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Werkstättengespräch

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Werkstättengespräch: Die <Klein>Kunst des Alltags

geschrieben am 29.05.2020 12:00

Arnold Mettnitzer über Weltpremieren, kreativen Konkurs und Runzeln auf der Seele. - Hier finden Sie die Langfassung des Interviews.


Wie geht’s Ihnen in diesen Corona-Tagen, wie erleben Sie diese Zeit?

Vieles von dem, was wir jetzt durchzumachen haben, ist so noch nie dagewesen! Wohl niemand reagiert darauf mit Alltagsroutine. Wir durchleben Weltprämieren an Zumutungen. Am Ostermontag ist, wenn Sie mir dieses persönliche Beispiel erlauben, meine Mutter verstorben. Wie gerne hätte ich beim Abschied ihre Hand gehalten? Wie gerne hätte ich damals auf den Notbehelf einer Videotelefonie verzichtet!

In guten Zeiten haben wir manchmal zueinander ermutigend gesagt: „Damit alles so bleibt, wie es ist, muss sich vieles ändern!“ Jetzt, nachdem schlagartig so vieles so anders ist, müssen wir uns darin üben, anders zu denken und aus diesem anderen Denken vieles anders machen. Das ist eine ungeheure Herausforderung an unseren Einfallsreichtum und unsere Kreativität.


Eine Mikrobe hebt unsere Welt aus den Angeln: Wir
(er)leben das Ende von Normen, eine umfassende Funktionsstörung von Normalitäten. Was macht das mit uns? Und was machen wir damit?

Es ist eigenartig: Jahrelang hat die Welt darüber gerätselt, ob einer ihrer Staatsmänner verrückt genug sein könnte, den berühmten roten Knopf zu drücken, um die Welt ins Chaos zu stürzen. Und dann kommt ein kleines Virus, das die ganze Welt mit einem Schlag schachmatt setzt! Aber anstatt daran zu verzweifeln, könnten wir das alles ja auch als einen schmerzlichen, aber nützlichen Lernprozess betrachten. Denn das, was, wie Sie formulieren, die Welt „aus den Angeln“ hebt, ist letztlich auch das, was die Welt weiterbringt. Sigmund Freud hat in diesem Zusammenhang von den drei großen Kränkungen des Menschen der Neuzeit gesprochen:  

So stellt Nikolaus Kopernikus vor bald 500 Jahren das damalige Weltbild auf den Kopf, indem er nachweist, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist. Nicht die Sonne dreht sich um die Erde, sondern die Erde und alle Planeten drehen sich um die Sonne! Eine ungeheuer dramatische Erschütterung für das 16. Jahrhundert.

Ähnlich dramatisch sorgt im 19. Jahrhundert Charles Darwin zunächst für Kopfschütteln und erbitterten Widerstand. Dass sich die Erde erst im Laufe von vielen Millionen Jahren zu dem entwickelt hat, was sie ist und nicht von Gott in sechs Tagen erschaffen wurde, zog den damaligen Schulherren und Pfarrherren den Boden unter ihren Füßen weg. Niemals zuvor wurde der Mensch als Ebenbild Gottes so gründlich in Frage gestellt. Die Verwandtschaft des homo sapiens zu den Primaten lässt sich in der Naturwissenschaft nun einmal überzeugender nachweisen als seine Verwandtschaft mit dem Schöpfer.

Die dritte Kränkung schließlich erfolgt zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Wiederentdeckung des Unbewussten. Damit hinterfragt der Vater der Psychoanalyse das Selbstverständnis seiner Zeitgenossen in noch nie dagewesener Art und Weise:

MENSCH, du bist nicht nur nicht der Mittelpunkt des Universums und auch nicht die Krone der Schöpfung, du bist nicht einmal Herr und Frau im eigenen Haus. Geschätzte sechs Siebtel deiner täglichen Entscheidungen triffst du unbewusst, bist also nicht in der Lage, dir selbst, geschweige denn anderen zu erklären, warum du so handelst, wie du handelst.

