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Ute Aschbacher "Legenden aus der Bretagne" Malerei, neue Arbeiten

11.05.17 - 15.09.17
Kunstraum Villach, Hauptplatz 10 (Hofwirtpassage), 9500 Villach


Bretonische Geräusche, Gerüche und Legenden

Bretagne… „Breizh“ auf Bretonisch, der Landessprache; es waren christliche Kelten aus Britannien, aus Cornwall und Wales, welche ihr archaisches Idiom über den Ärmelkanal herüber ins heutige Frankreich gebracht haben. Sie waren auf der Flucht vor heidnischen germanischen Stämmen aus Skandinavien gewesen, die im Begriffe waren, ihre alte Heimat gewaltsam zu unterwerfen. Dorf um Dorf, Pfarrgemeinde um Pfarrgemeinde besteigen sie ihre Boote und segeln mit ihren Pfarrern nach Süden. Sie nehmen ihre Sprache mit, ihren Glauben und ihre Mythen. Ihre neuen Siedlungen benennen sie nach ihren Pfarrern und ihren zahllosen traditionellen Heiligen: Plougonvelin, Plouescat, Ploufragan, Plouarzel…, wobei „Plou“ die Gemeinde bezeichnet, jeweils gefolgt vom Namen des Pfarrers, des Heiligen oder eines markanten Kultortes ihrer britannischen Heimat.

„Breizh“ also: das singt in den Ohren wie das Rascheln der von der steigenden Flut  geschobenen und gewaschenen Kieselsteine an den Stränden, wie das scharfe Zischeln des dauernden Windes in den Hecken am Rande der Wege. Mehrmals am Tage fällt unvermittelt ein lauer Sprühregen übers sattgrüne Land, der „Crachin“, es ist unmöglich sich mit Hilfe eines Schirmes gegen diese Dusche zu schützen, der Regen hüllt den Wanderer von allen Seiten ein, es scheint, als regnete es von oben und unten zugleich. „Breizh“… Wassertröpfchen rieseln leise, fast unhörbar über das Blattwerk, sammeln sich in Pfützen. In den Kaminen knacken die Äste und die Holzscheite unter den Kesseln, in welchen urtümliche Speisen köcheln. Zu den Tagen des Herbstäquinoktiums schwillt der Wind zum Orkan, dann muss man die Balken vor den Fenstern schließen und man wird keines Geräusches mehr gewahr, als dem fernen Donnern vom Atlantik her. Jeder Atemzug schmeckt nach Salz und Rauch und nach angeschwemmtem Tang.

Wer sich allerdings spirituell auf „Breizh“ einlässt, auch wenn es ihn als Fremden ans „Ende der Welt“, nach „Pen ar Bed“ verschlagen hat, der hört, durch das Gebrüll der Wogen, mitunter die durchdringenden Stimmen der Geister: „Au secours!“, zu Hilfe! Aber niemand vermag da zu helfen, denn Meilen vor der Küste ist ein Matrose über Bord gegangen und jetzt schreit er im Todeskampf, überschreit das Chaos. Am nächsten Morgen wird man in der Bar unten davon berichten; niemand wundert sich. Sie sind dergleichen gewohnt, die Bretonen, der Umgang mit der „Anderwelt“, dem „Anaon“, dem Totenreich ist ihnen vertraut. Sie wundern sich nicht, wenn ein junges Mädchen, das sie als nächtliche Autostopperin mitgenommen hatten, plötzlich bei voller Fahrt aus dem Wagen verschwindet, nachdem sie ihre Wohnadresse mitgeteilt hat. Sie stimmt, die Adresse, nur ist das Mädchen schon seit Jahr und Tag tot. Niemand in der  Bretagne entgeht dem Zuruf der Geister, niemand der Übermacht der Anderwelt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist der bretonische Forscher Anatole Le Braz in Finistère von Haus zu Haus gezogen, um die alten Leute nach ihren Erinnerungen zu befragen, er wirkte hier parallel mit dem Kärntner Georg Graber, ohne dass die beiden von einander gewusst hätten. Sein Werk, die „Légende de la Mort en Bretagne Armoricaine“ bleibt bis heute unentbehrlich für jeden, der in die Aura dieses im Wortsinne der Welt abhanden gekommenen Region eintauchen möchte. Da ist von Erfahrungen die Rede, die der Mensch von heute allzu gerne verdrängt: Wir alle sind vom Tode umsessen, wir werden ihm und seinem Fuhrmann, dem „Ankou“ früher oder später in die Hände fallen, wir müssen hellhörig werden, damit wir die Vorzeichen enträtseln, vor allem aber, um noch rechtzeitig fromm zu werden. Diese unsere Alltagswelt ist nichts anderes, als ein dunkler Warteraum, ein ephemeres Wirtshaus, wo wir rasten und noch einen letzten Schnaps heben dürfen, ehe wir den quietschenden Karren des Ankou zu besteigen haben, der uns hinüber transportiert. Da ist es gut, wenn der Mensch Frieden mit seinem Schöpfer gemacht hat.

Wer nun die Geschichten des Anatole le Braz parallel mit den Kärntner Sagen des Georg Graber liest, der stellt nach wenigen Seiten fest, dass wir uns im gleichen psychischen Raum befinden, abgesehen von den über zweitausend Kilometern Distanz zwischen Kärnten und der Bretagne. Hier wie dort die nagende Sorge um den Tod, die Furcht, dem Leben etwas schuldig geblieben zu sein, die Aufmerksamkeit auf die geringsten Anzeichen einer ultimativen Gefahr. „Ankünden“ heißt das in Kärnten, „Les intersignes“ bei den Bretonen: In der Christnacht erzählen die Rinder einander, was den Hausleuten widerfahren wird, und wie in Kärnten feiern die unerlösten Armen Seelen in verfallenen Kirchen ihre Christmette. Man muss aufpassen, die Türen ins Jenseits öffnen sich überall und jederzeit. Eigentlich gibt es das Diesseits gar nicht so richtig. Das Diesseits ist im Gegensatz zum Jenseits eine Illusion.

Wahrscheinlich gibt es nur sehr wenige Kärntner Landsleute, die mit der Bretagne vertraut sind, die sich von den Stürmen haben treiben lassen oder denen der Dauerregen ins Genick geronnen ist. An der Pointe du Raz, an der Pointe Saint Matthieu türmen sich gigantische Wogen, durchscheinend grün leuchten sie im Sonnenuntergang und wer sich über die Lippen leckt, der schmeckt das Salz.

Ute Aschbacher hat sich dieser Erfahrung ausgesetzt, ihre bretonischen Bilder „tönen“ gewissermaßen, man glaubt die Geräusche zu hören, als wären sie aufgezeichnet worden, eine Art optischer Klangkonserve: Die Kieselsteine rascheln, die Wogen donnern und dazwischen hören wir die scharfen, durchdringenden Stimmen der Geister…

Bertram Karl Steiner   

 

    

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