Herzlich
Willkommen auf der
Kulturhomepage der Kärntner Landesregierung


Ihr Kulturreferent Landeshauptmann Dr. Peter Kaiser
Veranstaltungstipps, Nachlese und Kulturnews aus ganz Kärnten.

Eine erhellende Welt.Raum.Fahrt

« zurück

Beitrag teilen

Werkstättengespräch - Eine erhellende Welt.Raum.Fahrt

geschrieben am 29.05.2019 11:45

Mit dem Kärntner Himmelsforscher Christoph Lhotka bis an den <Wissens>Horizont ... und noch ein Stückchen weiter.


Gibt es eine künstlerische Arbeit zum Mond, die Sie berührt?

Da fällt mir zuerst „Fly Me To The Moon“von Frank Sinatra ein, ich summe es gerne vor mich hin, wenn ich im Mondlicht spazieren gehe. Faszinierend finde ich die alten Vorstellungen einer Reise zum Mond in „Von der Erde zum Mond“ von Jules Verne, oder das Bild vom Mann im Mond im Film von Georges Méliès. Am meisten berührt hat mich mit ca. neun Jahren die NASA-Fotografie „Earthrise“ (1968), die den Blick über die Mondoberfläche auf die Erde abbildet.

Astronom*innen beschäftigen sich mit großen Dingen – großen Sternen, Galaxien, großen Distanzen – aber auch mit großen Fragen der Menschheit, etwa jenen nach der Entstehung des Universums und des Lebens, nach der Unendlichkeit ... Wie sind Sie persönlich im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Religion und Philosophie verortet?

Die Spannung zwischen Wissenschaft, Religion und Philosophie ist sehr wichtig und ermöglicht deren „Evolution“. Viele Reibungspunkte zwischen Wissenschaft, Religion und Philosophie sind allerdings weniger wichtig, als sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Die Astronomie gilt als eine der ältesten Wissenschaften des Menschengeschlechts, sie übt großen Einfluss auf die Entwicklung des Weltbildes und der Kulturen aus. Was begeistert Sie daran?

Erkenntnisse aus der Astronomie widersprechen oft unseren alltäglichen Erfahrungen, die wir hier auf der Erde machen. Das fasziniert mich: „terrestrische“ Erfahrungen hinter sich zu lassen, um die Welt über uns begreifbar zu machen.

Der Erdmond bewegt die Weltmeere. Welchen Einfluss hat er auf den zu einem Großteil aus Wasser bestehenden Menschen?

Der Erdmond bewegt nicht nur die Weltmeere. Er bewegt den festes Boden unter unseren Füßen bis zu einem Meter pro Tag. Die Weltraumforschung ermöglicht uns, diesen Einfluss des Mondes auf die Gezeiten zu vermessen, der Einfluss des Mondes auf das „Wasser im Menschen“ wurde noch durch keine wissenschaftliche Disziplin nachgewiesen.

Seit dem 19. Jahrhundert sind zur Entstehung des Erde-Mond-Systems mehrere Theorien entwickelt worden. Die Kollisionstheorie gilt derzeit als die wahrscheinlichste?

Diese Theorien müssen die heutigeZusammensetzung der Erde und des Mondes sowie deren gemeinsame Bewegung um die Sonne erklären. Kollisionen von Protoplaneten waren in der Frühphase der Entstehung unseres Sonnensystems sehr häufig. Eine Kollision des marsgroßen Protoplaneten Theia mit der Protoerde Gaiavor ca. 4,5 Milliarden Jahren erklärt ganz gut das heutige Erde-Mond-System. Der Theorie nach hat sich Theia in der Bahn von Gaia befunden. Die beiden Himmelskörper sind kollidiert, weil die anderenPlaneten ihre Bahn gestört haben. Währendaus Gaia und einem Teil von Theia die heutige Erde entstanden ist, hat sich der Mond aus den verbleibenden Trümmernsehr nahe an der Erde geformt. Die Gezeitenhaben schließlich dazu geführt, dass sichder Mond von der Erde entfernt und gleichzeitig die Tageslänge der Erde auf den heutigen Wert reduziert hat.

Am 21. Juli 2019 wird sich das epochale Ereignis der ersten Mondlandung zum 50. Mal jähren. Könnte man die Fußspuren von Neil Armstrong heute noch auf der Mondoberfläche finden?

Sie werden noch lange zu sehen sein. Der Einschlag von Meteoriten, kleinere Mondbeben und geladener Staub können die Fußabdrücke in Mitleidenschaft ziehen, die nächste Generation an Raumfahrer*innen wird diese aber sicher noch sehen und hoffentlich auch bewahren.

