Herzlich
Willkommen auf der
Kulturhomepage der Kärntner Landesregierung


Ihr Kulturreferent Landeshauptmann Dr. Peter Kaiser
Veranstaltungstipps, Nachlese und Kulturnews aus ganz Kärnten.

GRÜNraum STADTraum LEBENsraum

« zurück

Beitrag teilen

GRÜNraum STADTraum LEBENsraum

geschrieben am 30.11.2018 08:50

Plädoyer für eine neue Art der Planungskultur. 


Aktualität. Die demographische Entwicklung des Landes Kärnten zeigt unmissverständlich, die Einwohner*innenzahlen Kärntens werden zurückgehen. Ausgenommen sind jene Bereiche um die Statutarstädte im Zentralraum, ihnen wird noch ein Wachstum prognostiziert. Die Jugend geht. Sie verlässt den ländlichen Raum aber auch teilweise das Bundesland. Wieso soll<t>en sie bleiben und was macht es einzigartig, hier zu leben? 

Eine aktuelle Umfrage in der Klagenfurter Bevölkerung im Zuge der Erarbeitung eines Leitbildes für die Landeshauptstadt ergab: Das wichtigste Entscheidungskriterium für die Wahl des Lebensmittelpunktes ist hohe Lebensqualität. Das bedeutet dann aber auch, dass wir dringend diese besonderen Qualitäten erkennen und sie als höchstes Gut und wichtigste Ressource entsprechend ernst nehmen müssen, um diese Einzigartigkeit auch für künftige Generationen zu bewahren.

Die klimatischen Veränderungen der letzten Jahre mit überproportionaler Hitze in den Sommermonaten und dem Starkregen in der Übergangszeit geben zudem einen Ausblick darauf, was uns in Zukunft bevorsteht. Um damit bestmöglich umgehen zu können, ist eine Neuorientierung in den grundsätzlichen Zugängen zur Stadt- und Gemeindeentwicklung dringend notwendig. Geschichtlich gesehen gibt es dafür gute Anhaltspunkte und umfassende Studien, Handlungsempfehlungen und realisierte Beispiele.

Gartenstadt Idee. In der Gartenstadtbewegung bestand der Leitgedanke zur „Stadt der Zukunft“ in der Verbindung eines natürlichen grünen Umfeldes mit den Vorteilen der Stadt. Sie wurde von Planungstheoretikern wie Theodor Fritsch (1852-1932) und Ebenezer Howard (1850- 1928) vertreten. Die urbane Agglomeration sollte ein organisches Wesen mit vernünftiger Gliederung sein. 1902 veröffentlichte Ebenezer Howard ein Buch, das heute mit dem Titel „Gartenstädte von morgen„ weltbekannt ist. Er untersuchte eingangs die Bevölkerungsverschiebung der beiden Wirtschaftsfaktoren Landwirtschaft und Industrie. Er kam zum Schluss, dass durch wirtschaftliche Verhältnisse ein Ausgleich zwischen Stadt und Land geschaffen werden müsse, um das grenzenlose Wachstum der Städte ebenso einzudämmen wie auch den Rückgang der Landbevölkerung. Er sah die Lösung im neu zu schaffenden Stadt-Land-Gefüge bzw. in der Gartenstadt.

Der aus Kärnten stammende und in Wien praktizierende Architekt Roland Rainer knüpfte an die Wiener Gartenstadtbewegung an. Er entwickelte klassische Gedanken in wegweisenden Schriften (Die Behausungsfrage, 1947 – Ebenerdige Wohnhäuser und Städtebauliche Prosa, 1948 – zusammen mit Johannes Göderitz und Hubert Hoffmann: Die gegliederte und aufgelockerte Stadt, 1957). Sein wichtigstes realisiertes Projekt ist die Gartenstadt Puchenau. Darüber hinaus wies er immer wieder auf das Verhältnis von Mensch zu Natur hin und unterstrich, dass ein bloßes Betrachten dessen zu wenig sei und es eine umfassende ernsthafte Beschäftigung mit der Natur bereits im Kindesalter geben muss.

Seine Tochter, die Klagenfurter Architektin Eva Rubin, realisierte wichtige Wohnprojekte in Kärnten. Ihre Arbeiten zeichnet der Bezug zum bestehenden Naturraum aus, der sanft in ihre Wohnprojekte integriert wird und von Beginn an eine hohe Lebensqualität gewährleistet. Dabei legt sie den Fokus auf den menschlichen Maßstab und auf eine lebenswerte Ausnutzung der Baugrundstücke. Ihre Quartiere sind leistbar aber nicht auf Kosten der Wohnumgebung. Mit ihren Projekten aber auch durch ihr Engagement als Lehrende an der Fachhochschule Kärnten prägte sie viele junge Studierende und angehende Architekt*innen.

Grünraum vs. Stadtraum. Bei vielen übergeordneten städtebaulichen Überlegungen wird der Landschafts- und Grünraum unzureichend behandelt. Wenn wir daran denken, wie gerne und oft wir uns in den „grünen Oasen“ von Klagenfurt aufhalten, so ist es doch befremdlich, dass wir diese Wohlfühlorte immer stärker durch Verbindungsstraßen beschneiden und einengen und uns damit langfristig diese Qualitäten zunichtemachen. Das Credo sollte vielmehr lauten: Wie können – mit jedem auch noch so kleinen Eingriff – die Qualitäten dieser Orte gestärkt werden? In diesen Bereichen, die einen hohen Einfluss auf das Zusammenleben und die Lebensqualität haben, darf es keine Verschlechterungen geben – denn diese können wir uns nicht leisten!

