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Brückenbauer & Dekonstruktivisten

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Brückenbauer & Dekonstruktivisten

geschrieben am 01.03.2021 12:08

Übers Wasser führt ein Steg /
Und darüber geht der Weg. /
Max und Moritz, gar nicht träge, /
Sägen heimlich mit der Säge, /
Ritzeratze! Voller Tücke, /
In die Brücke eine Lücke.


Es kommt so, wie es die beiden, wenn man es bedenkt, durchaus dämonisch boshaften Knaben (diverse Mordversuche etc.), geplant haben: der Schneider Böck rennt aus seinem Hause, weil Max und Moritz ihn aus ihrem Versteck gröblich („Meck, meck, meck, Ziegenböck!) geschmäht hatten. „Und schon ist er auf der Brücke, / Kracks! Die Brücke bricht in Stücke.“ Des Schneidermeisters Sturz in den kalten Bach – er wird von zwei Gänsen vor dem nassen Tod gerettet – verursacht ihm grimmige Leibschmerzen, welche Frau Böck dann mittels „heißem Bügeleisen / auf den kalten Leib gebracht“ radikal zu lindern weiß. Max und Moritz outen sich in ihrem Tun als „Dekonstruktivisten“, einer unter modernen Intellektuellen höchst populären philosophischen Spezies.

Brücken sind gefährliche Orte. Da treffen sich zum Beispiel in Theodor Fontanes Ballade „Die Brück ́ am Tay“ in einer Orkannacht drei nicht minder boshafte Hexen an dem Pfeiler, der die damals hochmoderne Eisenbahnbrücke über den Firth of Forth trägt. Die drei kommen überein, die Brücke mitsamt dem fahrplanmäßig herannahenden Nachtzug („der muss mit!“) in die wütende See zu stürzen, um sich am Anblick der Katastrophe zu ergötzen: „Tand, Tand, Tand ist das Gebilde aus Menschenhand.“ Dekonstruktion als Prinzip und als Genussmittel. Die Zerstörung von Brücken ist ein Herzensanliegen übler Mächte.

Das Betreten einer Brücke birgt freilich in jedem Falle unkalkulierbare Risiken in sich. Brücken verbinden nämlich immer ein Hüben und ein Drüben und dazwischen gähnt ein wildes Gewässer, eine Schlucht, ein Abgrund; das gilt nicht allein für die geographisch vorhandenen Brücken, es gilt vor allem für die ebenso realen Brücken in der menschlichen Psyche, jene vom Hüben des vertrauten Lebens hinüber in das Drüben einer von sämtlichen Zivilisationen tradierten Jenseitswelt. Man mag einwenden, solche Vorstellungen seien doch „nur“ Mythologie, was freilich nichts an der historischen Tatsache ändert, dass ohne die Voraussetzung allgemeiner Glaubensgewissheiten von einer Dualität von „Diesseits“ und „Jenseits“ keine Kultur hätte erwachsen können. Dokumentieren doch die ersten Zeugnisse menschlicher Kultur den ehrfürchtigen Umgang unserer Urahnen mit ihren Verstorbenen, was bedeutet, dass das Hüben eine Entsprechung im Drüben haben muss. Und dazwischen eine Brücke. In nordeuropäischen Mythologien erfüllt der Regenbogen die Brückenfunktion: auf ihm sollen die Seelen posthum ins Jenseits gehen. Und Acht geben, dass sie nicht in den Abgrund stürzen, der Pfad ist nämlich schmal wie ein Messerrücken. Denn dazwischen gähnt ein Tod sogar jenseits der leiblichen Tode. Und wie es da drunten aussieht, darüber belehrt uns die Tiefenpsychologie.

