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Werkstättengespräch: Konsumgut Körper

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Werkstättengespräch: Konsumgut Körper

geschrieben am 30.11.2018 08:49

Eine Gesprächsreise an die Ränder der Gesellschaft mit dem Rotlicht-Kriminalisten Wolfgang Patscheider. 


Im Diskurs über Prostitution prallen „Kriminalisierung versus Liberalisierung“ als harte Fronten aufeinander. Amnesty International etwa ist für eine Legalisierung, der Papst oder Alice Schwarzer lehnen diese strikt ab ... was spricht für ein Verbot, was dagegen? 

Für ein Verbot spricht meiner Meinung nach gar nichts. Umso stärker wir den Sexdienstleisterinnen geregelte Arbeitsbedingungen, Rechte und Pflichten einräumen, umso kleiner werden die Machtausübungsmöglichkeiten der oft kriminellen Zuhälter. Und es geht natürlich auch um die Wertschätzung der Frau, die diesen schwierigen Job macht – sie soll sich nicht genieren und verstecken müssen.

Die Praxis zeigt auch, überall dort, wo Prostitution verboten ist, ist sie besonders präsent – aber eben in der Illegalität und somit Schutzlosigkeit. Der Straßenstrich in Rom oder Mailand zum Beispiel ist eine Katastrophe für die Frauen. Wir wollen, dass die Sexdienstleisterin legal in einem registrierten Bordell arbeiten kann. Wir wollen, dass ihr Beruf ein normaler Job sein kann. Ein harter Job, aber ein Job. 

Es ist eine sehr moralinhaltige Diskussion. Milliarden Menschen setzen tagtäglich ihre Zeit, ihren Körper und Geist ein, um Geld zu verdienen. Macht es einen Unterschied, ob sich jemand in der Sozialarbeit oder auf dem Bau abarbeitet oder eben für sexuelle Handlungen zur Verfügung stellt? Ist Sexarbeit ein Job wie viele andere? 

Sicher einer der härtesten. Ich habe noch nie in meiner 25jährigen Tätigkeit im Rotlicht von einer Frau gehört, dass das ein feiner Job ist, den sie gern macht. Noch nie. 

Ist Prostitution ein Spiegel unserer Gesellschaft und Kultur? 

Es ist auch ein Ansatz darüber zu diskutieren, ob wir als Gesellschaft die Prostitution überhaupt (noch) notwendig haben. Darüber kann und muss man nachdenken. Meiner Meinung nach werden wir sie nur leider – solange es arme Länder gibt – nicht abstellen können, sondern verschieben sie nur in die Illegalität und vergrößern so die Probleme. 

Wie erleben Sie den Stellenwert der Sexarbeit in unserer Gesellschaft?

Leider tief unten. Ein Beispiel von innen: Bei einer unserer Kontrollen in den Bordellen fragten wir die Frauen: „Weiß deine Mama, was du machst?“. Von den 80 anwesenden Damen hat keine „ja“ gesagt. 

Prostitution gehört lange schon zu unserer Kulturgeschichte und ist trotzdem eine Randkultur – am Rande der Legalität, am Rande der Gesellschaft. Einerseits wird sie verachtet, andererseits in hohem Maße konsumiert ... 

Ja, Doppelmoral in Reinkultur!

Wie kommen Männer und Frauen in die Prostitution? Was sind Motive? 

Ich frage die Frauen immer wieder danach. Viele Rumäninnen erzählen, dass sie mit 17 in der Diskothek Frauen sehen, die sich offensichtlich etwas leisten können, hören, wie sie dazu gekommen sind und möchten das auch machen. Die Wirklichkeit ist dann oft so: Die Mädchen kommen mit 18 Jahren mit nichts zu uns und wenn sie Mitte Zwanzig sind und heimfahren, haben sie wieder nichts. Meist bringen ihre „erlebnisorientierten Freunde“ [vulgo Zuhälter] ihren Verdienst durch. Ich hab es ganz selten erlebt, dass Frauen ihr Geld gut angelegt haben.

Wir bieten den Frauen auch immer wieder an, dass wir ihnen gemeinsam mit Opferschutzvereinen helfen, bei uns andere Arbeit zu finden. Viele wollen aber für das vergleichsweise kleine Geld nicht z.B. putzen gehen.

