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Bruder Sonne, Schwester Mond.

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Bruder Sonne, Schwester Mond.

geschrieben am 29.05.2019 11:45

Christine Lavant und Ingeborg Bachmann.


Wollte man die beiden großen Kärntner Dichterinnen des vergangenen Jahrhunderts Himmelskörpern zuordnen, so fiele Ingeborg Bachmann (1926-1973) wohl der Sonne und Christine Lavant (1915- 1973) dem Mond und den Sternen1 zu. Oder die eine mehr dem Tag und der Mittagsstunde und die andere der Nachtund dem Übergang. Derlei Zuschreibungen entstehen im Hinblick auf komplexe Gesamtbilder und Assoziationsmuster, die sich aus kollektiven Vorstellungen ebenso zusammensetzen wie aus individuellen Zusammenhängen, von den lebensgeschichtlichen Gegebenheiten bis hin zu den körperlichen, emotionalen und Gender-bedingten Qualitäten und Dispositionen der beiden Autorinnen. Und sie speisen sich vor allem aus deren literarischen Bild- und Themenfindungen.

Ingeborg Bachmanns Vorliebe für das südliche Sonnenlicht steht in Zusammenhang mit ihrem in allen Fasern und Zeilen spürbaren Willen zur Wahrheit, in ihrem Impetus, der Wirklichkeit und vor allem dem eigenen Menschen entgegenzusehen und sie im Licht einer wahrhaftigen und unverbrauchten Sprache (neu) zu erschaffen. „In meinem erstgeborenen Land, im Süden / sprang die Viper mich an / und das Grausen im Licht“, heißt es in dem Gedicht Das erstgeborene Land, und durch das Pressen des Mundes auf den Biss und das Aufsaugen der grausigen Bitternis findet sich das lyrische Ich „zum Schauen erwacht“, um weiter zu folgern: „Da fiel mir Leben zu“. Eng mit diesem Bildkomplex der Menschwerdung imAngesicht der (bitteren) Wahrheit verbunden sind der untrügliche Gesichtssinn, das unbestechliche Auge, sowie Bilder und Szenarien gesteigerten Sonnenlichts, bis hin zur Auflösung (im Weiß sowie im Feuer). Und auch die kontrastierenden Elemente des (tiefblauen) Wassers undHimmels oder auch dichten Nebels dienen – wenn auch als Fluidum, das es zu durchqueren, letztlich zu durchleben und zu durchschauen gilt – der Wahrheitsfindung.

Ganz anders Christine Lavant. Silbrig scheint ihre Welt zu glänzen, erhellt vom indirekten Licht des Mondes. Vereinzelt gesetzte Primärfarben, etwa in Gestalt von Mohnblumen, Glaskugeln oder einem Herzen, leuchten wie von innen her aus einem Dunkel. Das mag nicht zuletzt mit der stark eingeschränkten Sehfähigkeit der Autorin, die sie in Folge einer frühkindlichen tuberkulösen Erkrankung zeitlebens begleitete, in Zusammenhang stehen. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit aus einer Art Zwischenwelt oder auch Halbdunkel heraus, hat Christine Lavant als ebenso charakteristisch und unabdingbar für ihre literarische Produktion erkannt wie die Fähigkeit, Träume bewusst „zu Ende zu träumen“. Zahlreiche Texte, in welchen eine mit der Nacht assoziierte Thematik und Metaphorik zum Tragen kommen, rekurrieren auch auf den Schlaf bzw. die Schlaflosigkeit. Dass dem nächtlichen Trabanten hierbei eine zentrale Rolle zukommt,liegt auf der Hand. „Brüderchen Mond“ fungiert als Ansprechpartner und Projektionsfläche des Selbst, das mitunter als „Mondhuhn“, „Mondkatze“ oder „Spindel im Mond“ in Erscheinung tritt. Die nächtliche Aktivität und Verzweiflung wird in symbolistisch anmutenden Verbalprägungen wie „Des Mondes Wiege schaukelt leer“gleichsam eingefangen. Besonders interessant auch die Verbindungen von lunarer Metaphorik und Feuer. Mit dem „Mondmal“, das „wütend im Wasser [brennt]“, schließt sich gewissermaßen jener Kreis, der die Elemente miteinander verbindet, der Anfang und Ende, Hell und Dunkel, Geheimnis und Offenbarung ineinander übergehen und Brüderchen und Schwesterchen sich die Hände reichen lässt.

Katharina Herzmansky
Germanistin, literarischer Brückenpfeiler, Mitarbeiterin
der Abteilung Kunst und Kultur des Landes Kärnten.

1 Ad propositum: Auch die Sonne ist ein Stern, hier geht es jedoch weniger um phänomenologisch-wissenschaftliche Exaktheit als vielmehr um symbolische Kategorien.

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