Und nun taucht Ende 2019, Anfang 2020 für uns alle völlig überraschend eine vierte Kränkung auf: Dem Menschen als „Krone der Schöpfung“ wird ausgerechnet durch ein Virus namens Corona seine Grenze aufgezeigt! Seither steht die gesamte Menschheit – einig wie selten zuvor – gebannt wie das Kaninchen vor der Schlange - und hat Angst! Angst vor einer unbestimmten Zukunft, vor dem drohenden Verlust der Gesundheit, des Arbeitsplatzes, der Wohnung. Die Frage, wie es weitergehen wird, was da noch auf uns zukommt, wer da helfen kann, auf wen man hoffen und auf wen man sich verlassen kann, lähmt bei vielen Menschen den Mut und die Hoffnung. Und wenn Sie mich jetzt fragen, was das mit uns allen macht, dann weiß ich mir zunächst nur damit zu helfen, auf neue Fragen nicht billige alte Antworten zu suchen. Neue Fragen brauchen neue Antworten.

Bis vor Kurzem haben viele von uns bei „Viren“ zuerst an einen Computervirus gedacht. Wenn dort das System abstürzt, wissen die Fachleute, wie es wieder hochgefahren werden kann, aber bei Menschen funktioniert das nicht so einfach. Und plötzlich ahnen wir, wie sehr wir ein Stück Natur sind, wie sehr wir diesen Blick aufs Ganze längst schon aus den Augen verloren haben und jetzt wiederfinden müssen. Dazu brauchen wir ein neues und zusatzmotiviertes Miteinander, das einer gnadenlos profitorientierten Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen beherzt widerspricht, Ressourcen schont, Lebensräume sichert und den Klimawandel nicht kleinredet. Ich glaube nicht, dass es übertrieben ist, Corona als Warnschuss zu verstehen. Im Grunde sagt uns die Natur damit ja nur: Ihr seid ein Teil der Natur! Wenn es denn unbedingt sein soll: Ich brauche euch nicht! Ihr mich aber sehr!


Das Anthropozän, das Zeitalter in dem der Mensch alles gestaltet, ist entlarvt…?

Nicht unbedingt. Es ist und bleibt die Aufgabe des Menschen, diese Welt zu gestalten, sie im Sinne des Schöpfers zumindest mitzugestalten. So gesehen wäre ein „kreativer Konkurs“ sogar die nobelste Aufgabe des Menschen, aber eben nicht im Sinne einer „Konkursmasse“ als Konkurrenz zum Schöpfer, sondern im Sinne einer Entfaltung der in jedem Menschen angelegten Potentiale zum Wohle möglichst vieler. Mit etwas Glück könnte so eine Pandemie nicht nur nicht zum Untergang führen, sondern Ausgangspunkt für etwas vollkommen Neues werden. Die Natur selbst bietet sich hier als unsere Lehrmeisterin an. Sie gibt in Fülle alles, was sie hat. Jeder Frühling zeigt, wie unglaublich großzügig, wie verschwenderisch die Natur ist. Sie spart nicht, sie geizt nicht, sie gibt einfach! Aber im Unterscheid zum Menschen, der sich ja für die Krone der Schöpfung hält, produziert die Natur, so wie sie lebt, keinen Abfall, keinen Müll. Natur merkt sich alles, vergisst nichts, ist aber nicht rachsüchtig oder nachtragend, sie zeigt nur das, was ist und reagiert auf jedes Zeichen guten Willens: Kaum fehlten infolge der Pandemie die Kreuzfahrtschiffe in der Lagune von Venedig, hüpften dort für alle sichtbar vor Freude die Delphine …

Wer bei der Natur in die Schule geht, beginnt unweigerlich darüber nachzudenken, ob nicht manches von dem, was jetzt nicht mehr möglich ist, überhaupt jemals wichtig war und auch darüber, was von unserem Wohlstand wir wirklich brauchen und worauf wir verzichten können ohne dabei das Gefühl zu haben, es wäre uns etwas Wesentliches weggenommen worden. Reich ist nicht, sagt ein spiritueller Meister, wer viel hat, sondern der, der weniger braucht. 


Haben Sie in den vergangenen Wochen (Wieder)Entdeckungen gemacht?

Ja, überraschend viele sogar. Eine davon besteht darin, mehr Zeit zu haben und diese nach eigenen Schwerpunkten viel besser nützen zu können. Vorher hatte ich oft den Eindruck: Die Zeit hat mich und treibt mich vor sich her. Jetzt habe ich viel deutlicher sowohl im Privaten wie auch im Beruflichen das Gefühl, Zeit zu haben und freier darüber verfügen zu können, mitten im Alltag hin und wieder innezuhalten, ein kurzes Gedicht zu schreiben oder eines zu lesen, wie z.B. dieses von Hans-Curt Flemming: „Vorschlag für meine Grabinschrift / gelebt / hat er nur / die Zeit / die er sich / genommen hat“. Wenn das so weitergeht, fange ich noch an, mir langgehegte Wünsche zu erfüllen, z.B. mein Büro aufzuräumen und meine Bibliothek neu zu ordnen.