Die Frauen wissen also worauf sie sich einlassen und entscheiden sich bewusst dafür?

Ja. Das ist nicht mehr so, wie es mal war. Dank all der Kommunikationsmöglichkeiten wissen die meisten Frauen ganz genau, worum es geht und entscheiden sich auch dafür. Natürlich oft unter falschen, schöngefärbten Vorstellungen.

Wer sind die „typischen“ Sexarbeiter*innen? Betrifft es erstrangig soziale Randgruppen? 

Ich will niemanden stigmatisieren. Aber ja. Es ist meist so. Ich hab auch schon Studentinnen oder Juristinnen getroffen, aber viele sind bildungsfern, können nicht Lesen und Schreiben. Wir hatten Fälle, da wussten die Mädchen nicht mal in welchem Land sie überhaupt sind. 

Sexarbeit ist für Asylwerber*innen eine der wenigen legalen und leicht zugänglichen Erwerbstätigkeiten ... 

Ja. Das Gesetz gibt bestimmte Tätigkeiten aus dem „freien Gewerbe“ für Asylwerber*innen frei – Schuhputzen zum Beispiel. Da fällt leider auch die Prostitution hinein. Das ist ein Österreich-Spezifikum. Meiner Meinung nach hat der Gesetzgeber dabei gar nicht an die Prostitution gedacht.

Derzeit kommen Frauen gezielt von Nigeria und China zu uns, um sich zu prostituieren. Im Falle der Nigerianerinnen reden wir von „den Frauen mit den toten Augen“. Sie schleppen sich durch die Wüste, dann die oft traumatische Reise am Boot und wenn sie schließlich hier sind, müssen sie eine horrende Summe abarbeiten, bevor sie als frei gelten. Noch zuhause unterschreibt die flüchtende Frau einen Betrag (30.000 – 40.000 Euro), von dem sie nicht einmal weiß, wieviel das ist. Daran arbeitet sie sich oft zehn Jahre lang ab. Das gleiche Problem haben wir mit chinesischen Staatsbürgerinnen, die z.B. angeblich aufgrund der streng verfolgten Kinderpolitik um Asyl ansuchen und dann bei uns in Laufhäusern arbeiten. Bei Kontrollen frage ich diese Mädchen etwa, welche Leistungen sie denn anbieten. „Was auf der Türe steht“, sagen sie dann. Auf meine Frage, was denn dort stehe, wird schnell klar, dass sie ahnungslos sind. Das ist tragisch. Auf dieses Problem machen wir jetzt aufmerksam. Ziel ist es, dieses bei einer zukünftigen Gesetzesbearbeitung zu beheben.

Welche Arten der Prostitution gibt es hierzulande?

Die Sexarbeiter*innen sind grundsätzlich selbstständige Unternehmerinnen, die frei und für sich arbeiten. Das tun sie in verschiedenen, behördlich genehmigten Etablissements. 

Das klassische Bordell ist Anlaufstelle für „den Kärntner“. Es hat einen Barbetrieb sowie Zimmervermietung. Der Kunde trinkt meist etwas mit der Sexdienstleisterin, sie erhält eine Provision darauf und wenn’s aufs Zimmer geht, gehört die Hälfte der Einnahmen ihr und die Hälfte dem Bordellbetreiber.

Laufhäuser, die in Kärnten relativ gut gehen, sind ohne Barbetrieb. Die Frau mietet dort ein Zimmer, macht auf der Türe Werbung für ihre Angebotspalette und die männliche Kundschaft klopft bei Interesse an. Die Vorteile für die Frau sind, dass sie keinen Alkohol konsumieren muss und die Einnahmen zur Gänze ihr gehören. Sie bezahlt nur die Zimmermiete, die allerdings auch nicht wenig ist (ca. 100 Euro am Tag). 

In den Saunaclubs wie z.B. in Villach, bezahlen sowohl der Kunde als auch die Sexdienstleisterinnen Eintritt (etwa 80 – 100 Euro), Essen und Getränke sind kostenlos und was die Sexdienstleisterin dort erwirtschaftet, gehört zur Gänze ihr. In diesen Großbordellen arbeiten bis zu 80 Sexdienstleisterinnen, die zu 95% aus Rumänien kommen. Das ist der Sprachverbindung geschuldet, denn die Rumäninnen können sich mit den Italienern unterhalten, die 95% der Saunaclub-Kundschaft ausmachen. Wir haben dort schon ganze italienische Fußballmannschaften angetroffen, die es an diesem Tag nicht mehr auf den Fußballplatz geschafft haben ... [schmunzelt] ... das ist das Leben.

