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Eigentlich etwas im Inneren

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Eigentlich etwas im Inneren

geschrieben am 30.01.2020 10:05

Assoziationen zur Geschichte des Werkstatt-Begriffes.


Die Existenz von Werkstätten ist für uns so selbstverständlich, dass man sich fast ein wenig wundern kann, dass das Wort dafür noch so jung ist. Erst das Spätmittelhochdeutsche, das im Übergang zu dem bis heute gepflegten Neuhochdeutsch stand, kannte den Ausdruck „wercstat“. Da hatte sich das Wort „stat“ wohl noch nicht orthographisch, aber schon inhaltlich aufgespalten in einen bestimmungsoffenen Ort, der späteren Statt oder Stätte, und in einen bestimmten Ort, an dem viele Personen wohnen, der folgenden Stadt. Aber wenn man es genau bedenkt, ist es auch wieder nicht so erstaunlich. Die Entwicklung der Idee einer Werkstatt setzt Gründe voraus, die es angezeigt erscheinen lassen, Wohn- und Arbeitsbereich zu trennen. Das geht mit vielen Instrumenten einher, mit großen Werkstücken oder mit Schmutzbildung. Vor allem aber hat die Werkstatt einen Betreiber, den Meister. Den weckte erst die Neuzeit.

Die erste Blüte und damit den bis heute mitschwingenden romantischen Grundton besorgte das Handwerk. Irgendwie paradox, dass dies so klar in der Etymologie des französischen Äquivalents der Werkstatt, des Wortes „Atelier“, zum Ausdruck kommt. Abgeleitet von astele, das soviel wie Splitter oder Span bedeutet, bezeichnete Atelier ursprünglich einfach eine Ansammlung von Spänen am Arbeitsplatz eines Zimmermanns. Der Abfallhaufen hat eine grandiose Karriere hingelegt. Zwar nicht in der überwiegenden Zahl der Fälle, denn wegen seines Lichtbedarfs lag das Atelier häufig im Nordteil von Dachböden, die – siehe Puccinis „La Bohème“ – schwer beheizbar waren. Im Glücksfall jedoch wurde die Produktionsstätte der Künstlerin/des Künstlers zum Mittelpunkt ihres/ seines Lebens, zum ziemlich öffentlichen Ausstellungsraum und Marktplatz ihrer/ seiner Werke, bei Hans Makart geradezu zu einem Ballsaal. Wobei der Schritt zum Atelierfest nicht allzu groß war, indem die Beendigung eines Gemäldes, ähnlich der Firstfeier der Zimmerleute, traditionell mit einem feierlichen Akt begangen wurde, nämlich der Auftragung des Firnisses.

Anmutung von Kreativität. Das ist in heutigen Vernissagen nur mehr in abgewandelter Form präsent. Das Spektakel ist ja auch in Räume übersiedelt, denen der Geruch von Leinöl eher fremd ist. Das ändert aber nichts an der Werbewirksamkeit, die dem immer noch mondän klingenden Wort „Atelier“ zugeschrieben wird. Mit der Anmutung von Kreativität, die seine Buchstaben umweht, stattet sich hier ein Modegeschäft, da ein witziger Gemüsehändler und dort hinten sogar jemand aus, der Königspudeln die Haare schneidet. Mit ein bisschen Abstand, dann aber hemmungslos, folgte dem französischen Atelier die deutsche Werkstatt. Weit hinaus über die Vielzahl an Hallen, worin die Vielzahl unserer Kraftfahrzeuge zur Reparatur oder auch nur zur Kontrolle in hydraulische Höhen auffährt, kann inzwischen eigentlich alles, was sich mit dem Flair des Handgemachten verteuern möchte, als Werkstatt bezeichnet werden. Nicht nur manches Nudeldepot, auch manches Gespräch wird für attraktiver geglaubt, wenn es als Werkstattgespräch plakatiert wird. Und als würde Hans Sachs immer noch leben, dieser ehemals ehrwürdige Poet und Schuhmacher dazu, verlockt uns da und dort sogar eine Schreibwerkstatt.