Was maskiert, was demaskiert diese Krise? Welche Gretchenfragen stellt uns Corona?

Jede Krise bietet mir die Chance, sie als Sündenbock zu missbrauchen, mich dahinter zu verstecken und damit meine nicht erledigten überfälligen „Hausaufgaben“ zu entschuldigen. Dann aber bietet mir jede Krise auch die unglaubliche Chance, in mir bisher versteckte und nicht für möglich gehaltene Potentiale zu entdecken und diese zu entfalten. Diesbezüglich sagen uns die Neurobiolog*innen, dass in unser aller Leben weit mehr an Möglichkeiten schlummern als wir bisher für möglich gehalten haben.

In der Theologie gibt es den berühmten Satz der „creatio ex nihilo“ – womit lediglich gesagt werden will, dass Gott die Welt „aus dem Nichts“ erschaffen hat. Etwas von diesem „Nichts“ trägt jeder Mensch in sich. Und dieses „Nichts“ ist auch die Quelle aller großen Kulturleistungen der Menschheit; alle sind sie sozusagen „aus dem Nichts“ entstanden. Sie waren vorher nicht da und als sie plötzlich da waren, haben alle gestaunt und es sich nicht erklären können, wie das möglich war. Und darin könnte auch die „Gretchenfrage“ der momentanen Krise liegen: Viele Menschen stehen buchstäblich vor dem Nichts ihrer Existenz und wissen nicht, wie es weitergeht. Meine Hoffnung besteht darin, dass möglichst viele vor diesem Nichts nicht verzweifeln, sondern neue Wege suchen und finden, von denen sie im Blick zurück einmal dankbar werden sagen können: Keine Ahnung, wie wir das haben schaffen können!


Ist es denn eine Krise?

Ja, diese Pandemie ist ohne Zweifel eine Krise, aber sie ist keine Krise, die nicht auch gleichzeitig eine große Chance wäre!


Wie erleben Sie das Verhältnis von Macht und Ohnmacht?

Bei dieser Frage muss ich an den israelisch-amerikanischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923-1994) denken, dem wir die vielleicht gründlichste Studie dazu verdanken. Er ging dabei der Frage nach, was Menschen in Krisenzeiten nicht nur geholfen hat, zu überleben, sondern ihnen im Blick auf dieses Leben sogar Zufriedenheit und Dankbarkeit vermitteln konnte. Im Grunde ging es ihm dabei um die Frage, warum ein Mensch trotz widriger Umstände gesund bleibt. Was er gefunden hat, fasst er in drei Punkten zusammen, die er „Salutogenetische Prinzipien“ nennt:  

1. Je mehr ein Mensch die herrschenden Spielregeln durchschaut und verstehen kann, was in ihm und um ihn herum vor sich geht, umso eher kann er Belastungen ertragen und unter Umständen an diesen sogar wachsen. Eine möglichst offene und angstfreie Kommunikation, die für solide Information sorgt, fördert dieses Durchschauen dessen, was da gespielt wird. Geheimniskrämerei und Intransparenz hingegen befeuern den Argwohn, bedienen die Gerüchteküche und fügen so einer verunsicherten Gesellschaft weiteren schweren Schaden zu.

2. Je mehr ein Mensch dort, wo er seinen Alltag lebt, „mitspielen“ darf, seinen Alltag mitgestalten kann und je weniger er sich als „nützlicher Idiot“ von Mitmenschen und Fachidioten zu ihren Zwecken missbraucht fühlt, umso besser wird er sich fühlen und umso höher wird die Wahrscheinlichkeit sein, dass er nicht nur gesund bleibt, sondern an dem, was es zu tun gilt, auch „dranbleibt“. Das fördert Gemeinschaft, beflügelt den Teamgeist und die Kooperationswilligkeit.

3. Je mehr ein Mensch bei dem, was er beruflich und privat Tag für Tag verrichtet, einen Sinn erkennen kann, je mehr er sich also in einem größeren Ganzen beheimatet fühlt und mit dem, was er tut, zu dieser Beheimatung beitragen kann, umso besser wird es ihm gelingen, zufrieden zu sein und gesund zu bleiben.

