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Shades of Blue

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Shades of Blue

geschrieben am 28.11.2019 10:39

Magie. Metapher. Missverständnis.


„Die Lieblingsfarbe der Österreicher ist Blau“, betitelte „Der Standard“ im Juni 2019 den Bericht über eine Studie des Medienforschungsinstituts Spectra. Laut dieser äußerten 31 % aller Befragten ihre Präferenz für diese Farbe; interessant: Blau bevorzugen eher die Männer (39 %) als die Frauen (25 %).

Physikalisch betrachtet ist Blau eine Körperfarbe, die nur wahrgenommen wer­ den kann, wenn das Objekt den Farbreiz trans­ oder remittieren kann. Das Licht muss spektral verteilt werden, um den Eindruck von Blau vermittelt zu bekom­men. Etymologisch ist das Blau, das wir heute als solches sehen, erst in den germanischen Sprachen zu seiner Bedeutung gelangt. Von der Sprachherkunft her ist Blau eng mit „flavus/blond“ verwandt. Das althochdeutsche „blāo“ kann – so der Duden – gelegentlich noch für „blond“ stehen. Der bedeutungsmäßig kleinste gemeinsame Nenner von „blau“ und seiner indogermanischen Wortwurzel (*bhel) findet sich in der Konnotation von „schimmern(d), leuchten(d), glänzen(d)“. Die konnotierte Transzendenz also scheint den Zauber von Blau auszumachen.

Magie. Es war stets der Höhepunkt eines jeden Sommers, wenn am Weg in den Urlaub das erste Mal „das blaue Meer“ aus der Ferne zu sehen war. Sobald wir uns – noch der Landstraße folgend – bei Črni Kal in vielen Kurven die Steilabhän­ge des Karsts hinunter Richtung Istrien bewegten, leuchtete an einem ganz bestimmten Punkt zwischen den Felsfor­ mationen plötzlich „das blaue Meer“ her­vor und verhieß nach stundenlanger Auto­ fahrt Sommerfreuden. Die „Fahrt ins Blaue“ dürfte wohl von ähnlichen Gefüh­len getragen sein.

Und damit erschließt sich eine wichtige Bedeutungsdimension von Blau: Die Far­be symbolisiert die unbestimmte Ferne, Orte der Sehnsucht, Referenz von Träu­men. Das Blau verheißt stets das Offene, „etwas dahinter“, setzt dem Sehnen aber zugleich eine sanfte, beruhigende Grenze. Im unbestimmten Blau des Horizonts scheint die Welt in sich geschlossen, das Blau des Himmels mildert die Kälte des dunklen Alls und verschleiert die Leere der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács) des Menschen.

In diesem magischen Zusammenhang verortet sich auch der in zahllosen Pop­songs gewürdigte „blue moon“. Der „blaue Mond“ ist der zweite Vollmond innerhalb eines Monats und steht im übertragenen Sinn für ein seltenes, außergewöhnliches Ereignis. Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, wurde übrigens an so einem Tag beerdigt. In der Schlümpfe­ Verfilmung des Jah­res 2011, die die Schlümpfe durch bösen Zauber in unsere, heutige Welt versetzt, hat der Blaumond magische Kräfte, die ihnen die Rückkehr in ihr idyllisches Dorf ermöglichen sollen.

Metapher. Kulturgeschichtlich kann Blau als color continuo der Renaissance gelten. Die „Geburt des bürgerlichen Subjekts“ lässt Blau zu jener Farbe werden, die Unendlichkeit symbolisiert, die nicht län­ger dem Göttlichen alleine gebührt. Unend­lichkeit wird im menschlichen Maß neu definiert.

In der Romantik schließlich thematisiert Blau die Potenziale der Phantasie, die Macht utopischer Ideen. Die „blaue Blume“ wird das Symbol der Romantik. Sie steht für die Sehnsucht nach dem Unerreich­baren, Unendlichen: Hoffnung. Joseph von Eichendorff etwa schwärmt: „Ich suche die blaue Blume,/Ich suche und finde sie nie,/Mir träumt, dass in der Blume/Mein gutes Glück mir blüh.“ Angeregt von Jean Paul und Ludwig Tieck übernimmt auch Novalis 1802 in seinem Romanfragment Heinrich von Ofterdingen das Motiv der blauen Blume.

Zum melodiösen Schrei nach Freiheit wird das Blau im „Blues“. Die Musik der Afrikaner*innen, die als Sklavinnen und Sklaven in die „Neue Welt“ verschleppt worden sind, echot unbändige Sehnsucht und abgrundtiefe Trauer. Allerdings ent­steht der Blues nicht aus Resignation, er ist kein Kind der Melancholie. Sehnsucht und Trauer transzendieren die Unerträg­lichkeit des Alltags in Sklaverei und Unterdrückung kraftvoll, ausdrucksstark. Diese Resonanz des Transzendenten lässt den Blues schließlich – angefangen bei den Rolling Stones – zur Urmelodie aller Popmusik werden. Selbst das gefühlte „blue“ im Englischen hebt zwar die dunk­ le Seite von Blau hervor, klingt aber weniger ohnmächtig­-hoffnungslos als das abgrundtiefe Schwarz der europäischen Melancholie.

Um vieles prosaischer – wohl aber als Flucht aus dem Alltag zu deuten – ist das „Blaumachen“. Sprachwissenschaftlich scheint ein Zusammenhang mit dem „blauen Montag“, dem heutigen Rosen­montag, zu bestehen, den die Handwerker arbeitsfrei hatten. Auch „blau sein“ beschreibt einen Zustand der Arbeitsunfähigkeit, weil es die Wahrnehmung trübt, einem „blau=schwarz“ vor Augen wird. Und dem „blauen Blut“ ist Arbeit über­haupt fremd, dafür steht der Begriff für ein Krankheitsbild: Blausucht.

Missverständnis. Ihre Unschuld verliert die Farbe „Blau“ im 19. Jahrhundert. Die tiefblaue Kornblume, Otto Bismarcks bota­nischer Favorit, wurde zum Symbol der alldeutschen Bewegung des Georg Hein­rich Ritter von Schönerer. In den Fängen der Politik wurde das Blau antiösterrei­chisch und deutschnational instrumentalisiert. In der Ersten Republik ist die blaue Kornblume neben dem Hakenkreuz das wichtigste Symbol, das als Key Visual für die „Heimkehr ins Reich“ stand.

Für Kinder endet die Ferienfahrt ans „blaue Meer“ oft mit einer Enttäuschung. Das vielversprechende Blau, das von Črni Kal aus zu sehen war, entpuppte sich als Illusion. Das Wasser am Strand von Portorož erweist sich als modrig­braun vom Schlick und tatsächlich gar nicht blau und klar, sondern – vor allem im Hoch­sommer oft – als trübe.

Reinhard Kacianka
* 1957, Kulturarbeiter, Übersetzer und Kulturwissen- schaftler an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt; seit 2009 PhiloCafétier im raj in Klagenfurt.

 

 

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