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VORLESE.PRVO BRANJE

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VORLESE.PRVO BRANJE - Der Traum vom See

geschrieben am 29.05.2019 11:48

Auszug aus dem im Herbst erscheinenden Roman von Monika Grill


Markus lässt sich treiben. Die Strömung ist sanft. Wird ab und zu vom Motor eines Bootes zu einer Welle gebracht. Von hier oben, wo ich mit den warmen Aufwinden segle, sieht er aus wie ein rot gebranntes, fleischiges Kreuz. Ausgestreckt liegt er da in der Junisonne. Noch ist es ruhig. Noch konnte er einen Parkplatz finden, hier, ineinem der Handvoll öffentlichen Bäder, dieeingezwängt zwischen Bootsanlegestellen und Ferienvillen überlebt haben.

Zwei Buben, zehn und dreizehn Jahre etwa,springen, wie Buben es tun, mit aller Wucht vom Badesteg ins Wasser.

„Passt auf!“, ruft die Mutter, sichtlich überfordert.

Ihr Begleiter lacht. Ihm gefällt es, dass die Jungs eine Leichtfertigkeit an den Taglegen, ein sorgloses Missachten von Regelnund Normen.

„Sind echte Jungs“, erwidert er, als die Frau ihn darauf anspricht.

Er würde sicher die Kastration seines Hundes, hätte er einen, mit der Begründung verweigern, dass ein männliches Wesen ohne seine Eier nicht mehr Mann genug sei. Dass er, der Hund, sich in seinem Stolz verletzt, in seiner Ehre gekränkt fühlen würde. Er würde sich ineiner unbewussten Geste an seine eigenengreifen, um sicherzugehen, dass niemand sie ohne sein Wissen entfernt hat. Und er würde seinem Hund ein Schockhalsband umlegen, um ihn von läufigen Hündinnen fernzuhalten.

Markus hört das Gekreische. Das Schimpfen. Das Beschwichtigen. Hintergrundmusik. Vertraut. Auch er dachte einst so. Auch er war so einer.

Er rollt sich auf den Bauch, plätschert auf seiner Luftmatratze gemütlich den Schilfgürtel entlang. Ein Wunder, dass man den stehen gelassen hat. Nicht mehr als drei Meter breit. Ein Witz. Ein schlechter Scherz. Und doch ein Lebensraum. Es schnattert. Enten. Und Vogeltöne, deren Urheber ihm nicht bekannt sind.

Hoch über den Häusern, auf der bewaldeten Hügelkette, die sich von der Stadt imOsten bis nach Velden im Westen entlangzieht, zeigt sich die Spitze der Hohen Gloriette, die auf den Überresten der alten Seeburg errichtet wurde. Im Wald dahinter, vom Ufer aus nicht sichtbar, ragt die Ruine Burg Leonstein in den Sommerhimmel. Oft schon haben Markus die Schritte zu den verfallenen Mauern und zu dem den See überblickenden Aussichtspunkt geführt. Auch jetzt kann er nicht widerstehen. Seine Gedanken spannen ihre Flügel aus, segeln den Hang hinauf, krallen sich an den Baumwipfeln fest und schauen sich nach Beute um. Kehren triumphierend zurück und legen ihren Fang in seinen Kopf, der die Leckerbissen in Worte verwandelt. Glaubst du, sagen diese Worte, dass die Besitzer dieser Burgen, die Ritter, Grafen, hohen Geistlichen, sich ein Gebäude wie dieses hier unten am Ufer hätten vorstellen können? Das zu deiner Linken, das in den Schilfgürtel vorstößt? Ein Haus mit verzinktem Dach und einem Doppelgiebel, in dem Sommerfrischler auf den See hinausblicken? Hätten sie sich ausmalen können, dass so etwas möglich sein würde, ein Haus wie dieses, für normale Menschen, einfache Bürger, ja, selbst für Bauern? Bauern wie jene, die 1515 als Rädelsführerdes Bauernaufstandes im Burgverlies gefoltert wurden?

Im Gedankenfluss dreht Markus seinenKörper 45 Grad Richtung Osten. Die Buchtvon Pörtschach. Die Schlangeninsel. Washatte die Touristin, die Sommerfrischlerin,geantwortet, als er von seinem Platz auf dem Wörthersee-Schiff Thalia Richtung Norden zeigte und sagte: „Die Schlangeninsel“. Geschüttelt hatte sie sich, sich gebeutelt wie ein Hund nach dem Schwimmen. „Oh Gott“, hatte sie gesagt. „Schlangen. Da will ich nicht hin.“ Er hatte versucht, ihr den Sachverhalt zu erklären. „Die Insel heißt nur so, weil sie aussieht wie eine Schlange“, aber der Frau saß das Grauen in den Knochen. Sie nickte: „Ach so“, und setzte sich bei der ersten Gelegenheit an einen anderen Tisch.

Hatte die Gemeinde also recht gehabt mit der Umbenennung? Nicht wirklich, denkt Markus. Er würde viel lieber einen Ort besuchen, der Schlangeninsel heißt, als einen, der sich Blumeninsel nennt. Die findet man überall. Aber wo gibt es eine Schlangeninsel?

Ich stimme mit ihm überein. Auch ich halte an dem alten Namen fest, der dieGöttin ehrt und Weisheit und Fruchtbarkeit verspricht. Wie dumm die Menschen sind,denke ich. Wie leicht sie ihre Seele verkaufen.

Im Norden, Richtung Leonstein, spüre ich die Gegenwart eines Habichts, der seine hungrigen Kreise zieht. Sein Wollen ist ein Silberpfeil auf der Suche nach Beute. Ich lasse mich fangen und überlasse Markus seinen Gedanken, die wie die wulstigen Lippen fetter Karpfen die Synapsen in seinem Gehirn betasten.

Monika Grill
* 1956 in Klagenfurt, von 1978–2010 wohnhaft in den USA, lebt seitdem wieder in Klagenfurt/Viktring. | Gewinnerin des Lyrikpreis Kärnten 2016. Produziert die Sendung „Sprache – Wurzeln – Sterne“ auf Radio Agora 105,5. | Veröffentlichungen: Die Kunst des Untergehens – Lyrik und Sprachlieder (Verlag SchriftStella, 2018) und Der kleine Bär (Erzählungen, Verlag Guthmann-Peterson, 2015). www.monikagrill.com

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