Die Voraussetzung dafür sind Gelegenheiten zu „spielerischer Ko-kreativität“,
die Menschen am eigenen Leib erfahren lassen, dass das, was sie aufgrund ihrer Begabungen zu leisten vermögen, erst in der Gemeinschaft seine volle Entfaltung findet.


Was geschieht da an unseren Rändern von Ethik und Moral, wenn wir plötzlich z.B. über „Triage“, also eine Auslese von Menschen in der medizinischen Versorgung sprechen bzw. diese etwa für unsere italienischen Nachbarn Realität geworden ist?

Ich kenne diese Frage aus dem Gespräch mit unmittelbar davon betroffenen Ärzten. Es ist nicht nur aus der Sicht des entscheidenden Arztes, sondern auch und vor allem aus der Sicht der Patientin oder des Patienten, denen ärztliche Unterstützung versagt bleibt, der absolute menschliche Supergau. In diesem diametralen Gegenbild zum hippokratischen Arztgelöbnis und der daraus abgeleiteten Genfer Deklaration des Weltärztebundes wird der Arzt wie in einem schlechten Film zum Kaiser im römischen Kolosseum, der bei Gladiatorenkämpfen mit dem Daumen nach oben oder nach unten über Leben oder Tod eines Menschen entscheidet.


Sie tragen Sorge für die Seele. Wie steht es um unsere Tragfähigkeit und seelische Widerstandskraft, um Krisen zu bewältigen und sie als Quell für Entwicklungen zu nutzen?

Die Seele eines Menschen ist sein inneres Kraftwerk, sein Ressourcenpotential, wenn Sie so wollen, sein eigentliches Vermögen, das ihn in der Welt unverwechselbar und einzigartig sein lässt. Die Seele aber will, um das leisten zu können und nicht verkümmern zu müssen, genährt, „befeuert“ werden. Und dieses Feuer kommt aus dem, wofür sich ein Mensch zu begeistern imstande ist. Albert Schweitzer hat immer wieder darauf hingewiesen, dass, so wie die Haut eines Menschen im Laufe der Zeit Runzeln bekommt, seine Seele aus Mangel an Begeisterung zu runzeln beginnt. Ohne das Feuer der Begeisterung gibt es kein Leben, kein Lebendigsein, keine Kreativität, keinen Zauber der Kultur, keinen Reichtum, der uns von innen her erwärmen kann. Erich Fromm hat diesen Gedanken in seinem Alterswerk „Haben oder Sein?“ vertieft und das ursprünglichste „Vermögen“ eines Menschen eben nicht „auf der hohen Kante“, sondern in seinem Innersten gesehen, dort, wo er täglich Entscheidungen darüber trifft, was ihm wichtig ist, was er kraft seiner Liebe, seines Geistes und seines Tuns „vermag“.


Welches Potential für Paradigmenwechsel hat das Corona-Heute und Morgen? Können Sie der Idee eines gerade passierenden Realexperiments des Wandels, der Verwandlung, etwas abgewinnen?

Wandel und Verwandlung sind die Manifestationen alles Lebendigen. Wie kein anderer vor ihm hat bereits Heraklit von Ephesos (520-460 v. Chr.) die oberflächliche Realitätswahrnehmung und Lebensart seiner Umgebung kritisiert und alle Entwicklung aus dem polaren Zusammenspiel gegensätzlicher Kräfte erklärt: Aus diesem Zusammenspiel von Nacht und Tag, Dunkel und Hell, Krieg und Frieden erklärt er sich die harmonische Ganzheit der Welt. Darum haben nach Heraklit diejenigen Unrecht, die ein Ende allen Kampfes in einem ewigen Frieden herbeisehnen. Denn mit dem Aufhören der schöpferischen Spannungen würde totaler Stillstand und Tod eintreten. Diesem Gedanken bin ich vor einem halben Jahrhundert als Gymnasiast zum ersten Mal begegnet; seither fasziniert er mich und lässt mich vieles von dem, was um mich herum passiert, besser verstehen und gelassener darauf reagieren…


Welche Bewältigungsstrategien beobachten Sie? Und welche Kraft hat der Humor?

