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Zwischen Himmel und Erde

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Zwischen Himmel und Erde

geschrieben am 09.12.2020 11:02

Wie die Götter ins Museum nach Hüttenberg kamen.


Künftige Besucher der Erde von entfernten Sternen kämen vielleicht zu dem Schluss, dies müsse ein Planet für außer Dienst gestellte Götter sein. <Peter Sloterdijk>

Wer sich am Ende des Görtschitztals der Ortseinfahrt von Hüttenberg nähert, sieht links der Straße an der steil aufsteigenden Felswand ein leichtes Flattern, multipliziert von einer Vielzahl von kleinen Fähnchen, die auf bis zu 60 Meter langen Seilen aufgefädelt sind. Wie eines Windes Lächeln, selbstverständlich und unmittelbar berührt einen diese unerwartete Erscheinung.

Die Gebetsfahnen, wie sie in Hüttenberg am Lingkhor, dem tibetischen Pilgerweg in der Felswand, zu sehen sind, sind in allen buddhistischen Himalaya-Regionen verbreitet. Der Wind soll ihre Mantren und Gebete zum Wohl der Menschheit in alle Himmelsrichtungen tragen. Sie sollen Frieden, Mitgefühl, Stärke und Weisheit verbreiten.

Das Pantheon der tibetischen und anderen Götter ist in Hüttenberg im gegenüber dem Lingkhor gelegenen Museum eingezogen und wurde in Anwesenheit des XIV. Dalai Lama im Juli 1992 eröffnet. Neben Tibetika umfassen die Sammlungen des Hauses auch Objekte aus Südamerika, Borneo, Neuguinea, von den Andamanen und aus Afrika: mehr als 4.000 Objekte, 120.000 Fotos, 80.000 Dokumente – große Teile aus dem Nachlass des Sammlers, des Expeditionsreisenden, des Bergsteigers, des Forschers Heinrich Harrer.

Kultur konservieren. Es heißt, wenn die Ethnologen kommen, verlassen die Geister die Insel (haitianisches Sprichwort). Damit soll deutlich werden, dass der Blick verstellt wird, wenn man sich anderen Kulturen nähert, der spirituelle Grund geht gewissermaßen verloren oder verschwindet ins Geheime. Die Kultur entzieht sich dem Zugriff und dem Vergleich.

Ganz anderer Art ist der Effekt, wenn man sich intensiv mit einer gewachsenen Sammlung beschäftigt, deren größter Teil in der Ausstellung selbst deponiert wurde, wie im Fall des Harrer-Museums. Man hat das Gefühl, als würde man die Geister, die man rief, nicht mehr los: Allein die Vielfalt an Materialien stellt eine große Herausforderung für die Konservator*innen dar.

Seit November 2019 hat das Museumsteam in Hüttenberg in zwölfmonatiger Arbeit die umfangreiche Reinigung der Objekte und ihre konservatorische Behandlung durchgeführt. Mit Unterstützung externer Expert*innen und Institute konnten auch der Wissensstand und die relevante Praxiserfahrung für diese komplexen Aufgaben erworben werden.

Eine Reihe von Restaurierungen ist noch im Gange, das Schriftenarchiv wurde neu geordnet, der fotografische Bestand gesichtet.

Mit einer Neuaufstellung im Bereich der Biografie Harrers setzt das Museum einen Meilenstein fast 30 Jahre nach der Eröffnung, der das historische Erbe dieser Sammlungen würdigt – nämlich als die Sammlung eines Forschungsreisenden. Gleichzeitig wird der Blick geweitet und das Interesse auf die Besonderheiten des Reisens und seiner Entwicklung bis heute gelenkt. Harrer war Motor der Medialisierung als Fotograf, Filmer, Präsentator und Autor. Heute ist uns jede Ecke der Welt zugänglich, real und virtuell. Aber wie viele von uns bemerken dabei auch, dass sich kulturelle Lebenswelten bis zur Unkenntlichkeit verändert haben, verschwunden oder verloren sind? – Die Geister haben tatsächlich viele Inseln verlassen.

Kulturen kommunizieren. Schwerpunkte der aktuellen Überarbeitung des Museums bilden daher die historischen und aktuellen Aspekte interkultureller Kommunikation bzw. Interaktion sowie die Art von Bildern, Wahrnehmungen und Zurichtungen, die im Verhältnis der Kulturen und wohl auch Religionen zum Tragen kommen.

Deshalb spielt auch die digitale Bereitstellung der Sammlungsbestände eine besonders wichtige Rolle, um den Ursprungsgesellschaften zumindest digitalen Zugang zu den Objekten zu geben und auf einer internationalen Ebene inhaltlichen Austausch pflegen zu können. Exemplarisch hat diese Zusammenarbeit das Völkerkundemuseum der Universität Zürich mit zwei Ausstellung vor Augen geführt: „Karte, Spur, Begegnung“ und „Begegnung, Spur, Karte“ zu den Expeditionssammlungen Harrers und den Tibetsammlungen von Heinrich Harrer und Peter Aufschnaiter. Beide Projekte sind nun auch im Hüttenberger Harrer-Museum als digitale Ausstellungen zu besuchen.

Über Götter verbunden. Die Transformation von Unglück in Glück, die spirituelle Kraft der Gebetsfahnen richtet sich nicht als Wunsch oder Flehen an die Götter, sondern wird zu den Lebenden getragen, um bestehendes Leid zu mildern. Die Reise mit dem Windpferd (Lungta, das häufig in der Mitte der Fahnen abgebildet ist) deutet mit seiner heilenden Bewegung in die gleiche Richtung wie das Symbol des unendlichen (oder glorreichen) Knotens, der veranschaulicht, dass und in welcher Weise alles auf der Welt miteinander verbunden ist.

Beim symbolischen Knoten erwacht auch die Erinnerung an keltisches Bandgeflecht, das in dieselbe spirituelle Richtung weist. Mit der keltischen Göttin Noreia wird der Brückenschlag zum hiesigen Bergbau vollzogen, da am Kärntner Erzberg seit der Zeit der Kelten ergiebige Erzvorkommen abgebaut wurden. Schließlich findet sich mit der nun katholischen, heiligen Barbara eine ebenfalls ursprünglich keltische Erdgöttin in der Hüttenberger Götterwelt an zentraler Stelle.

Damit ist auch das zweite, große museale Standbein Hüttenbergs, die Geschichte des Bergbaus am Kärntner Erzberg im Grunde gar nicht profan. Auch hier wechselt der Blick ständig zwischen Himmel und Erde, sieht zurück und nach vorne. In Hüttenberg hat sich ein Vielfaches an Perspektive und Kulturen in die museale Erinnerungslandschaft eingeschrieben.

Wolfgang Giegler
Ausstellungskurator und Berater für Museen. Mit seinem Unternehmen the spell GmbH entwickelt und realisiert er Projekte für Kunst, Kultur, Wissenschaft, Kommunen und Regionen.

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