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Flaschen:post / Pismo v steklenici

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Flaschen:post / Pismo v steklenici

geschrieben am 28.05.2020 17:31

Kunstsinnige Lebenszeichen aus dem Packeis.


Terror in der Kulturnation. Ungewöhnliche Zeiten, so heißt es dieser Tage, verlangen ungewöhnliche Maßnahmen. Ungewöhnlich daher der Hilferuf, den Kärntner Kunst- und Kulturschaffende mit einer gleichsam witzig-ironischen wie kritisch-tiefsinnigen Aktion aus der unfreiwilligen Isolation heraus starten. Den aktuellen Abstandsbeschränkungen gerecht werdend, findet diese vorbildlicherweise im (zumindest physisch) infektiös risikoarmen virtuellen Raum statt. Auf www.unikum.ac.at wird man zunächst vom Bild der im Packeis gefangenen „HMS Terror“ (mit echtem virtuellen Schneefall!) empfangen. Sinnbild für katastrophales menschliches Scheitern angesichts der Gewalten der Natur (nur vier von 133 überlebten), dient die „Terror“ der Arktis-Expedition von John Franklin als Aufhänger für ein Kärntner Kunstprojekt. Omen est nomen?! Wie deprimierend schlecht müssen die Betroffenen ihre Überlebenschancen einschätzen, dass es so weit kommen muss? Und das trotz der mantraartigen Beschwörungen der von „unseren“ Künstler*innen getragenen Kulturnation Österreich und den wiederholten öffentlichen Bekenntnissen zu ihr selbst von höchster kulturpolitischer Stelle!

Abenddämmerung oder Morgenröte? Das symbolisch aufgeladene Bild nimmt uns per Mausklick direkt hinein in die aktuelle Geschichte eines anderen Schiffes, der „DS Morgenröte | Zora“. Im simulierten O-Ton einer historischen Wochenschau hören wir – in den Sprachen beider Volksgruppen – wie es unbeschwert die Anker lichtete, zusehends in unwegsamere Gewässer geriet und schließlich vom Packeis eingeschlossen wurde. Verdammt dazu, mehrere Monate im Bauch des Schiffes abwarten zu müssen, sinniert die Mannschaft nun: „Welches Schicksal uns wohl zuerst ereilen möge: Ob bald das ersehnte Tauwetter einsetzte oder ob uns vorher die Kohle ausgehe ...“ Angesichts dieses möglichen Szenarios erscheint die Namensgebung „Morgenröte“ schicksalhaft. Die „Aurora“ von Shackletons Endurance-Expedition (welcher Name auch hier!) in die Antarktis 1914-1917 wurde ebenfalls im Eis zerdrückt. Ein böses Vorzeichen? Zumindest hatten hier alle Expeditionsmitglieder unter widrigsten Umständen überlebt.

Botschaft aus der Enge. Per Mausklick geht es weiter unter Deck der DS Morgenröte, in ihr reich bevölkertes Inneres. Sämtliche Räume und deren Funktionen werden anschaulich aufgelistet, farbige Hinterlegungen kennzeichnen bereits belegte Bereiche, die man betreten kann. Hier haben die in ihren Kajüten gefangenen einzelnen Besatzungsmitglieder künstlerisch einiges zu bieten! Das Rettungsboot „Melancholie“ mag mitunter wieder eine negative Assoziation auslösen, in dem dahinter verborgenen, von Gerhard Pilgram dargebrachten Gstanzl „Leih mir dein Ohr ...“ steckt jedoch ein humorvolles Plädoyer für aktives Zuhören, das die gemeinsame Botschaft aller unter Deck Versammelten zusammenfasst: „Wir haben beschlossen, die Welt per Flaschenpost über unseren Verbleib zu unterrichten. Wir werden regelmäßig Nachrichten aus dem Packeis absetzen in der Hoffnung, dass sie beherzte Menschen erreichen, die unverzüglich handeln und schnellstmöglich eine Rettungsexpedition ausrüsten. Eine Rettungsexpedition, die den im Packeis eingeschlossenen Kärntner Künstlerinnen und Künstlern zu Hilfe eile, eine Fahrrinne aus dem Eise freisprenge und uns den lebenswichtigen Kohlenachschub bringe“.

Kreative Besatzung. Die unter der Flagge von VADA und UNIKUM fahrende DS Morgenröte kann mit Yulia Izmaylova von VADA auf eine Expeditionsleiterin und Kapitänin mit Vorerfahrungen zurückgreifen. Gemeinsam mit Navigator Felix Strasser hält sie auf der Brücke Stellung. UNIKUM CEO Gerhard Pilgram patrouilliert als Backschafter entlang von Klagenfurt und stößt auf Absonderlichkeiten, die er fotografisch festhält. Das Album dazu ist in der Offiziersmesse zur Einsicht aufgelegt und macht mit Einträgen wie „überall herrscht Mangel ... am Weitblick ... und stehen die Zeichen auf Abstieg ... da hilft kein Kulturprogramm“ nachdenklich. Trotzdem versuchen Sara Zambrano und Florian Zambrano Moreno als Kesselwarte mit einem spanischen Piratenlied der Liebe zur Heimat ordentlich einzuheizen. Dem verstört nach Orientierung suchenden Individuum werden im Video von Ulrich Kaufmann zusehends Grenzen von außen aufgezwungen, die am Ende keinen Ausweg lassen – schönes Vogelgezwitscher in diesen Zeiten hin oder her! Nur verständlich, dass sogar der Kartograph, alias Hannes Zebedin, unisono mit Radiohead in wirklichkeitsverneinender Verachtung „I’m not here, this isn’t happening“ tönt.