Dem Theologen Friedrich Christoph Oetinger (+1782) verdanke ich ein Gebet, das ich schon lange kenne, mir aber wohl noch nie so zu Herzen genommen habe wie jetzt: „Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Darüber hinaus sorgt ein gesundes Maß an Humor für innere Ruhe und seelische Ausgeglichenheit. Heitere Menschen werden in der Regel deshalb als „gute“ Menschen empfunden, weil ihr „Gutsein“ ansteckend wirkt und Heiterkeit fördert. Dabei ist Humor nicht nur eine Methode guter Unterhaltung, sondern die Kunst differenzierter Wahrnehmung. Humor ist eine verlässliche Medizin gegen jede Art von Einseitigkeit. Ich sehe darin so etwas wie die „Kleinkunst des Alltags“, die enthüllt, was Ideologien verbergen und relativiert, was idealisiert wird. Humor wertet auf, was im herrschenden Bewusstsein abgewertet wird. Insofern ist Humor vielleicht sogar die effektivste psychohygienische Behandlungsmethode.


Welche Art Werkzeug ist uns die Kreativität?

Mit Sicherheit ist Kreativität unsere wichtigste Ressource. Der Satz von Albert Einstein, wonach unsere Phantasie weit wichtiger als unser Wissen ist, erinnert daran, dass bei aller Begrenztheit unseres Wissens und Könnens unsere Phantasie unbegrenzt bleibt. Alle glücklichen Menschen verstehen den Satz: „Nie hätte ich gedacht, dass das möglich ist!“ Und ebenso kennen Menschen, die in schwierigen Situationen über sich hinausgewachsen sind, das Gefühl, sich nicht erklären zu können, wie sie das, was hinter ihnen liegt, geschafft haben. Der Grund dafür liegt in der uns über weite Strecken unbekannten Vorratskammer unserer seelischen Ressourcen. Die Neurobiolog*innen sagen uns darüber, dass in jedem von uns weit mehr davon steckt als wir bis jetzt in unserem Leben umzusetzen vermochten, dass jeder von uns bisher lediglich eine Kümmerversion dessen, was möglich wäre, verwirklicht hat. 


Ist in uns Menschen ein Urvertrauen in das Leben angelegt? Glaube, Hoffnung und Liebe – sind diese Werte ein Leitfaden, eine Hilfestellung im Augenblick und durch diese Zeit?

Menschen – und erst recht solche in helfenden Berufen – können sich glücklich schätzen, wenn sie in ihrem Leben so etwas wie ein Urvertrauen in das Leben finden konnten. Wenn nicht, wird ihnen bald das innere Feuer im Leben fehlen. Dann wächst die Angst vor dem Ungewissen und die damit einhergehende Überforderung. Wenn diese Angst dann wie ein Damoklesschwert über ihren Köpfen hängt, entwickelt sich daraus ein Teufelskreis, der sie unfähig macht, zwischen validen Gründen zur Angst und dem Teufelskreis der Angst vor der Angst zu unterscheiden. William Shakespeare hat dazu den genialen Satz formuliert: „Was Macht hat, mich zu verletzen, ist nur halb so stark wie mein Gefühl, verletzt werden zu können.“ Diese Art von Angst wollte der biblische Jesus den Menschen nehmen und ihnen den Glauben, die Hoffnung und die Liebe als das biblische Alternativprogramm anbieten. Mit etwas Glück wächst daraus eine innere Freiheit, die sich von Krisen, Rück- und Schicksalsschlägen nicht entmutigen lässt.


Ist hinter dem Distanzhalten und den Plexiglasscheiben eine neue soziale Wärme entstanden? Erfahren Solidarität und Menschlichkeit eine Auferstehung?

An Auferstehung glaube ich als Oberkärntner Bauernbub seit Kindertagen. Mir wäre es im Frühjahr und zu Ostern nie in den Sinn gekommen, an Auferstehung und neuer Lebendigkeit zu zweifeln. Die nach der Winterstarre wieder saftgrünen Wiesen und die unverschämt üppig blühenden Obstbäume beweisen mir jedes Jahr neu, dass Auferstehung zum Leben gehört und dass Hoffnung unsterblich ist.

In diesem Zusammenhang habe ich vor ein paar Tagen mit großer Freude gelesen, was der ehemalige europäische Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker in einem Zeitungsinterview auf die Frage, wie es nach der Krise weitergeht, geantwortet hat: „Vielleicht werden wir bessere Nachbarn. Es entsteht so viel Gutes in der Nachbarschaft, in den Dorfgemeinschaften. Das trägt dazu bei, dass wir uns mehr mögen, als wir das zuvor getan haben. Vielleicht hilft diese Krise uns bessere Nachbarn und bessere Europäer zu werden.“ Über diese Worte habe ich mich auch deshalb so sehr gefreut, weil sie ja auch bedeuten könnten, dass wir durch all das, was wir momentan mit- und durchmachen, vielleicht auch bessere Österreicherinnen und Österreicher werden!


