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Jugend ohne Gott?

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Jugend ohne Gott?

geschrieben am 09.12.2020 11:38

Gottessuche im digitalen Wandel


„Likes“ statt „Amen“. Als der Teller serviert wird, hält die junge Frau am Nebentisch für den Bruchteil einer Sekunde andachtsvoll inne, den Blick leise lächelnd auf ihre Mahlzeit gerichtet. Sie zieht ihr Smartphone hervor, fokussiert und schießt ein Foto. Dann legt sie das Handy auf den Tisch, greift zum Besteck und beginnt zu essen.

Das #foodporn hat als zeitgemäße virtuelle Entsprechung das Tischgebet abgelöst. Christian Hoffmeister, Autor von „Google Unser“, würde sich in seiner These von der Ablöse Gottes durch das Internet bestätigt sehen. Aber ist es wirklich so einfach mit der Diagnose, dass die Digitalisierung unseres Lebens längst religiöse Ausmaße angenommen hat und dass Religion bzw. Religiosität vor allem bei der jüngeren Generation obsolet geworden und durch andere „Götter“, allen voran das Internet selbst, ersetzt worden ist? Huldigen wir alle mit unseren Smartphones schon längst einem digitalen Gott, dem neuen Götzen der Postmoderne?

Digitale Transformation. Zweifelsohne lässt der komplexe Wandel unserer Gesellschaft durch die zunehmende Digitalisierung auch Religion und Religiosität nicht unberührt. Die digitale Revolution durchdringt alle Lebensbereiche und insbesondere junge Menschen nutzen als „Digital Natives“ die neuen Technologien.

Thematisiert man Religion und Religiosität im Internet, geht es um folgende Fragen: Welche Bedeutung hat Religion heute bzw. kann die technologische Kommunikation mit ihren Produkten religionsanaloge Bedeutung erhalten? Wer nutzt die neuen Medien im Hinblick auf religiöse Kommunikation in welcher Form und welche Qualität hat dieser Austausch, der oft von institutionalisierten religiösen Gemeinschaften und Symbolen abgekoppelt ist? Daraus ergibt sich ein möglicher Rückschluss auf Herausforderungen und Chancen, auf Hoffnungen und Skepsis in Bezug auf Religion bzw. Religiosität junger Menschen heute.

Das religiöse Wesen Mensch. Hat Gott noch Platz im digitalen Zeitalter bzw. welche Auswirkungen hat die digitale Durchdringung der Welt auf unsere Gottesvorstellung(en)?

An der Frage nach Ursprung und Bedeutung von Religion haben sich neben der Theologie bis heute verschiedenste wissenschaftliche Disziplinen abgearbeitet. Wurden die neuen Technologien anfangs noch gehypt, steht man ihnen nun vermehrt kritisch gegenüber. In Bezug auf den Status des Menschen als Homo religiosus verkünden gar manche, wie Philosoph und Historiker Yuval Noah Harari, das Ende von Religion in Zeiten der Digitalität bereits innerhalb der nächsten 20 Jahre.

Wie sieht nun der aktuelle Befund aus, wenn wir uns selbst die Gretchenfrage stellen?

Der Mensch als religiöses Wesen fragt nach seinem Rückgebunden-Sein (lateinisch „religare", „zurückbinden") in der Welt und sucht nach Antworten. Ungeachtet der etymologischen Ungeklärtheit des Wortes „Religion“ und der Tatsache, dass man sich dem Begriff bis heute lediglich in Definitionsversuchen (sie gehen in die Hunderte!) nähert, ist Religion scheinbar Teil der menschlichen DNA. Mit den Worten von Theologin Bärbel Wartenberg-Potter lässt sich poetisch formulieren, dass uns Menschen „die Sehnsucht nach Gott[...]ins Herz geschrieben“ ist. Der Ethnologe und Kultursoziologe Thomas Hauschild spricht pragmatisch von der „Unvermeidlichkeit von Religion“. Auf der Suche nach dem Transzendenten bieten die Religionen der Welt dem Menschen Erklärungsmodelle und Interpretationssysteme an, mehr oder weniger gestützt auf absolute Wahrheitsansprüche.