Wie wohltuend, dass Karen Asatrian und Emmanuel Hovhannisyan zwischendurch der Seele etwas Musik-Proviant zukommen lassen. Ins selbe Horn stößt an der Harpune Primus Sitter mit den „Open Chords for Tegetthoff“ und versprüht mit seinen groovigen Klängen den Duft der großen weiten Welt. Der Duft aus der Kombüse nebenan rührt von Schiffskoch Johannes Puch her, der Rezepte für lange Seereisen ins Ungewisse seriell auf Zelluloid gebannt hat. Ay-Ei Captain, Eismeersaibling oder Salat „Skorbut“ – in den Ritzen alter Schiffsplanken ist so manches Gut zu finden. Selbst das Gurkenfass an Bord bietet mit Dietmar Pickls Essay „Home-Schooling“ für Lehrer*innen ein Schmankerl an didaktischen Spitzfindigkeiten – Corona-tauglicher Unterrichtsentwurf inklusive.

Reich bestückt mit künstlerischen Performances jedweder Art schraubt sich die Morgenröte weiter durchs Packeis: Im Mannschaftsraum befragt das Ensemble Freak Out das Liebesorakel: „Ich vermiss dich, ich vermiss dich nicht ...“ – praktische Lebenshilfe für Künstler*innen, denen plötzlich das Publikum abhandengekommen ist? Ob dieses seine Künstler*innen wohl vermisst? Daneben fordert die Perkussion-Session von Emil Krištof die Maschine mit voller Kraft voraus und Boris Randzio schraubt sich parallel zum schrillen Ton der Schiffsingenieursglocke gelenkig durch den Raum. Zur Ruhe kommt man erst wieder durch die bikulturellen Einschübe des Schiffsgeistlichen Jani Oswald, der angesichts des nahenden Eisbergs mahnend die Stimme erhebt: „Höret ihr uns? ... Erhöret uns!“ Die Bordbibliothek bietet Lesestoff in Form von Hörens- und Sehenswertem, Niki Meixners Serenade im Ankerspill leitet auf einen idyllischen abendlichen Ausklang hin. Der Kesselraum von Stefan Gfrerrer vermittelt mit dem „Unfinished business“, dass noch lange nicht aller Tage Abend ist auf der Morgenröte. Aktivität herrscht selbst am stillen Örtchen oder dort, wo das Pulveräffchen die hölzernen Planken schrubbt. Denn laufend gehen neue Mitglieder an Bord, darunter zahlreiche Frauen wie Bella Ban, Sigrid Friedmann, Christina Clar, Fransziska Füchsl, Marie & Luise oder Barbara Ambrusch-Rapp [siehe auch BRÜCKEseite 9, Ausgabe Nr. 18, 2020].

Existenzbedrohende Langsamkeit. Beschauliches Leben unter Deck also? Der Schein trügt. „Die Entdeckung der Langsamkeit“, die in Sten Nadolnys gleichnamigem Roman den Helden und Forscher Franklin auszeichnet, mag ja ein menschenfreundliches Prinzip sein, nur leider ist es in diesem Fall ein kunstfeindliches. Das Ideal der Entschleunigung – von so manchen Optimist*innen in dieser Krise als zukunftsfähige Chance propagiert – gerinnt für viele schnell zum Überlebenskampf. Dass Kohle für die „DS Morgenröte | Zora“ auf folgendem Depot gebunkert werden kann (IBAN: AT53 3900 0000 0250 7390) unterstreicht die Ernsthaftigkeit der originellen künstlerischen Intervention.

Hoffen wir, dass der Hilferuf von der Kulturnation Österreich rechtzeitig wahrgenommen wird. Hoffen wir, dass dieser FLASCHEN:POST nicht ein Schicksal widerfährt wie jener, die einst von der im Eis festgefrorenen „Admiral Tegetthoff“ 1874 abgesetzt wurde: Erst 104 Jahre später gefunden kam sie schließlich auf Umwegen vom Nordpol wieder zurück in die Heimat, wo sie heute noch in den Sammlungsbeständen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien als Relikt eines versunkenen Goldenen Zeitalters dahindümpelt.

Andrea Kirchmeir
Kunsthistorikerin und Pädagogin,
Mitarbeiterin der Kulturabteilung des Landes Kärnten

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