Wie erleben Sie den Umgang mit Sprache – sei es politisch, medial, privat,… – in Corona-Zeiten?
 

Eine große Gefahr im Umgang mit der Sprache besteht zunächst einmal darin, anders zu fühlen als zu denken und dann – aus welchen Gründen auch immer – anders zu sprechen als zu handeln. Davor warnt schon vor 2500 Jahren der chinesische Philosoph Konfuzius: „Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen. Das ist das Wichtigste von allem.“ Diese Gedanken entlarven jede Art von Populismus, dessen verschwiegene Hintergedanken in der Regel stärker sind als ihre rattenfangenden Argumente im öffentlichen Disput. Um dem zu entgehen, bedarf es komplizierter, gründlicher und genauer Gedanken in einer einfachen und verständlichen Sprache. Populist*innen hingegen reden von vornherein einfach und vermeintlich allgemein verständlich; was sie uns dabei aber verschweigen, entspringt keinem gründlichen Nachdenken, sondern einem unausgesprochen Macht- und Eroberungskalkül. Das macht den Populismus gerade in Krisenzeiten so brandgefährlich.


Das Wort, so immer wieder in Ihren Texten, ist eines der „ältesten Medikamente“ der menschlichen Heilkunst…?

Diese Erkenntnis ist nahezu 3000 Jahre alt. Was uns dabei zuallererst berührt, ist nicht so sehr der sachlich-fachlich motivierte Inhalt, sondern der Klang hinter den Worten und zwischen den Zeilen. Wir sind, mit etwas Übung, gerade in kritischen Situationen des Lebens ganz besonders dazu befähigt, zu hören, was ein Mensch uns in seiner Not im Moment nicht zu sagen vermag. Wie so oft die ungeübte Sprache eines Menschen ein Hindernis darstellt, so ist es immer wieder auch die aus Angst formulierte paradoxe Intention, mit der ein Mensch vom Gegenteil dessen zu sprechen beginnt, was ihn eigentlich innerlich beschäftigt …


Menschen aus allen Bereichen – Politik, Wirtschaft, Wissenschaft,… – suchen nach Lösungen. Was hat uns an dieser Stelle „das Buch der Bücher“ zu sagen?

Die Bibel hält für Interessierte einen unerschöpflichen Fundus von brauchbaren Lebenserfahrungen bereit. Mit einem leicht abgewandelten Satz aus dem Matthäusevangelium (Mat 7, 7-11) könnte man sagen: Wer die Bibel bittet, dem gibt sie, wer in ihr sucht, der findet, wer dort anklopft, dem wird geöffnet.


Neben der physischen und wirtschaftlichen Gesundheit der Gesellschaft steht auch die geistige im Fokus. Was diagnostizieren Sie in diesen Tagen der Kultur?

Die 1932 im Böhmerwald geborene und jetzt in Wien lebende Annemarie Kury hat seit Beginn der Balkankrise mit ihrem mit Hilfsgütern beladenen Auto erst in Kroatien, dann in Bosnien unzähligen Menschen geholfen, ihr Leid zu lindern. Liebevoll nennt man sie heute im Nordosten von Bosnien die „Mutter Teresa von Tuzla“. Nach dem UNO-Friedensvertrag von Dayton berichtete sie mir davon beeindruckt und von der Hoffnung der Menschen zutiefst berührt, dass dort, wo die Geschoße verstummten, sehr schnell Musik erklungen ist, Menschen trotz aller Not begonnen haben, Theater zu spielen und Feste zu feiern. Im Innersten des Menschen wohnt eine große Sehnsucht nach allem, was tröstet, ermutigt und heilt. Das heißt für mich im Umkehrschluss: Eine Gesellschaft, in der die Kultur verstummt, wird stumpf. Kunst und Kultur sind die Milch und der Honig, das Brot und der Wein gegen den Hunger der Seele. Kunst und Kultur sind der Atem einer Gesellschaft, auch und vor allem dort, wo ihr für einen Moment die Luft zum Durchatmen genommen ist. Nie sind Kunst und Kultur so wichtig wie in solchen Zeiten. Sehr schön zeigt mir das der Beginn in Friedrich Hölderlins Hymnus „Patmos“, den ich als ermutigende Zusage lese: „Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch. / Im Finstern wohnen / Die Adler und furchtlos gehen / Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg / Auf leichtgebaueten Brücken.“

Gabbi Hochsteiner
Chefredaktion DIE BRÜCKE

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