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Wie Kärnten die Mondlandung erlebte

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Wie Kärnten die Mondlandung erlebte

geschrieben am 28.03.2019 12:02

1969 war auch in Kärnten ein Jahr des Aufbruchs – nicht zuletzt in kultureller Hinsicht.


Diese Geschichte beginnt in verwackelten Grautönen, unterlegt vom Brummen der ORF-Moderatoren Peter Nidetzky, Herbert Pichler, Othmar Urban und Hugo Portisch. Anderswo mag es schon Farbfernsehen geben, hier im Unterland nicht. Wir befinden uns in einem Landgasthaus von vielen, in dem sich ein paar Dutzend Kärntnerinnen und Kärntner vor einem Fernsehapparat versammelt haben. Zwei Schilling haben sie gezahlt, damit sie hier den ORF-Bericht über die abenteuerliche Reise der amerikanischen Raumfahrer Neil Armstrong und Buzz Aldrin in Echtzeit verfolgen können.

Weltweites Medienereignis. Das Publikum: Bauern mit Pfeife im Mund, Frauen im Dirndl, junge Burschen mit Koteletten und Glockenhosen. Normalerweise rümpfen die Alten die Nase über den aufmüpfigen Nachwuchs mit der ungewöhnlichen Haartracht, es soll sogar vorkommen, dass sich die eine oder andere ältere Bauersfrau beim Anblick eines „Hippies“ vor Schreck bekreuzigt. Aber dieser denkwürdige 21. Juli 1969 ist generationsverbindend: Heute wollen alle gemeinsam erfahren, ob die erste Mondlandung der Geschichte glückt.

50 Jahre ist es her, seit Armstrong als erster Mensch einen Fuß auf den Erdtrabanten gesetzt hat. Die Landung der Apollo 11 auf dem Mond war das erste weltweite Medienereignis. Eine halbe Milliarde Menschen rund um den Erdball verfolgte die Mission der US-Astronauten in Echtzeit, selbst der sowjetische Rundfunk kam nicht umhin, den Prestigeerfolg des imperialistischen Erzfeindes wenigstens zu vermelden.

Die Mondlandung fiel in die Zeit des Wettrüstens zwischen Moskau und Washington, die USA führten immer noch einen sinnlosen Krieg in Vietnam, der Studierende auf der ganzen Welt zum Protest auf die Straße trieb. „Flower Power“ stand auf bunt bemalten VW-Käfern, im Radio wurden die „Doors“ gespielt und „Creedence Clearwater Revival“. Die Ausläufer dieser kulturellen Revolution warenauch in Kärnten zu spüren.

Gedankenexperiment. Wir wollen an dieser Stelle ein Gedankenexperiment wagen. Angenommen, es findet sich eine bislang unbekannte Zeitkapsel, die das kulturelle Leben in Kärnten zur Zeit der Mondlandung konserviert hat: Einige Schlaglichter auf den ganz besonderen Geist dieser Zeit, die von vielen später als bleiern empfunden wurde, obwohl es an den Rändern der Geografie längst brodelte, Neues bereits im Entstehen war.

Da waren zum Beispiel die Bagger, die im Klagenfurter Sumpfland unweit des Wörthersees auffuhren. Wo einst der Lindwurm sein Unwesen getrieben haben soll, entsteht nun eine „Hochschule für Bildungswissenschaften“. Hier sollen keine alten Männer in miefigen Talären unterrichten. In dem von Arnulf Rainer entworfenen Vorstufengebäude werden bald junge Professorinnen und Professoren eine Heimstatt finden, die den Geist von 1968 tief inhaliert haben. Ein Gegenentwurf zu den Schulen, in denen der Geschichtsunterricht mit dem Ersten Weltkrieg endet – was in vielen Fällen vielleicht auch besser so ist. Denn nicht wenige Lehrer*innen erzählen allzu schwärmerisch von der jüngeren Vergangenheit, in der sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet wurden.

