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Oblivio

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Oblivio

geschrieben am 28.05.2020 18:18

Erinnern und Vergessen als kulturelle Leistungen.


Wie erinnern? Warum gedenken? Welche Bedeutung hat die Vergangenheit für die Gegenwart? Braucht Zukunft wirklich Herkunft? Und wenn ja, wer definiert, welche Herkunft Zukunft hat? Solche und ähnliche Fragen stellen sich bevorzugt in jenen Jahren, die ein gehäuftes Maß an Jubiläen abzuarbeiten haben. 2020 ist solch ein Jahr. Die Musikwelt steht im Banne Ludwig van Beethovens, die Gutenberg-Galaxis kreist um Friedrich Hölderlin, die Philosophie erinnert sich an den Meisterdenker G. W. F. Hegel, sie alle wurden vor 250 Jahren geboren. Wir könnten aber auch des 200. Geburtstages von Friedrich Engels oder des 150. Geburtstages von Wladimir Iljitsch Lenin gedenken, ebenso des 1.000. Todestages von Leif Eriksson, des Entdeckers des nordamerikanischen Kontinents. Und wir müssen uns auf eine Reihe historischer Ereignisse besinnen, vor 75 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit, fielen die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki und endete der Zweite Weltkrieg, vor 100 Jahren trat der Vertrag von Saint-Germain in Kraft, der die Auflösung der österreichischen Reichshälfte der ehemaligen Habsburgermonarchie formell regelte, und in Kärnten wurde eine Volksabstimmung über das Schicksal der südlichen Landesteile abgehalten.

Verhältnis zur eigenen Geschichte. Kritische Beobachter der Kultur verspüren angesichts solch einer Inflation an Gedenktagen in der Regel ein ziemliches Unbehagen. Nicht nur, dass man dadurch in die Pflicht genommen wird, und sich, ob man will oder nicht, im Jahre 2020 eben mit Beethoven, dem Ende des Ersten Weltkriegs oder Lenin beschäftigen muss, der Kulturbetrieb orientiert sich selbst zunehmend an solchen Gedenktagen. Wer immer vielleicht seit Jahren über Hölderlin, die Kärntner Volksabstimmung oder die Wikinger arbeiten wollte, weiß, das Buch muss im Jubiläumsjahr erscheinen. Gedenktage erscheinen so als rein äußerliche Anlässe, zufällige Daten, denen die geistige Produktion, sofern sie sich mit Künstlern, Wissenschaftlern und Ereignissen der Vergangenheit auseinandersetzt, untergeordnet wird. Allerdings hat die Sache auch eine andere Seite. Denn ohne diese Kultur der Gedenktage gäbe es für wichtige Unternehmungen schlicht kein oder zumindest merkbar weniger Geld. Ohne die runden Geburts- und Todestage, ohne ritualisierte Jubiläen und kollektive Erinnerungsakte würden zahlreiche Symposien nicht abgehalten, etliche Bücher nicht geschrieben, viele Ausstellungen und Forschungsprojekte unterbleiben und manch eine mediale Sensation einfach verpuffen. Gedenk- und Jahrestage sind auch notwendige kollektive Veranstaltungen, in denen abseits der tagespolitischen Aktualitäten eine Gesellschaft ihr Verhältnis zur eigenen Geschichte reflektiert.

Jubiläen und Jahresregenten geben so die Möglichkeit, dass sich eine Zeit ihrer Stellung zur Vergangenheit vergewissert. Die Gewichtung, Intensität und inhaltliche Ausrichtung solcher Veranstaltungen gibt darüber Auskunft, welchen Wert man Vergangenem in Hinblick auf die eigene Gegenwart und nahe Zukunft zumisst. Natürlich kann es dabei nie darum gehen, objektiv die Bedeutsamkeit von Künstlern, Politikern oder historischen Ereignissen festzuhalten, sondern darum, Differenzen in Kontinuitäten zu betonen – Beethoven galt auch dem 19. Jahrhundert als Genie, aber wir feiern ihn anders –, Vergessenes oder Verdrängtes wieder ins Bewusstsein zu holen und anderes, das uns unangenehm oder peinlich geworden ist, sanft in den tiefen Brunnen der Vergangenheit gleiten zu lassen. Spätere Zeiten werden manches davon vielleicht wieder hervorholen.