Bis heute haben 12 Männer den Mond betreten. Was hat die Menschheit dank der Apollo-Missionen gelernt?

Sehr viel über die chemische Zusammensetzung des Mondgesteins. Aufbau und Alter des Gesteins haben es uns ermöglicht, die Entstehung des Mondes besser zu verstehen. Mit einem Sonnensegelexperiment konnte die Zusammensetzung des Sonnenwindesuntersucht werden. Nicht zu vergessen ist die Platzierung der Retroflektoren aufdem Mond. Durch präzise Vermessung der Erd-Mond-Distanz mittels Laserlicht wird bis heute die Gravitationsphysik getestet und die Rotation des Mondes bestimmt. Hieraus können wir wiederum etwas über seinen inneren Aufbau lernen.

Zahlreiche Mondfahrten sind fehlgeschlagen, Menschen haben für diesen Traum ihr Leben gelassen. Dennoch macht uns das Faszinosum des Unbekannten unermüdlich. Das Scheitern gehört zum Raumfahrtgeschäft ... wie zum Leben?

Jedem Scheitern steht das Wissen gegenüber, wie man es beim nächsten Malbesser (nicht) machen sollte. Wer scheitert und nicht müde wird es trotzdem weiter zu versuchen, wird am Ende des Tages Erfolg haben. In der Wissenschaft und auch im Leben.

Warum hat seit 1972 kein Mensch mehr den Mond betreten? Wäre es derzeit überhaupt möglich, Menschen zum Mond zu fliegen?

Die Prioritäten in der bemannten Raumfahrt haben sich nach dem Apollo-Programm verändert. Ein Schwerpunkt war der Betrieb von bemannten Weltraumstationen: Skylab, Mir, ISS, Tiangong. Die bemannte Raumfahrt kostet viel Geld und wird nach wie vor ausschließlich von Staaten finanziert. Ich denke, wir wären jederzeit fähig innerhalb kürzester Zeit Menschen wieder auf den Mond zubringen. Die Frage ist, ob wir uns das auchleisten können oder sollen.

Der Tesla-Gründer und Raumfahrtunternehmer Elon Musk will 2023 den japanischen Milliardär Yusaku Maezawa ins All schicken. Als erster Weltraumtourist soll er den Mond umrunden, gemeinsam mit einigen Künstler*innen aus aller Welt. Wasmeinen Sie zu kommerziellen Weltraum-flügen?

Von diesem Vorhaben höre ich von Ihnen gerade zum ersten Mal. Finde ich gut. Astronauten berichten, dass ihre Weltraumausflüge ihnen eine neue Sicht auf die Welt ermöglicht haben. Was gibt es besseres, als einen Milliardär, der mit einem positiven Weltbild aus dem All zurückkehrt?

Wie weit könnten Weltraumreisen in Zukunft möglich sein?

Der Mensch wird in naher Zukunft (in 100 Jahren?) das Sonnensystem bereisen. Vielleicht werden wir in ferner Zukunft Generationenschiffe bauen, um das Sonnensystem zu verlassen. Warum nicht?

Wie beurteilen Sie die Wahrscheinlichkeiten von außerirdischem Leben?

Wir beobachten heute tausende Planetenund sind gerade auf der Suche nach einer zweiten Erde. Am Institut für Weltraumforschung haben wir dazu eine eigene Forschungsgruppe. Leben hat auf der Erde überall eine Nische gefunden. Wenn die Bedingungen für das Leben auch anderswo im Universum gegeben sind, warum sollte es dort dann kein Leben geben?

Welchen Beitrag liefert die Raumfahrt zum irdischen Alltag – etwa in Form technischer Errungenschaften, gesellschaftlicher Entwicklungen ...?

Die Liste ist sehr lang, der Technologietransfer ein wichtiges Thema! Mir fallen da spontan ein: die Weiterentwicklung des Computers, Positionierungssysteme (GPS) oder die Erhebung von Messdaten zu Wetter und Klimawandel.

Bringt das Universum die Menschen einander näher?

Das Weltall ist sehr groß und bietetausreichend Platz und Ressourcen für allevon uns. Unser Lebensraum auf der Erdeist sehr klein und kostbar, vielleicht bringtuns diese Erkenntnis einander näher ... und hoffentlich eines Tages gemeinsam in den Weltraum.

Der Wettlauf zum Mond der 60er-Jahre stand im Zeichen des Kalten Krieges. Wie steht es heute in extraterrestrischen Angelegenheiten um Nationalismen und die politischen Welt<raum>Beziehungen? 

Nationalismen stehen der Wissenschaft im Wege – im Weltraum genauso wie auf der Erde. Die Erforschung des Kosmos erfordert internationale Anstrengungen bzw. Beziehungen.

