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Du hast falsch überliefert

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Du hast falsch überliefert

geschrieben am 30.09.2019 10:22

Positionierungen für einen offenen Geschichts- und Gesellschaftsdiskurs.

„Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für Kärnten!“


Vorigen Sommer war es 500 Jahre her, dass Kaiser Maximilian, weil er sich nach einer Feuersbrunst die Kosten für den Wiederaufbau Klagenfurts ersparen wollte, die Stadt den ansässigen Adelsfamiliengeschenkt hat. Zu diesem Jubiläum zeigte der im Jauntal lebende Künstler Jochen Traar in Klagenfurts Alpen-Adria-Galerie die Ausstellung „paint it black“. Er interessierte sich darin für das Erscheinungsbild der Stadt als Folge der jahrhundertelangen Wechselwirkung ihrer gesellschaftlichen Kräfte. An den Wänden gab es eine 360-Grad-Vedute, am Boden eine Art Stadtplan, und über diesem bewegten sich neben den Besucher*innen halbstündig ganz ungesteuert, aber mit Sensoren zur Vermeidung von Kollisionen, ein (männlicher) rosa und ein (weiblicher) schwarzer Sonnenschirm: Alle beeinflussen durch ihre Mitwirkung das Geschehen, niemand kann alles imperial bestimmen. Ein Spiel der freien Kräfte, neugierig beobachtet, fast schon, wenn man so will, ein Vorschein der Demokratie, eine Weltschau ohne Provinzialität.

Es gibt gute Gründe dafür, zu bezweifeln, dass Digitalisierung und Globalisierung am Ende den Unterschied zwischen Stadt und Land, zwischen Metropole und Peripherie ganz verschwinden lassen. Aberdass der Informationsstand heute so leichtüberall derselbe sein kann, erschwert es doch beträchtlich, dass sich in einem Landstrich die Bevölkerung weiter vom kollektiven Bewusstsein entfernt, als es ihrer jeweiligen kulturellen Identität entspricht. Das ist bedeutsam, wenn man bedenkt, auf wie viele Kärntner Kulturleistungen das noch bis vor Kurzem zugetroffen hat: Da setzt sich eine künstlerische Persönlichkeit mit elementarer Energie gegen ein Umfeld zur Wehr, das offenbar mit der entsprechenden Gegenenergie Wirklichkeitsregeln behauptet, die auf Außenstehende, wenn nicht von Anfang an absurd, so doch zumindest nicht auf der Höhe der Zeit wirken.

Die Ursache dafür, wie Klaus Amann, dem Kärnten literaturwissenschaftlich so vieles zu verdanken hat, immer wieder in der ihm eigenen, mancherorts als milde missverstandenen Weise betont hat, liegt in der Rigidität, in die zu verfallen der Kärntner Politik nach dem Zweiten Weltkrieg opportun erschienen ist. Schade, denn zumindest wirtschaftlich wäre mit Sicherheit viel mehr drinnen gewesen. Auch wird sich wohl niemand finden lassen, der behauptet, das Land hätte durch die Weitsicht seiner Regierungen den größtmöglichen Vorteil aus seiner dreifältigen geografischen Lage gezogen. Aus der Bilanz hervor sticht die Kultur, die, unter dem Applaus von überall sonst,dem Herkunftsland den bittersten Vorwurfnicht ersparen konnte. Es ist der furchtbare Vorwurf Franz Kafkas in seinem Briefan den Vater: Du hast falsch überliefert. Es ist der Vorwurf, durch ein entstelltes Geschichtsbild um die Möglichkeit gebracht worden zu sein, in den Diskurs über die Zeitfragen bei einem halbwegs aktuellen Stand einsteigen zu können.

