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Werkstättengespräch- Macht ein Sonnenuntergang Sinn?

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Werkstättengespräch - Macht ein Sonnenuntergang Sinn?

geschrieben am 30.01.2020 10:22

Ein Ausloten von Spielräumen mit Aron Stiehl, Klagenfurts Stadttheater-Intendant in spe.


Stellen Sie sich vor, es ist Premiere und keiner geht hin ...
Furchtbar!

„Intendant“ ist abgeleitet vom lateinischen „intendere: sein Streben auf etwas richten“. Wonach streben Sie?
Die Menschen zu verführen zu neuen Welten, zu neuen Geschichten und sie dabei zu berühren. Dass sie aus dem Theater gehen, vielleicht mit einer Melodie auf den Lippen oder mit einem Gedanken im Herzen ... und dass sich vielleicht etwas geändert hat, dass sie vielleicht offener geworden sind, das wäre sehr schön.

Welches sind die Werkstätten eines Theatermachers?
Werkstatt ist ein gutes Wort. Wir führen ja vielfach Werke auf, die hundert, zwei-hundert Jahre oder noch älter sind. Es ist interessant, dass wir diese alten Stücke, die vor Generationen entstanden sind, immer noch spielen. Warum tun wir das? Nur weil sie schön sind? Oder geht’s eben – und das glaube ich – um Inhalte. Werkstatt passt deshalb so gut, denn wir nehmen diese Stücke dahingehend auseinander, was sie uns heute noch zu sagen haben. Wenn sie gut sind – so ist es ja mit Literatur auch – haben diese Werke uns auch heute etwas zu sagen.

Die Leute damals hatten demnach dieselben Fragen wie wir sie heute haben. Es haben sich äußere Strukturen gewandelt, aber die Grundthemen des Menschen und die Tragik des Menschen, dieser Riss der in uns ist, der hat sich nicht verändert. Diese Fragen nach Geburt, Tod, Sinn des Lebens ... die bleiben immer wach und daran reiben wir uns.

Wie gehen Sie dann um mit diesen Werken, mit der Reibefläche zwischen deren Bewahrung und der Freiheit im Umgang mit diesen großen Geschichten?
Sie haben die Frage ja schon richtig gestellt. Das ist die Frage, die wir uns bei jedem Stück neu stellen müssen und es gibt keine einfache Antwort. Vor allem keine Antwort für alle Stücke. Sie fällt für „Fidelio“ anders aus als die „Krönung der Poppea“. Man muss immer wieder neu ergründen, was macht das Werk aus? Was passiert mit ihm, wenn ich es in die heutige Zeit versetze? Das macht die Stücke, in denen es um große Fragen der Menschheit geht, vielleicht auch klein. Aber Teil des Werkstattcharakters des Theaters ist es, dass das, was dabei herauskommt, auch durchaus scheitern kann.

Sind Sie ein politischer Mensch?
Ich würde sagen, ich bin ein sehr politischer Mensch. Ich glaube, in der heutigen Zeit muss man ein politischer Mensch sein, weil wir sehen gerade, dass wir diesen Planeten an die Wand fahren.

Was können Kunst und Kultur im Feld der Gesellschaftspolitik leisten?
Wir können zum Nachdenken anregen. Wir können sagen, Leute passt auf diese unsre Welt auf. Passt auf, wie ihr denkt. Passt auf, wie ihr fühlt. Passt auf eure Gefühle auf. Passt auf, dass ihr nicht diesen einfachen, vermeintlichen Wahrheiten traut und hinterherrennt – strengt eure Ratio an und denkt darüber nach, was euch da gesagt wird.

Und es geht auch um die angesprochenen tieferen Motive. Eben das Leben, dessen Sinn und so weiter. Wenn wir uns darüber Gedanken machen, das ist in meinen Augen auch politisch. Letztendlich ist die große Frage: „Wer bin ich und wer sind die anderen?“, und das ist Politik.

Sind Sie Kulturoptimist oder -pessimist?
[atmet tief durch] Das schwankt im Moment von Tag zu Tag. Derzeit wird mir manchmal sehr bange. Aber ich versuche, Optimist zu bleiben. Wenn wir den Optimismus verlieren, haben wir keine Chance mehr.

Ich glaube, dass Dekonstruktion auch im Theater keinen Sinn macht. Wenn ich alles nur kaputt mache und alle Werte und Ideale in die Tonne klopfe, den Leuten aber nichts Neues mitgebe, das führt uns auch nicht weiter. Das wäre gelebter Kulturpessimismus, das lehne ich ab.