Der Tod erfüllt selbst eine Brückenfunktion, so oder so. Überall auf dem „Mitteleuropäischen Kontinent“ stehen tausende Brücken unter dem Schutz von Statuen des heiligen Nepomuk (1350-1393). Derselbe war Kaplan am Hofe des böhmischen Königs Wenzel IV. und soll gleichzeitig Beichtvater von dessen Gemahlin gewesen sein. Der krankhaft eifersüchtige König soll von Nepomuk gefordert haben, ihm den Inhalt der Beichte der Königin zu verraten. Nepomuk weigerte sich standhaft, das beeidete Siegel absoluter Verschwiegenheit zu brechen. Der König ließ ihm zunächst die Zunge ausreißen, daraufhin wurde der an einen Mühlstein gefesselte Priester von der heutigen Karlsbrücke zu Prag in die Moldau gestürzt. „Und auf allen Brücken spucken / lauter lauter Nepomuken“, schrieb der noch sehr jugendliche Rainer Maria Rilke in Anspielung auf die Nepomukstatue in seiner Heimatstadt und auf die Heerscharen von Nepomuken im Alten Österreich. Im Glauben Nepomuks freilich gestaltete sich der Sturz von der Prager Brücke als Brückenerlebnis auf seinem Weg in den Himmel.

Als brückenfeindliche Dekonstruktivisten outeten sich die Angehörigen jener Soldateska, die 1993 im bosnischen Krieg die feenhaft elegante Brücke von Mostar zerstörten. Das architektonische Meisterwerk fungierte nicht allein als Verbindung zwischen zwei Stadthälften, sie galt auch als Symbol einer Symbiose von Orient und Okzident. Inzwischen ist die durch Granatenbeschuss dekonstruierte Brücke wieder rekonstruiert worden, eine Kopie zwar, aber immerhin.

Wer auf dem Vorplatz des Bahnhofes Santa Lucia zum ersten Mal den Boden Venedigs betritt, sieht vor sich den Canal Grande und links daneben die Scalzi- Brücke, Ouverture zum Eintritt in die Brückenstadt par excellence. Eigentlich erscheint uns Venedig wie ein Bühnenbild für unsere eigenen inneren Brückenerfahrungen und Brückenträume, weshalb wir die Stadt trotz Tourismus in hellsichtigeren Momenten als einen metaphysischen Ort zwischen carnevalistischer Lebensfrenesie und schwarzer Todesfaszination empfinden können. Ausgerechnet an diesem venezianischen Ballett der Brücken und der Kanäle wollten am Beginn des 20. Jahrhunderts die Futuristen ihren Dekonstruktionswahn ausleben. Sie forderten ultimativ die Sprengung der Paläste, die Einebnung der Kanäle und die Errichtung einer Autobahn über dem zugeschütteten Canal Grande. Ritzeratze voller Tücke. Max und Moritz als dekonstruktive Terroristen.

Um der Zerstörung willen, aus Lust an der Qual der Opfer ihrer „Lausbubenstreiche“ zersägen Max und Moritz in ihrem dritten Streich die Brücke, um den Schneidermeister Böck in Lebensgefahr zu bringen. Im vierten Streich verüben sie bereits einen Sprengstoffanschlag auf den Lehrer Lämpel. Und so weiter. Dekonstruktive Zeitgenossen aller Zeiten legitimieren ihr Tun mit der Ausrede, dass sie ja nur eine „bessere Welt“, eine noch „bessere Gesellschaft“ aufzubauen bestrebt seien. Allerdings ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Mitleid für die Millionen realer Menschen aus Fleisch und Blut, welche der „notwendigen“ Dekonstruktion zufällig im Wege stehen. Max und Moritz zu welthistorischer Größe aufgeblasen.

Nicht ohne Grund erachteten die Römer der Frühzeit ihre Brückenkonstruktionen über den damals noch wild dahinschießenden Tiber als unabdingbar für den Verkehr zwischen Nord und Süd, für ihr Gemeinwesen. Später errichteten sie überall in ihrem Weltreich Brücken und Aquädukte. Die Zeugnisse ihrer Leidenschaft für Brücken gipfelten in der Einrichtung des sowohl priesterlichen als auch säkularen Amtes des PONTIFEX MAXIMUS, des obersten Brückenbauers. Amt und spirituelle Funktion haben das Imperium Romanum über die Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag überdauert. Eine Brücke jedenfalls, die den unermüdlichen Bemühungen von Max und Moritz bisher widerstanden hat. Dennoch „Ritzeratze“. Man wird sehen...

Bertram Karl Steiner
* 1948 in Niederösterreich. Lebt und arbeitet in Kärnten, war Lehrbeauftragter an der Universität Brest, später Kulturchef der KTZ. Verfasser mehrerer Bücher über Kärnten.

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