Nimmermüde haben sich die Kulturtätigen der Aufgabe unterzogen, die Überlieferungrichtigzustellen. Wenn die Selbstsicht des offiziellen Kärnten die existenzielle Tristesse der beiden verhinderten Beach- Volleyball-Spieler, die völlig unterfordert im städtischen Security-Dienst landen, einschließen würde, müsste Antonio Fian sie nicht bis heute fast wöchentlich beschwören. Aber es war ja schon Michael Guttenbrunner, der zu sagen versuchte, was rundum kollektiv verdrängt wurde. Peter Turrinis Sauschlachten beruhte auf einem realen Vorfall. Unerbittlich hat Werner Kofler die Erinnerung an eine Heimat verfolgt, die ihn verfolgte, also zumindest nächtens. Gert Jonkes Schreiben, auch wo es nicht dem auslaufenden Wörthersee galt, war schon in seiner Besessenheit der Belegeines Geburtstraumas. Und Josef Winkler tritt in seinem jüngsten Text „Lass dich heimgeigen, Vater“ tollkühn an den noch rauchenden Krater seines gesamten bisherigen Schreibens. Man kann ebenso eine Schicksalsverbindung von Peter Handkes Mutter zu Christine Lavants bitterer früher Lebenszeit sehen. Und genauso noch ruhen, um nur noch zwei Beispiele zu nennen, die frühen Prosatexte von Helga Glantschnig oder Lydia Mischkulnig auf Kindheitserinnerungen, die in dieser Weise auch noch in dieser Zeit in Kärnten, besonders in Kärnten möglich waren.

Ja, man muss sagen: Das alles hatte auch einen Gegeneffekt. Ob im Wiener Exil, in Paris oder in der inneren Emigration, die Kärntner Kultur hat sich gewehrt und gewunden, hat kaum jemals klein beigegeben, egal ob in Gestalt von Maria Lassnigs Verweigerung der Kulturpreis-Annahme, in Gestalt von Dietmar Pflegerls standhafter Opposition gegen eine hoffärtige Landespolitik oder in Gestalt des künstlerischen Streiks von Ikarus-Gründer Zdravko Haderlap. Es gibt aufgrund dessen schon eine Entwicklung. Vor wenigen Jahrzehnten noch wäredas Partisanen-Stück Peter Handkes auf politisch-offiziösen Widerstand gestoßen,Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“ wäre zum Kulturskandal hochstilisiert worden und gegen die Uraufführung von Bruno Strobls wunderbarer Hemma-Operhätte auch noch die gesamte Kurie protestiert. Das war nicht so. Es war nicht mehr zeitgemäß. Es wäre bereits absurd gewesen.

Wenn wir jetzt also am Vorabend des 100. Jahrestags der Kärntner Volksabstimmungstehen, ist es vielleicht aufschlussreicher, nicht zuerst einige Politikerinnen und Politiker, sondern einige Kulturschaffende zu fragen, was ihnen anlässlich des Jubiläums durch den Kopf geht, nein eigentlich: am Herzen liegt. Denn genau dorthin weist der Tipp, den der Kulturwissenschaftler Klaus Schönberger allen Heimatsuchenden als erstes gibt: „Auf den letzten drei Seiten, im dritten Band des Prinzips Hoffnung, entwickelt Ernst Bloch den Begriff einer Heimat, die noch niemand erreicht hat, und die doch allen in ihre Kindheit schien“. Die Verschiebung des Heimatbegriffs von geografischen Koordinaten hin zu einer Zeitachse ist einer der Ausgangspunkte, von denen Schönberger gerne die Theorie zur theatralischen Praxis beisteuern möchte, die das Theater Wolkenflug für das Jubiläumsjahr vorhat.

Eine emotionale Hauptrolle könnte auch die mütterliche Suppe am Küchentisch spielen, wie Helga Gasser zu bedenken gibt. Dann wäre, das ist schon auch eine schöne Möglichkeit, Heimat ein sehr sinnlicher, aber komplett persönlicher Begriff, der für alle jeweils das umfasst, was sie selbst erlebt haben. Vorausgesetzt, sie waren meistens an einem Ort. Denn „es gibt viele Orte, wo ich mich wohlfühle, aber deshalb Heimat?“, überlegt der Theatermacher Felix Strasser. „Aber Herr Strasser, Sie sind doch ein netter Mensch!“ Strasser: „Ja schon. Ich lebe und arbeite in Kärnten, ich fühle mich auch wohl hier, geografisch finde ich die Situation interessant. Nur genetisch, also Heimat?“

VADA-Mitgestalter Felix Strasser bevorzugt es, die Jahrhundertfeiern mit einer zweiten Mondlandung zu verbinden. Und zwar soll der Maler und Musiker Richard Klammer zum Kosmonauten trainiert werden, um im Rahmen einer Mondlandung auf dem Erdtrabanten ein Denkmal für den Kärntner Abwehrkampf im Rahmen eines feierlichen Konzertes zu enthüllen. Klammer, auf die Mission von der BRÜCKE angesprochen, wirkt noch nicht hundertprozentig überzeugt davon, dass ihm das wichtige Projekt der Dokumentation der Elendsviertel rund um den Wörthersee, also der von ihm sogenannten Favelas, überhaupt Zeit zu solchen Aufgaben lässt. Liebäugeln tut er mit dem Seitensprung aber schon. Sonst hätte er sich nicht bereits die Worte zurechtgelegt, die er bei der Denkmal-Enthüllung auf dem Mond sagen würde: „Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großerSchritt für Kärnten!“