Kirchendistanziert, aber religiös. Die Wahrheit aber ist, dass in unserer westlichen Welt die Zahl der „religiös Unmusikalischen“ zunimmt. Religion und Religiosität scheinen gerade der Jugend mehr und mehr abhanden zu kommen. Die neueste Umfrage des Instituts für Jugendkulturforschung zeigt: 45 Prozent der Zehn- bis 19-Jährigen gehen beim Thema „Religion“ emotional auf Distanz. 38 Prozent fällt zum Thema „nichts“ ein. Ein Drittel der Jugendlichen (34 Prozent) hat dem eigenen Empfinden nach keine religiös-weltanschauliche Heimat. Der Kirche steht man skeptisch gegenüber. Der Trend geht in Richtung „Religion ist Privatsache“. Die junge Generation spricht sich für eine individualisierte Religiosität aus und fordert Religionsfreiheit nach dem Prinzip „jedem das Seine“. Die jüngste Europäische Wertestudie von 2018 bestätigt die marginale Rolle, die Religion als elementarer Lebensbereich für die meisten Menschen spielt. Gerade einmal 16 Prozent geben an, dass Religion für sie „sehr wichtig“ ist, dennoch bezeichnen sich 63 Prozent als „religiös“. Das klingt paradox, zeichnet aber gerade die Alltagsreligiosität Jugendlicher aus: Sie sind kirchendistanziert, bekennen sich aber zur religiösen Suche. Sie haben ein Bedürfnis nach Spiritualität. Ihre Lebenswelt selbst ist von religiösen bzw. „religiös relevanten“ Phänomenen durchsetzt, man denke an indirekte bis explizite religiöse Bezugnahmen in der Werbung, der Pop-Musik-Kultur, der Welt der Stars und des Konsums. Am digitalen Markt der religiösen Sinnangebote eröffnet sich für junge Menschen ein Pluralismus an potentiellen weltanschaulich-religiösen Heimaten. Gott und die Kirche sind dafür nicht zwingend notwendig. Besonders in funktionierenden Demokratien mit hohem Lebensstandard weisen die Menschen der Religion einen bestimmten Platz in der Gesellschaft zu, „und das ist eben nicht der wichtigste Platz“, weiß Religions- und Kultursoziologe Detlef Pollack. Angesichts der stetig zunehmenden Komplexität der globalisierten Welt mögen zwar manche – gerade in Krisenzeiten wie aktuell – sich verstärkt der Religion zuwenden, für alle gilt das aber nicht. Als Reaktion auf Irrationales, Unvorhersehbares, plötzlich ins Leben Hereinbrechendes – also angesichts der „Kontingenz“ unseres Daseins – greift die ältere, religiös sozialisierte Generation dann auf die erlernte Religiosität zurück. Jugendliche aber nutzen die ihnen vertrauten Medien, um in der digital durchdrungenen Welt selbst nach Antworten zu suchen.

Branding Religion. Die Identitäts- und Sinnsuche junger Menschen hat naturgemäß immer etwas Experimentelles. Ihre „Patchwork“-Religion wäre also kein Anlass zur Sorge, doch in und mit den neuen Technologien passiert eine Transformation von Religion bzw. Religiosität: Sie wird öffentlich, entprivatisiert und subjektiviert, bis hin zu einer „neuen Form der Religion“, so der Religionssoziologe Hubert Knoblauch. Ihre Merkmale sind De-Institutionalisierung, Individualisierung, Popularisierung und Spiritualisierung. Im digitalen Raum wird niederschwellig und offen kommuniziert, sodass sich eine Form von populärer Religion verbreitet, die stark auf persönliche, subjektive Erfahrungsprozesse abseits theologischer Grundlagen gründet. Wenn die vermeintlich allwissende Big-Data-Maschinerie in der Lage ist, Fake News zu produzieren, kann sie dann nicht auch so etwas wie Fake Religion hervorbringen, neu gebrandete Hybrid-Religionen? Im digitalen Raum agieren fernab institutionalisierter Religionsgemeinschaften die verschiedensten Akteur*innen mit ihren je eigenen religiös-weltanschaulichen Konzepten. Jugendliche finden in den flüchtigen Kommunikationsgemeinschaften, die sich hier bilden, durchaus das Potential zur lebensweltlichen Orientierungshilfe – im Zeitalter der Unverbindlichkeit wollen sie sich Religiosität ohnehin lieber nur temporär aneignen. Das immanente Gefahrenpotential dabei wird ersichtlich, wenn etwa religiöse Radikalisierung über soziale Medien erfolgt.

Religiöse Selbstbestimmtheit. Wie reagiert nun die offizielle Kirche unter dem drohenden kommunikativen Kontrollverlust?

Die Corona-Krise hat fraglos einen Digitalisierungsschub in der Kirche ausgelöst: Während des Lockdowns wurden rund 80 Prozent der kirchlichen Angebote in digitaler Form lanciert, ein Trend, der sich nicht mehr aufhalten lässt. Kirchlich betriebene Internetportale vermitteln die Aktivitäten religiöser Medienvorbilder von Popstars bis „Sinnfluencer*innen“, Bistümer und Pfarren unterhalten Twitter- und Facebook-Accounts, Gläubige treffen sich zu Online-Gebetsgemeinschaften und teilen ihre religiöse Praxis in Instagram- Stories und auf Youtube. Religion braucht Medien, ja, sie ist, so Theologin Ilona Nord, überhaupt erst elementar wahrnehmbar, indem sie medial artikuliert wird und Gestalt annimmt. Wird sie nun zusehends von Menschen unabhängig von Institutionen mediatisiert, artikuliert, kommuniziert und gelebt, so entsteht eine neue Form von religiöser Selbstwirksamkeit. Das kann auch Anlass zur Hoffnung geben: Vielleicht leben Totgesagte doch länger und Religion verpufft nicht nur einfach im säkular-digitalen Raum.

Religion und Religiosität sind zudem keine feststehenden Größen, sondern immer im Wandel. Sie unterliegen Aushandlungsprozessen, die uns ermöglichen, eine Positionsbestimmung, was unser Dasein in Bezug auf uns selbst, auf andere und auf (Gott und) die Welt betrifft, vorzunehmen. In Zukunft wird religiöse Debatte, religiöse Bildung und religiöse Praxis auch digital geschehen. Die (digitale) Kirche ist gefordert, bei diesem Prozess präsent und sich gewiss zu sein, dass – so Friedrich Schweitzer – die „Religiosität Jugendlicher weiter reicht als ihre Kirchlichkeit“.

Andrea Kirchmeir
Kunsthistorikerin, Religionspädagogin, Mitarbeiteri der Kulturabteilung.

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