Lange galt der Mars als Objekt der Begierde im Weltraum. Jetzt ist der Mondzurück im Rampenlicht. Israel, Indien, China ... weltweit wird wieder zum Erdtrabanten gestrebt. Der neue Wettlauf zum Mond?

Wahrscheinlich. Und ich denke China wird gewinnen. Wir Europäer*innen müssen uns aber nicht abhängen lassen.

China betreibt ein internationales Muskelspiel und will bis 2045 die dominierende Macht im All sein. Manche meinen, mit seinem in einem streng hierarchischen System funktionierenden Weltraumprogramm, sei es dafür ein potentieller Kandidat. Andere entgegnen, dass herausragende wissenschaftliche Leistungen nur in einem frei und auch kritisch denkenden Umfeld entstehen können. Was glauben Sie?

Man kann auch dominierende Macht im Weltraum sein, ohne Wissenschaft zu betreiben. Das trifft auf alle politischen Mächte auf dieser Erde zu. In China leben wunderbare Menschen, wie überall auf der Welt. Ich habe selbst drei Monate in Shanghai gearbeitet und schätze diechinesischen Kolleg*innen meines Faches sehr. Wissenschaft braucht Menschen mitbesonderen Fähigkeiten und Geld, damit sie auch arbeiten können. China hat beides: begabte Menschen und das Geld, sie zu finanzieren. Ein frei und kritisch denkendes Umfeld ist aber auf jeden Fall notwendig.

Welche Geheimnisse birgt der Mond noch, was sind die aktuellen Forschungsfragen?

Wir kennen den inneren Aufbau des Mondes noch nicht sehr gut und fragen uns, inwiefern unser Erdmond die Entwicklung des Lebens auf der Erde begünstigt hat. Das Erde-Mond-System hat sich gemeinsam entwickelt, der Mond sich aber anders als die Erde. Die Oberfläche des Mondes erzählt uns daher eine andere Geschichte über die Vergangenheit unseres Sonnensystems.

Würden Sie gern zum Mond fliegen? Wenn ja, zu welchem?

Zu allen! Auf dem Erdmond würde ich Weitspringen trainieren, auf dem Jupitermond Europa Schlittschuh laufen und auf dem Saturnmond Titan in einem Boot auf einem der Methanseen treiben und mir in aller Ruhe die Ringe des Saturns ansehen.

Bitte erzählen Sie uns von Ihren Forschungsarbeiten am Titanmond des Saturn:

Ich habe während meiner Zeit in Italien an der Cassini-Huygens-Mission zum Saturn gearbeitet. Meine Aufgabe war es herauszufinden, wie der Mond Titan rotiert und wie sein innerer Aufbau beschaffen sein könnte.

Der Erdmond birgt auch interessante Ressourcen. Welche Formen der wirtschaftlichen Nutzung des Mondes sind reizvoll und denkbar?

In den polaren Kratern auf dem Mond gibt es mehrere hunderte Tonnen Wassereis. Das Wasser könnten wir nutzen für Missionen in den interplanetaren Raum oder zum Mars. Seltene Elemente auf der Erdoberfläche gibt es wahrscheinlich in großen Mengen auf den Asteroiden imSonnensystem. Manche davon fliegen sehrnahe an uns vorbei – wir könnten ihre Ressourcen zum Wohle der Menschheit sicher auch auf dem Mond abbauen.

Ist aus heutiger Sicht eines Tages Lebenauf dem Mond vorstellbar?

Leben in einem künstlichen Habitat, ja. Leben auf der Mondoberfläche, nein.

Wie sehen Sie Kärnten ... vom Mond ausbetrachtet?

Kärnten ist ein sehr gastfreundliches Land und wäre ein idealer Ort für internationale Astronomie- und Weltraum-Tagungen. Kärnten ist meine Heimat, ich liebe die Berge, die Seen, die Menschen und das Essen. Und ich möchte auch eine Frage stellen: Werden in Kärnten junge, motivierte Menschen auch ausreichend gefördert?

Gabbi Hochsteiner
Chefredaktion DIE BRÜCKE

Interessiert? Bleiben Sie mit dem Kulturchannel in Verbindung!

Wir auf Facebook

Newsletter abonnieren

Erhalten Sie aktuelle News und Veranstaltungen per E-Mail.


Mit Absenden meiner Anfrage erkläre ich mich damit einverstanden, dass die von mir in das Formular eingegebenen personenbezogenen Daten elektronisch gespeichert und zum Zweck der Versendung von Newslettern durch das Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung 14 - Kunst und Kultur erhoben, gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Ich habe die Datenschutzbestimmungen gelesen und bin mit ihnen einverstanden.