Wie geht’s Ihnen mit der Flüchtigkeit der darstellenden Kunst, die nur für den Moment existiert?
Sie ist wie das Leben. Im Hier und Jetzt. Jeder, der einen Sonnenuntergang fotografiert, hat schon verloren. Goethe lässt Faust sagen: „Oh Augenblick, verweile doch, du bist so schön.“ Doch wenn er es sagt, hat er verloren. Der Augenblick verweilt eben nicht. So ist es auch in der Liebe oder beim Sex – und so ist auch Theater. Aber wenn der Abend schön war, bewahre ich davon etwas in meinem Herzen.

Wann denken Sie an das Publikum?
Immer. Es geht immer um das Publikum. Wir haben alle ein großes Ego – aber wir machen Theater für das Publikum, nicht für uns.

Wie steht’s da um den Selbstzweck der Kunst?
[denkt nach] Schließt sich das aus, dass die Kunst Selbstzweck und zugleich für das Publikum da ist? Macht Kunst Sinn? Macht ein Sonnenuntergang Sinn? Macht Liebe Sinn? Was ist der Sinn? Jetzt sind wir wieder am Anfang, bei den großen Fragen der Menschheit. Ich kann’s nicht beantworten.

Wann siedeln Sie von Berlin-Kreuzberg aufs Kreuzbergl in Klagenfurt?
Ich hoffe auf Juni, Juli. Im August fange ich hier dann ja schon an.

Wie geht’s Ihrem Cockerspaniel Moses [der dem Interview beiwohnt] mit dem Ortswechsel? Bellt er schon auf Kärntnerisch?
[lacht] Ja ja, der hat hier schon Freunde gefunden! Außerdem schwimmt er gerne im Wörthersee. Klagenfurt ist schon eine traumhafte Stadt.

Aber auch Provinz.
Nein – das versuche ich auch den Leuten hier am Theater zu sagen, die ebenfalls immer meinen: „Wir sind Provinz.“ Das Theater hier ist hervorragend, es ist wirklich sehr, sehr gut mit erstklassigen Künstlerinnen und Künstlern. Musikalisch, sängerisch war etwa „Eugen Onegin“ fantastisch. Das ist auf dem Niveau einer Oper Frankfurt.

Mit Provinz meine ich erstrangig – wenn ich das Klischee so klischeehaft bedienen darf – das kleinräumigere Denken.
Ach gehen’se mal nach Berlin in die Premieren, da ist das Denken manchmal noch eingeengter als hier. Die Leute sind teilweise weniger offen als hier.

Im Lande ist immer wieder der Ruf nach mehreren, übers Land verteilten Mittelbühnen anstatt eines großen, den Löwenanteil des Kulturbudgets verwendenden Hauses zu vernehmen ...
Man muss auch unbedingt die „Freie Szene“ fördern, sie ist sehr, sehr wichtig. Wir Kulturschaffenden schwächen uns nur selbst, wenn wir uns gegenseitig bekriegen und Neiddebatten befeuern. Wir sollten lieber darauf schauen, wie viel Geld denn insgesamt für Kultur ausgegeben wird – das ist in Österreich immer noch mehr als in Deutschland, Gott sei Dank, die Situation der deutschen Theater ist grad ganz schlimm. Wir sollten lieber schauen, wo die großen Gelder im Staate sonst so hingehen. Was kostet denn so ein Jagdbomber und wie viele Theater könnte man davon finanzieren? Und damit betreten wir eine andere Gesprächsebene.

Auch die Debatte: „Wir wollen Kindergärten statt Theater.“ Was ist das für eine Nation, die solche Fragen hat?! Was ist das für eine Gesellschaft, die sich selbst die Kultur abspricht!? Es muss heißen: Wir wollen Theater und Kindergärten und Hospitäler ... und vielleicht nicht so viele Jagdbomber und Hochrüstung. Wir sehen ja gerade wieder, dass da dann ein paar gefährliche Trottel kommen und auf die Knöpfe drücken wollen. Diese Diskussionen sind fatal. Für uns Kulturschaffende selbst und auch für eine Gesellschaft.

