich etwas sehe, das so schön ist, dann hab ich das Bedürfnis zu versuchen, diese Schön­heit, die mich da berührt hat, darzustellen. Es reizt mich beispielsweise, wenn ein Lichteffekt kommt. Ich darf nicht fragen, warum und wieso. Dann ist das Motiv weg. Ich muss den flüchtigen Moment einfach einfangen.

Wann haben Sie zu malen begonnen?
Als Kind hab ich dauernd illustriert, unsere Fußballerlebnisse der Jugendmann­schaft in Velden. Fußballspielen war für uns damals sehr aktuell, wir waren relativ erfolgreich und sind aufgestiegen. Als meine Mutter dann irgendwann meinte, ich solle doch an die Kunstakademie gehen, hatte ich überhaupt keine Freude damit. Ich war grad ganz wichtig in der Mannschaft, warum sollte ich also nach Wien gehen! [lacht]

Studiert haben Sie unter anderem bei Herbert Boeckl.
Mit Boeckl, das war eine eigene Geschichte. Ich hab den wahnsinnig gern gehabt, den Boeckl. Verehrt hab ich ihn. Einmal hat er mein Studienbuch angese­hen und fand darin ein Foto von meiner Frau. „Die Kärntner, die Viertel­ und Dreiviertelgenies. Arbeiten tun sie nix. Nur die Weiber im Kopf“, sagte er. Er hat sich meine Arbeiten gar nicht angeschaut. Sein Assistent hat das gemacht. Im vierten Jahr dachte ich mir, dass ich ihn dazu zwingen muss: „Da ist meine Mappe. Ich bin zwar a Kärntner aber arbeit’ wie wild!“, hab ich wortwörtlich gesagt. [lacht] „Gib her!“, hat er erwidert. Dann: „Was machst denn du auf der scheiß Akademie?! Geh doch nach Spanien und Paris!“ Dafür bin ich sehr dankbar – genau das habe ich dann nämlich auch gemacht.

Was haben Sie aus dieser Zeit für sich mitgenommen?
Vor allem die moderne Kunst. In Wien war damals nicht ein einziger Impressio­nist zu sehen. So veraltet war das. Von der modernen Kunst war alles weit, weit entfernt. Im Louvre war ich dann fast jeden Tag. Ich gehe da ganz auf, wenn ich so schöne Bilder sehe. Und im Louvre, mein Gott, diese Vielzahl und die Impressionis­ten, van Gogh und Gauguin ...! Später dann ist die CoBrA­Gruppe aufgekommen, mit Karel Appel und Asger Jorn. Das war ähnlich wie Boeckl, von der Natur her­kommend. Davon hab ich profitiert.

Besonders profitiert hab ich auch von meinem Lehrer an der École des Beaux­ Arts in Paris. Eigentlich wollte ich nicht noch einmal an die Akademie gehen. Ich war eh schon ein „ewiger“ Student: vier Jahre Kunstschule Linz, vier Jahre Akademie in Wien ... aber wir haben kaum Geld gehabt und so schlecht gewohnt. Paris war damals so teuer. Dann hat mir jemand erzählt, dass es in der Akademie eine Mensa gibt, die ganz billig ist und hervorragend kocht. Das war dann eigent­ lich der Grund, warum die die Aufnahm­sprüfung dort gemacht habe. Und das war umständlich! Aber ich wurde auf­genommen. Und die Mensa war fantas­ tisch. [lacht]

Sie sind dann aber doch nicht nur zwecks der Kochkunst an die Pariser Akademie gegangen ...
Nein, mein Lehrer hat mich begeistert. Er kam nur einmal in der Woche. Am Samstag. Da waren die ganzen „Pseudo­schüler“ nicht anwesend, die haben da Ausflüge gemacht. Der Lehrer konnte nicht Deutsch, ich nicht Französisch. Ich musste meine Bilder aufstellen und er hat mir dann gedeutet „Das, das und das ... das ist der Weg.“ Und so male ich heute noch.

Arnulf Rohsmann hat für Sie den Begriff der „Naturabstraktion“ geprägt, Kunsthistoriker Peter Weiermair hat Sie als „abstrakten Expressionisten“ bezeichnet – wo verorten Sie sich selbst in dieser kunstgeschichtlichen Welt der -ismen?
Ich hab das nie – auch nicht in der Kunstgeschichte – nachvollziehen können. Wer gehört zu den Impressionisten, wer ist Spätimpressionist, wer schon ganz wo anders – das sind Überbegriffe von den Kunsthistorikern. Die Wirklichkeit ist für mich nicht so. Aber beim Rohsmann mei­ne ich, dass er da Recht hat, mit der Naturabstraktion, was ja ein Hollegha oder ein Weiler genauso ist. Oder Martha Jung­wirth, die jetzt so aktuell ist.

Der Angelpunkt Ihrer Abstraktionen ist immer ein realer Gegenstand – sei es die in der afrikanischen Luft flirrende Lehmarchitektur, seien es Sessellifte oder Paragleiter – Gegenstände ohne Bedeutungs-Belastung?
Ja. Vor allem Gegenstände, die mir auffallen, weil sie unüblich sind. Solche, die viele Leute nicht sehen. Auch nicht sehen müssen. In Venedig ist es mir noch zu meinen Akademie­Zeiten folgend ergan­gen: Ich bin dort ausgerückt, mit Staffelei und allem Drum und Dran, weil ich Vene­dig malen wollte – und ich habe einfach nichts gesehen. Nichts. Ich wusste nicht, was ich malen soll. Diese Vielzahl ... alles herrlich, hat mich aber nicht gereizt.

Auf einmal sah ich dann von der Rialto­brücke aus, wie sich auf dem Palazzo gegenüber ganz Venedig spiegelt. Ich wusste nicht, dass das dort ein riesiger Verkehrsspiegel ist. Darin spie<ge>lte sich alles ab. Der durchfahrende Weinhändler, die Müllabfuhr, die Feuerwehr ... da hab ich zum Zeichnen angefangen.

Realität und Kunstwerk – wie stehen diese zueinander?
Der Gegenstand verändert sich durch den Malprozess. In diesen fließt alles andere ein, was ich jemals gesehen habe – wenn ich es grad brauchen kann. Ich hab schon ein Bild im Kopf, aber nicht bis in jedes Detail. Ich muss schauen, was dem Bild guttut. Und dabei passiert alles Mögliche. Wenn ich mit einem Bild fertig bin, merke ich oft, dass darin manchmal Dinge vorkommen, mit denen ich mich vor Jahren schon beschäftigt, diese aber nie verwirklicht hatte.

In einem Bild klingt also Ihr ganzes Leben mit?
Mein Malerleben, ja.

Welche Position nimmt dabei der Maler ein?
Ein Bild ist ein Stück von mir.

Hat sich das Schauen im Lauf Ihres Malerlebens verändert?
Ich glaube schon, ja. Ich habe mehr Geduld zum Schauen. Und zum Stehenbleiben. Ich hatte mal den Traum, dass ich ein ganz besonderes Motiv gesehen hab, das war ein so spezieller Moment, ich musste aber dringend etwas anderes erledigen und bin vorbeigegangen. Damit hab ich auch den Moment erledigt. In der Früh dachte ich mir dann, „nie wieder mache ich das!“ Dieser Traum hat mich bewegt.

Das eignet sich zur Lebensphilosophie.
Mir geht’s halt so. Ich bedaure grad auch schon – aufgrund der grad vielen schönen Motive hier – dass ich nächste Woche nach Fuerteventura fahren muss ... [lacht]

Gabbi Hochsteiner
Chefredaktion DIE BRÜCKE

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