Das heißt nicht, dass die Schreibtische der Schriftsteller*innen und gelegentlich auch die Schaffensplätze der Komponist*innen wahrscheinlich [also ich war jetzt schon lange nicht mehr zu Besuch bei Wolfgang Liebhart – und bei Dieter Kaufmann oder Bruno Strobl leider überhaupt noch nie] ohne einschlägige Arbeitsspuren wären. Josef Winklers Schreibraum akzentuiert die wahrscheinlich existenziellste Zeichnung von Reimo Wukounig. Die Gestaltungen der Produktionsräume von Künstler*innen füllen ganze Bildbände, und wer sich einmal im fünften Wiener Gemeindebezirk durch die letzten frei gebliebenen Bücherstapel- Passagen bis zum Pult von Friederike Mayröcker durchgeschlängelt hat (man musste ja ein Mikrofon dort platzieren, weil sie so leise spricht), der wundert sich nicht mehr über das Sammelsurium im Schreibraum von Dylan Thomas, höchstens über die aufgeräumte Kargheit in jenem von Thomas Mann.

Die Erfindung der Farbtube. Es müssen nicht immer Gold und Silber sein. Schlichtes Blech, weiß und schwarz lackiert, kann ästhetisch genauso anspruchsvoll sein. Das war eine schöne Idee, dass Josef Hoffmann in seinen sogenannten „Wiener Werkstätten“ das Rad der Zeit zurückdrehen wollte, um Kunstvolles leistbar zu machen. Aber die modernen Produktionsbedingungen und der Markt haben das Konzept schnell überrollt. Wenn es nicht schon vorher unter heftigen Druck geraten ist. Denn eine kleine Unscheinbarkeit, die Erfindung der Farbtube, hat dem malerischen Atelier 1841 Türen und Tore geöffnet. Alles drängte auf einmal hinaus. Von Auguste Renoir ist die Aussage überliefert: „Die Farbtube hat es uns ermöglicht, in freier Natur zu malen. Ohne sie hätte es weder einen Cézanne, noch einen Manet oder Pissarro gegeben und auch nicht den Impressionismus.“ Zugegeben, die PR- Strategien unserer geschäftigen Welt hinken der kunstgeschichtlichen Entwicklung etwas nach, also in diesem Fall um ungefähr 170 Jahre. Aber die Tendenz ist seit dem Triumph der Freilichtmalerei unübersehbar: Die Werkstatt ist nicht mehr die alleinige Geburtsstation der Kunst. Reduziert auf die Funktion, beschreibt man sie gegenwärtig am besten als allenfalls zweckdienliche Fertigungshalle.

Außen und innen. Seinem Kunststudium in Linz hat der gebürtige Villacher Michael Krainer ein Philosophiestudium in Klagenfurt nachgereiht. Vielleicht ist es diese Gedankenschulung, die ihn daran zweifeln lässt, dass Werkstatt überhaupt noch als realer Raum beschreibbar ist. Zitieren wir ihn als zufälliges, aber doch sehr aussagekräftiges Beispiel für die räumlichen Umstände der gegenwärtigen Kunstproduktion. Aufgefallen ist Krainer bisher vor allem mit seinen Maschendrahtobjekten von wundersamer Poesie, deren Größe zwischen dreißig Zentimetern und drei Metern schwankt. Exakt lokalisieren kann er seine Werkstatt nicht: „Ein früher, wichtiger Schaffensort war für mich ein aufgelassener Tennisplatz, da bin ich auf den Maschendraht gestoßen.“ Das Material, formal erinnernd an „das kritzelnde Suchen beim Zeichnen“, ist immer für Überraschungen gut. Und um diese Überraschungen, vor Ort, geht es. „Die Werkstatt ist ja wieder nur so ein Ort, wo man hingeht, um zu arbeiten.“ Da seien die Perspektiven eingespielt, aus denen man das entstehende Werkstück betrachtet und die Überraschung weitestgehend ausgeschaltet. „Ich arbeite sehr raumbezogen. Kleine Sachen mache ich am Wohnzimmertisch. Ich brauch ja nur Seitenschneider und Zange. Das Größere jedoch immer im Hellen, in der freien Natur, wo ich unbegrenzt wahrnehmen kann, wo ich sehen kann, was ich bewirke und was es auslöst. Denn vielleicht ist das, was man Werkstatt nennt, eigentlich etwas im Inneren.“

Michael Cerha
* 1953 in Vorarlberg, lebt seit 2010 in Damtschach, Autor, Dramaturg und Kulturjournalist. Kärntner Kulturkorrespondent der Tageszeitung „Der Standard“.

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