Sie wollen die Kultur aufrüsten und haben Pläne rund um eine Studiobühne für experimentelles Theater oder Werkstattaufführungen junger Theaterschaffender mit im Gepäck?
Ja, das ist mir ungemein wichtig. Das Stadttheater hat auch einen Bildungsauftrag und soll den Leuten Goethe und Schiller und Wagner und Mozart und wie sie alle heißen, näherbringen. Aber es gibt auch viele Theaterstücke, die ich hier im großen Haus, auf der großen Bühne gar nicht spielen kann. Auch um jungen Künstlerinnen und Künstlern eine Chance geben zu können, brauche ich eine Studiobühne. Es wäre unfair, ihnen gleich das große Haus zu geben, das ist erschlagend. Hätte mein damaliger Intendant gesagt, du inszenierst gleich Verdi an der Bayerischen Staatsoper, das wäre mein Untergang gewesen.

Was und wie könnte eine solche Studiobühne hierzulande sein?
Das ist eine große Frage, das muss ich mit der Kulturpolitik ausmachen. Ich möchte auch nochmal unterstreichen, dass das Land Kärnten und die Stadt Klagenfurt sehr großzügig mit dem Theater sind. Wenn ich die Situation mit Deutschland vergleiche, beispielsweise in Augsburg oder Landshut, eine reiche Stadt in Bayern, dort wird so lange gespielt, bis die Häuser nicht mehr können und dann werden sie von der Brandschutzpolizei geschlossen. Köln ist keine Kleinstadt, auch dort ist die Oper zu und man weiß nicht, wann sie wieder aufmacht. Hier wird vorausschauend gedacht und mal eine neue Bestuhlung angeschafft, die Beleuchtung ist in einem hervorragenden Zustand, etc. – dank der Politik. Hier wird schon Wert auf Theater und Kultur gelegt. Das muss man auch mal sagen.

Aber trotzdem sollte man auch über eine Studiobühne nachdenken, wo wir jungen Künstlerinnen und Künstlern aus Kärnten eine Chance geben können. Das Klagenfurter Theater hat das Glück Assistenten zu haben, die deshalb so gut sind, weil sie selbst Künstler sind. Diese muss man natürlich auch fördern und fordern. Sonst wird das Theater Routine und dann ist es tot.

Welche weiteren Spielräume reizen Sie?
Nachdem mich das Publikum hier in den letzten Jahren vor allem mit der Operette kennengelernt hat, würde ich dann gerne wieder mal die große Oper bedienen und ich würde wahnsinnig gern das Märchen machen. Das Märchen liegt mir sehr am Herzen. Generell möchte ich das Theater für die jungen Leute hier ausbauen und stärken. Ich möchte, dass die Studierenden ins Theater kommen.

Ich werde weiter Wagner, Mozart und die ganzen Hausgötter spielen, zudem möchte ich unkonventionelle und partizipative Theaterformen weiter ausbauen. Wir müssen auch als Theater weiter in die Stadt gehen, uns weiter öffnen, nicht nur darauf hoffen, dass die Leute zu uns kommen. Vielleicht gehen wir beispielsweise in die Kirchen oder an öffentliche Plätze. Aber ich bin ja noch gar nicht Intendant. Ich stehe grad am Anfang und fühle vor. Ich hab viele Ideen und muss schauen, was lässt sich realisieren.

Wann ist man künstlerisch gescheitert?
Wenn das Publikum nicht mehr kommt. Wenn man die Leute nicht mehr bewegt. Oder wenn man oberflächlich wird.

Ist man danach gescheiter?
Da sind wir wieder beim Werkstattcharakter und ich bestehe darauf, wir dürfen mit Aufführungen auch scheitern! Wir müssen uns ausloten, wir müssen ausprobieren, wir müssen schauen, wie weit wir gehen können. Es gibt auch Aufführungen, die ich selbst als Regisseur in den Sand gesetzt habe. Aber das war notwendig. Manchmal ist das Scheitern wichtig, um dann neu zu erfinden.

Ich möchte nochmals kurz auf Ihren Hund kommen: Moses und Aron. Eine Oper von Arnold Schönberg ... bitte erzählen Sie
Die Oper ist unvollendet. Der letzte komponierte Satz lautet: „O Wort, das mir fehlt“, was im Zusammenhang meint: Gott ist durch ein Wort nicht auszudrücken. Die Sprache macht die Dinge klein. Was sollte nach so einem genialen Satz noch komponiert werden?

Ohne Moses ist Aron nicht denkbar.

Gabbi Hochsteiner
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