Es könnte auch eine VADA-Konstruktionsein, war es aber nicht: Ina Loitzl ist 2005 in einem Wiener Hochhaus zufällig wirklich in eine Zirbenstube geraten. Es war der Anfang ihrer Beschäftigung mit der Frage, welche Räume Menschen sich schaffen, um sich darin wohlzufühlen. Es fällt das Wort „Zuckerln“. Und „Kostümierung“. Heimat dagegen sind „Menschen, Gespräche“. „Ich selbst kann keine Tracht tragen. Eine Küchenschürze vielleicht, aber dann muss sie ganz falsch sein.“ „Heimat ist echt ein schwieriges Wort. Also wenn wir kein anderes Wort finden, bedeutet es für mich Natur“, meint die Musikerin Ingrid Schmoliner: „Dann bedeutet es die Wurzeln, die Berge, wo ich mich wohlfühle. Obwohl, die Wüste finde ich auch nicht schlecht.“

„Was versuchen wir denn da zu verteidigen? Unseren Besitz? Was wir uns zusammengekauft haben? Die ganze Welt?“, fragt Werner Hofmeister: „Wenn das Phänomen Heimat irgendeinen Sinn hat, dann höchstens doch den: Im kleinen Umfeld erkennt man vielleicht ein bisschen deutlicher, was weltweit geschieht.“

Also, ein kurzer Ausflug in die Politik: Im Museum von Völkermarkt wird eine kleine Ausstellung am Hauptplatz auf die ständige Volksabstimmungsdokumentation im Stadtmuseum verweisen, die mit rund 600 Objekten reichhaltig bestückt, in der Präsentation aber leider schon fast 40 Jahre alt ist. Museumsleiter Robert Wlattnig ist bemüht, den Begriff der Volksabstimmung „mit Demokratie und Frieden“ zu füllen und „die bösen Geister zu vertreiben: Es gibt am Friedhof ein gemeinsames Totengedenken. Aber man soll uns bitte nicht vorwerfen, dass die Beschriftungen der Objekte nicht dreisprachig sind – eine Neugestaltung der Dokumentation zu finanzieren ist weder die Aufgabe der Stadt noch gar eines Vereins.“ Der Völkermarkter Hauptplatz soll die erste Station der mobilen Landesausstellung 2020 werden.

Aber zurück: Die Bilder der Heimat, oder was man dafür hält, sind stärker als die Wirklichkeit. „Nicht nur die Menschen, denen man begegnet, schreiben sich ein, es ist auch der Raum“, weiß der Filmemacher Robert Schabus, der eine Dokumentation über Kärntner Auswanderer nach Nordamerika und Kanada gedreht hat. „Nur, wie kommt man aus der Nummer wieder heraus?“, überlegt Gerhard Fresacher, „Also Heimat ist auch der Ort, wo man sich auskennt, der Ort, an dem es in Ordnung ist. Aber sind wir noch dieser Ort? Sind wir nicht an die Grenzen unserer Heimat gestoßen?“

„Nun“, um den Rundgang mit Tanja Prušnik zu beschließen, „für mich ist Kärnten die Heimat, mit allen Schwierigkeiten, die wir hatten, oder, ich verwende lieber die Worte: hier fühle ich mich zuhause, hier komme ich her. Ich lebe jetzt in Wien, und ich lebe auch hier das Kärntner-Slowenisch-Sein. Ich bin stolz darauf, dass sich meine Vorfahren dafür eingesetzt haben, dass wir jetzt so leben können. Und „Mutterland und Vatersprache“ finde ich sehr passend: Meine Mutter hat Slowenisch erst wegen meines Vaters gelernt.“

Und schließlich noch ein Veranstaltungshinweis: Das Museum am Bach wird kommendes Jahr die Volksabstimmung von 1920 wegen des großen Erfolges wiederholen.

Michael Cerha
1953 in Vorarlberg, Autor, Dramaturg und Kulturjournalist. Kärntner Kulturkorrespondent der Tageszeitung „Der Standard“. Publizierte zuletzt u. a. die poetische Textsammlung „documents“ und das Kinderbuch „Albine“. Lebt seit 2010 in Damtschach.

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