Formel des Vergessens. Die Erinnerung an geniale Wissenschaftler und Künstler, noch mehr aber die Auseinandersetzung mit Ereignissen der Geschichte, stehen immer vor der Herausforderung, damit verbundene moralische Wertungen und politische Implikationen zu beachten. Vermeiden lassen sich diese nicht, und sie sollen auch gar nicht vermieden werden. Aber man muss wissen, was man tut, wenn man Vergangenes nicht ruhen lässt. Gerade bei Konflikten, die jahrzehntelang als ambivalent erinnert wurden, die einer Gemeinschaft traumatisch erscheinen mögen, die an Spaltung, Hass und Krieg gemahnen, war und ist die Versuchung groß, diese für politische Ideologien und wohlfeile Zwecke zu instrumentalisieren. Dass vor allem die großen Zivilisationsbrüche und Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts nicht vergessen werden dürfen, ist allgemeiner Konsens. Zu tief war der damit verbundene Blick in die Abgründe des Menschlichen, als dass wir auf diese mahnende Erinnerung verzichten könnten. Solange man es mit Menschen zu tun hat, muss man wissen, wozu Menschen fähig sind. Für anderes aber lässt sich sehr wohl die Frage stellen, ob die seit der Antike bekannte Formel des Vergessens, die oblivio, mit der auch als ungerecht empfundene Friedensschlüsse versehen wurden, nicht eine gewisse Berechtigung hat und Ausdruck von Humanität sein kann. Um dem Frieden überhaupt eine Chance zu geben, war es im alten Athen nach einem Bürgerkrieg sogar verboten, sich „an das Schlimme“ zu erinnern. Erinnern kann auch bedeuten, alte Rechnungen doch noch begleichen zu wollen und verglimmende Konflikte wieder anzuheizen.

Lust an einem Leben in Vielfalt. Natürlich kann vergessen nicht bedeuten, nichts mehr von der Vergangenheit wissen zu wollen. Eher im Gegenteil. Je mehr der Vergangenheit als Vergangenheit Rechnung getragen wird, desto weniger kann sie zu einem unseligen Moment der Gegenwart werden. In unsere Zeit könnte solch eine Vergangenheit auch als eine Erinnerung ragen, die verblassen darf, weil man sich ihrer auf eine unproblematisch gewordene Weise versichert. Eine schöne Wendung könnte etwa eine Erinnerungskultur nehmen, die Ereignisse der Vergangenheit wie den Kärntner Abwehrkampf und die Volksabstimmung des Jahres 1920 zu einem willkommenen Anlass nimmt, um einfach gemeinsam und grenzüberschreitend zu feiern. Es muss nicht jeder Schimmer, den die Vergangenheit auf die Gegenwart wirft, mit der Schwere von obsolet gewordenen Identitäts- und Grenzfragen unnötig verdunkelt werden. Aus heutiger Perspektive könnte dieses Jubiläum auch als Ausdruck der zuerst schwierigen, dann immer freieren und selbstverständlicheren Lust an einem gemeinsamen Leben in Vielfalt gewertet werden. Der Reigen der Veranstaltungen, der sich im Jahre 2020 über Kärnten ziehen wird, scheint dieser impliziten Maxime mitunter durchaus zu folgen. Und das ist gut so.

Konrad Paul Liessmann
* 1953 in Villach, Professor für Philosophie an der Universität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech; zahlreiche Auszeichnungen, darunter Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik und österreichischer Wissenschafter 2006; zuletzt sind erschienen: Bildung als Provokation (2017); Der werfe den ersten Stein. Mythologisch-philosophische Verdammungen (2019); gemeinsam mit Michael Köhlmeier: Das alles sind bösartige Übertreibungen und Unterstellungen. Text. Stil. Polemik (2020).

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