Nach wie vor werden Gebäude isoliert als Objekte betrachtet und das Hauptaugenmerk wird zu wenig auf die Zwischenräume gelegt. Dabei sind die Räume zwischen den Häusern jene Bereiche, die ausschlaggebend dafür sind, ob eine Stadt oder Gemeinde hohe Lebensqualität aufweist oder nicht. Diese Schwellen- oder Übergangsbereiche werden in der Architekturpsychologie als halböffentliche Bereiche deklariert. Sie bieten die Möglichkeit der räumlichen Aneignung durch zwischenmenschliche Nutzung, was wiederum ein Indikator für das Funktionieren dieser Zonen und eines zusammenhängenden Stadtorganismus ist.

Viele Neubauquartiere haben gerade diese Fähigkeiten verlernt. Zu viel wird dem Ausdruck des Einzelnen geopfert – zu wenig nimmt Bezug über die Grundstücksgrenzen hinweg und interagiert mit dem Stadtraum. Wenn der Fokus allzu stark auf die Aussicht und den Freiraum des Einzelnen ausgerichtet ist, kann nur sehr schwer ein kollektives und gemeinwohl-orientiertes Ganzes entstehen. Durch diverse planerische Instrumente könnten hier Verbesserungen erzielt werden. Dies sollte aber nicht über die Köpfe der Bevölkerung hinweg geschehen, sondern gemeinsam mit ihr. Dazu wären natürlich eine umfassende Beschäftigung und ein Wissenstransfer im Vorfeld notwendig. Es gibt dafür bereits einige Initiativen im Land, die sich gerade in diesem Bereich für Jung und Alt engagieren, wie das Architektur Haus Kärnten und ARCHITEKTUR_SPIEL_RAUM_KÄRNTEN. Ein zusammenhängendes Dorf oder eine besondere stadträumliche Qualität können nur dann entstehen, wenn sich auch Einzelne daran beteiligen. Wir brauchen dazu wieder ein stärkeres Verständnis für das Gemeinsame. Ralph Waldo Emerson meinte diesbezüglich, erst baue des Menschen Geist sich ein Haus, dann baue das Haus den Geist des Menschen. 

Lebenswerte Siedlungsstrukturen und Organismen. Wie schaffen wir es wieder an die hochwertigen Siedlungsstrukturen der Vergangenheit anzuknüpfen? Geschichtliche leistbare Vorbilder, wie die Kanaltalersiedlung in Klagenfurt aber auch die Neue Heimat in Villach gibt es zur Genüge. Nach außen findet sich eine städtische Struktur mit Straßen, Zugangswegen, geschlossenen, unaufgeregten aber zusammenhängenden, raumbildenden Hausfassaden und Vorgärten. Nach innen hingegen erleben wir eine hochwertige Grünzone mit ausreichendem Baumbestand und unterschiedlichsten Möglichkeiten der Aneignung durch die Bewohner*innen. Im Gegensatz zu vielen Neubauquartieren, die leider allzu oft dem Einzelindividuum geschuldet, isoliert auf einzelnen Grundstücken verharren und mit sogenannten Abstandsgrün – das weder für die dortigen Anrainer*innen, noch für den Stadtraum dazwischen befriedigend erscheint – auskommen müssen. Wo diese sogenannten „Wohnbauten“ beginnen, endet die Stadt. Ausnahmen gibt es, wie die beiden kürzlich in Klagenfurt realisierten gemeinnützigen Bauvorhaben „Neues Wohnen an der Glan“ und das „Wohnen in der Einigkeitsstraße“. Hier wurde nicht Wohnbau gedacht, sondern der Versuch unternommen, ein Stück Stadt zu bauen. 

Gemeinsames Ganzes. Aus dem Blick des Einzelindividuums mag es nicht ganz nachvollziehbar sein, aber wir müssen ein gemeinsames Ganzes planen, denn jeder einzelne Teil formt irgendwann eine Stadt. Je diffiziler und zusammenhängender die Puzzleteile gedacht werden, desto hochwertigere Aufenthaltszonen, Plätze, Freibereiche, Gassen, und Wohlfühlorte können für das Zusammenleben entstehen. Eine gewisse gebaute Enge wie es in den Altstädten der Fall ist, brauchen wir, um die unwiederbringlichen Flächen nicht zu vergeuden und damit eine Weite, wie beispielsweise in Form eines Platzraumes oder Grünraumes, für uns wieder spürbar und erlebbar wird. Wir brauchen eine neue Art der Planungskultur, die über Gebäudegrenzen hinausgeht und sich insbesondere mit dem ganzheitlichen Leben dazwischen beschäftigt.

Elias Molitschnig
* 1981, lebt in Klagenfurt, Architekt, arbeitet in der Stadt und Ortsentwicklung, in Agenden der Baukultur und im Bereich des Kommunalen Bauens in der fachlichen Raumordnung beim Amt der Kärntner Landesregierung. Nebenberuflich Lehrender: FH Kärnten, TU Wien, BOKU Wien. Gemeinderat in Klagenfurt. Vorstandsmitglied im Architektur Haus Kärnten. 

Interessiert? Bleiben Sie mit dem Kulturchannel in Verbindung!

Wir auf Facebook

Newsletter abonnieren

Erhalten Sie aktuelle News und Veranstaltungen per E-Mail.


Mit Absenden meiner Anfrage erkläre ich mich damit einverstanden, dass die von mir in das Formular eingegebenen personenbezogenen Daten elektronisch gespeichert und zum Zweck der Versendung von Newslettern durch das Amt der Kärntner Landesregierung, Abteilung 14 - Kunst und Kultur erhoben, gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Ich habe die Datenschutzbestimmungen gelesen und bin mit ihnen einverstanden.