Welche Verbesserungen brauchen unsere Gesetzeslage und die daraus resultierenden Arbeitsbedingungen in der Prostitution?

Seit 2012 ist wieder einiges zugunsten der Rechtssicherheit der Sexdienstleister*innen geschehen – z.B. haben sie erst seitdem Anspruch auf eine gesetzliche Pflichtversicherung. Bei der nächsten Novellierung des Kärntner Prostitutionsgesetzes möchten wir weitere Punkte einbringen. Zum Beispiel bedenken wir die Altersbeschränkung, die bei 18 Jahren liegt. Immer wieder hören wir von Frauen, dass sie mit 21 Jahren und etwas mehr Reife vielleicht nicht mehr in das Geschäft eingestiegen wären. Darum diskutieren wir die Anhebung.

Wie steht es um das sexuelle Selbstbestimmungsrecht der Sexarbeiter*innen? Wer bestimmt z.B. über Preise und Arten der sexuellen Dienstleitung?

Sie selbst. Sie haben oft vor, nur ausgewählte Leistungen anzubieten, merken dann aber, dass sie damit kein Geld verdienen können und müssen andere Dienste offerieren. Dieser Wettbewerbsdruck ist gerade in den großen Häusern hoch.

Wie sieht das Verhältnis zwischen Sexarbeiterin und Zuhälter aus?

Leider ist der klassische Zuhälter oft den Suchtgiften zugeneigt. Die Frau entscheidet sich für den „Zuhälter“, weil dieser in der Rolle des Freundes und Partners auftritt. Diese Männer sind jung, schauen gut aus, sind nett zu den Frauen. Sie gaukeln den Mädchen vor, sie seien z.B. „Autohändler“, in Wirklichkeit lassen sie sich von den Frauen finanzieren. Sie reden davon, dass sie irgendwann gemeinsam in Rumänien ein Haus bauen und eine Familie gründen – es ist ganz, ganz selten, dass es dazu auch tatsächlich kommt.

Wer sind die Bordellbetreiber*innen?

Im Falle der Großbetriebe sind es hauptsächlich Geschäftsleute aus dem deutschsprachigen Raum, die ihr Geld auf diese Weise anlegen wollen. Kleinere Häuser werden teils von Frauen betrieben, die selbst Sexdienstleisterinnen waren. Gerade mit diesen kleinen Betrieben haben wir gar keine Probleme. Bordell ist nicht gleich Bordell: Wir achten darauf, dass wir mit den Etablissements ständig in Kontakt stehen und präsent sind – auch als Ansprechpartner für die Frauen.

Bitte erzählen Sie uns von der Rotlichtgruppe des Kärntner Landeskriminalamtes, die Sie seit etlichen Jahren leiten

Wir sind ein Team von aktuell sieben speziell ausgebildeten Leuten, vier Frauen und drei Männer. Unsere Einheit ist im Landeskriminalamt für Menschenhandel und Schlepperei zuständig. Ein Segment darin ist der Rotlichtbereich. Das Vertrauen, das uns von den Sexarbeiterinnen entgegengebracht wird, ist groß. Wir wollen ein verlässlicher Partner sein – ansonsten würden sich die Frauen niemals mit ihren Problemen und Informationen an uns wenden. Es ist ein harter Job mit oft sehr fordernden <Nacht>Einsätzen. Aber ich gehe gerne arbeiten, es ist sinnerfüllt.

Was sind die berührenden Momente?

Die Schicksale von Kindern in der Schlepperszene oder von misshandelten und ausgebeuteten Frauen sind sehr ergreifend. Berührend ist es auch, wenn man jemanden trifft, den man vor ein paar Monaten oder Jahren aufgegriffen hat und der Asyl bekommen hat, zur Schule geht, Deutsch spricht und sich gut entwickelt. Das sind die schönen Seiten.

Gabbi Hochsteiner
Chefredaktion DIE BRÜCKE 

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