Und auch die kritischen Jungen wollen manches nicht so genau wissen. Selbst langhaarige Hippies verschlägt es immer wieder in das Klagenfurter Tanzcafé Lerch, in dem ein hagerer Wirt junge Musiker fördert und die Gäste mit flotten Sprüchen unterhält. Dass es sich dabei um Ernst Lerch, SS-Sturmbannführer und rechte Hand von Odilo Globočnik handelte, war ein offenes Geheimnis. Erst mehr als 30 Jahre später wird sich der Schriftsteller Werner Kofler in „Tanzcafé Treblinka“ mit dem Gastronomen beschäftigen, der die Mitverantwortung am Tod von 1,8Millionen Jüdinnen und Juden in Ostpolen trägt und dafür nie verurteilt wurde. Berühmtheit erlangte das Tanzcafé Lerch, weil Udo Jürgens dort seine Karriere startete.

Das Tanzcafé in der Wiener Gasse gehörte zu den wenigen Lokalen, in denen moderne Musik gespielt wurde. Und die Nachfrage war vorhanden: Das Radio brachte den modernen Sound aus New York, Los Angeles und London auch in die Kärntner Stuben. Und dort wurde die Musik begeistert aufgenommen – da mochte die ältere Generation noch so zetern. Für Bands wie „The Shades“ oder „The Roletts“ gab es wenige Auftrittsmöglichkeiten. Das „Harlem“ am KlagenfurterAlten Platz war eines davon, oder auch dasTanzcafé Erni in St. Georgen am Längsee.

Nischendasein. Solche Institutionen blieben damals die Ausnahme. Der Geist von 1968 war nur in Nischen zu finden. Die mit absoluter Mehrheit regierende SPÖ hatte mit linken Experimenten wenig am Hut, umso mehr mit Machtpolitik. Wer im landesnahen Bereich etwas werden wollte, kam um ein rotes Parteibuch nicht herum. Groß infrage gestellt wurde das nicht, denn die Politik spielte in den meisten Familien keine große Rolle. Man beließ es dabei, alle paar Jahre zur Wahl zu gehen. In den Kiosken waren überregionale Magazine Mangelware, in den wenigsten Haushalten lagen Tageszeitungen auf, von Fernsehern ganz zu schweigen. „Auch über das Radio hat kaum jemand Nachrichten gehört“, sagt der Konzeptkünstler Werner Hofmeister. Derheute 68-Jährige erinnert sich an den Sound seiner Jugend: Sonntagvormittage, aus den Fenstern hörte man das Klopfender Schnitzel und „Autofahrer unterwegs“– die beliebteste Radiosendung des ORF mit Volksmusik und dem Läuten von Kirchenglocken zu Mittag.

Der damals jugendliche Hofmeister war einer jener langhaarigen Rebell*innen, die es nach dem Willen der Obrigkeiten gar nicht hätte geben sollen. Er besuchte eine Lehrwerkstätte der Gewerkschaft in Krumpendorf und musste im Keller verschwinden, wenn hoher Besuch anstand: Minister und Gewerkschaftsbosse sollten nicht mit dem Anblick von „Hippies“ behelligt werden.

Süd<atmo>sphäre. Anderswo herrschte ein offeneres Klima. In Ossiach und Viktring mischte Friedrich Gulda die Musikszene auf, im Maria Saaler Thonhof waren Schriftsteller wie Thomas Bernhard, H.C. Artmann oder Gert Jonke Dauergäste. Nicht wenige Künstler*innen aus Wienschätzten die vergleichsweise offene Atmosphäre im Süden, wo mehr erlaubt war als in der damals noch verstockten Bundeshauptstadt. „Kärnten hatte kulturell kein schlechtes Standing damals“, sagt Raimund Spöck, Kulturveranstalter und Ex-Gastronom. „Es hieß oft, dass Wien in der Vergangenheit stecken geblieben ist, während hier etwas geschieht.“

War das kulturelle Klima in Kärnten damals tatsächlich offener als im Rest der Republik? Oder ließ man die jungen Leute am Thonhof, an der Uni oder in Viktring einfach gewähren, weil es keinen groß interessierte, was sie trieben? Selbst wenn: In den Jahren rund um die erste Mondlandung wurden in Kärnten kulturelle Grundsteine gelegt, die das Land noch heute prägen.

Wolfgang Rössler
38, aus Steindorf am Ossiacher See, lebt in Wien, ist Korrespondent der NZZ am Sonntag.

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