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RATTENSTURM. Angriff auf ein Sinkendes. Orchestriert.

13.06.18 - 30.06.18
ke - klagenfurter ensemble, Theaterhalle 11 Messeplatz 1, 9020 Klagenfurt/Celovec


Eine Kriegsoper
von Erling Wold (Musik) und Peter Wagner (Libretto)
nach einer Idee von Gerhard Lehner
Premiere: 13. Juni 2018 20.00 Uhr
(Anlässlich des 100. Jahrestags des Untergangs der Szent István)
weiters 15., 16., 17., 26., 27., 28., 29. und 30. Juni 2018
jeweils 20.00 Uhr
Mitwirkende:
Sebastian Brummer, Martin Ganthaler, Michaela Khom, Angie Mautz, Marilene Novak, Michael Uhlir & Nadine Zeintl

 „Aus ist’s mit dem Leben an der Boje, aus mit dem Hafenleben, addio, ihr Polesanerinnen! […] Die beiden Rauchfänge stoßen Qualm aus, und die Brise fegt die Schwaden inklusive Rußkörnern über Deck; den Offizieren und der Mannschaft tut das nichts, aber die Seefähnriche reiben sich die schwarzen Punkte aus den Milchgesichtern und schnellen die „Heizerflöhe“ von den dottergelben oder weißen Blusen.“
(Egon Erwin Kisch, als „rasender“ Kriegsreporter und Augenzeuge des Untergangs der Szent István 

Ein Jahrhundertprojekt von Peter Wagner und Erling Wold für das klagenfurter ensemble

Mit der Kriegsoper RATTENSTURM. Angriff auf ein Sinkendes, nimmt sich das klagenfurter ensemble Großes vor: Groß, was den Produktionsaufwand betrifft, groß ist aber auch die Erzählung, die wir wagen: Der Untergang der Szent István, der ganze Stolz der k.u.k Kriegsmarine, jährt sich, wie auch das Ende des Ersten Weltkriegs, 2018 zum hundertsten Mal. Angesichts dessen hat sich das ke gemeinsam mit dem Autor und Regisseur Peter Wagner entschlossen, diesen dramatischen und das Ende einer Epoche manifestierenden Ereignissen eine Bühne zu bieten.

Anders als es bei der Versenkung der Szent István geschehen ist, verlassen die Ratten bei Peter Wagner das sinkende Schiff nicht, sie entern es und bringen es stürmend zum Untergang.

Abgesehen von der Dramatik der historischen Ereignisse, steht RATTENSTURM nicht nur für den Niedergang der Österreich-Ungarischen Monarchie, sondern für das Scheitern jedweder Allmachtsfantasien und Überlegenheitsfantasmen. Das Verhängnis der Szent István ist somit in erster Linie als große, von der Geschichte losgelöste Metapher zu verstehen.
Gekonnt verwebt Peter Wagner in seinem Libretto die dokumentierten letzten Stunden des Schlachtschiffes mit Zitaten der literarischen Intelligenzija jener Zeit, welche die Todesfahrt der Szent István wie Begleitschiffe beredt flankieren. Es entsteht ein vielstimmiger, paraphrasierender Kanon zwischen Kriegstreiberei und Kriegsmüdigkeit, der über alle Fronten und Stellungen hinweg Stellung bezieht.
Die mit Versatzstücken aus Minimal Music, Neoromantik und zeitgenössischer Musik korrespondierende, unverwechselbare Komposition des Kaliforniers Erling Wold trägt dabei das Ensemble sicher und zugleich herausfordernd durch die Wogen der Erzählung.

Szent István
Die kurze Geschichte einer großen Hoffnung

Anfang Juni 1918 war es nach vierjähriger Wartezeit endlich soweit: Die SMS Szent István, Pracht und Stolz der k.u.k. Kriegsmarine, sollte in einem kleinen Geschwader auslaufen, um die Seesperre bei Otranto zu durchbrechen – in einem Krieg, der ohnedies verloren war.
Seit seinem Stapellauf im Jahr 1914 war das 25.000 PS starke Schlachtschiff zur Untätigkeit verdammt. Verzögerungen in der Fertigstellung, fortdauernde Fliegerangriffe – vor allem aber die massive Sperre der Meeresenge bei Otranto – hielten die Szent István und ihre rund tausend Mann starke Besatzung im Hafen von Pola de facto gefangen.

Geostrategisch war die k.u.k. Flotte nun in der Adria eingeschlossen, denn die Alliierten kontrollierten den Adria-Ausgang, die nur 80 km breite Straße von Otranto. Nach der damals international herrschenden Seekriegsdoktrin würden sich gegnerische Schlachtflotten in einer einzigen großen kriegsentscheidenden Schlacht begegnen. Um die kostbaren und teuren Schlachtschiffe für diese wichtigste aller Schlachten „aufzuheben“, setzten alle Flotten ihre modernsten großen Einheiten nur sehr zögerlich ein. Die Italiener hatten nicht die geringste Absicht, mit ihrer Flotte die Adria hinaufzufahren und die k.u.k. Flotte zur Entscheidungsschlacht zu stellen, denn die war ja sowieso in der Adria eingeschlossen. Daher lagen die k.u.k. Schlachtschiffe – mit Ausnahme des großen Angriffs auf die italienische Ostküste am Morgen nach der Kriegserklärung – während des ganzen Krieges untätig an ihren Bojen in Pola, die Verpflegung und die Moral wurden immer schlechter.
(Aus einem Internetforum zu „Seiner Majestät Schlachtschiff Szent István)

Der Einsatzbefehl unter dem berüchtigten Vizeadmiral (und späteren ungarischen Reichsverweser) Miklós Horthy am 9. Juni 1918 war für das Schiff und seine Besatzung Befreiung und Verhängnis zugleich: Achthundertdreiundachtzig ihrer neunhundertsiebenunddreißig Diensttage war die Szent István bis auf wenige Übungsläufe ausschließlich im Hafen gelegen, ihre Besatzung hatte die nagelneuen Maschinen gewartet, die Decks geschrubbt und setzte wohl genauso träge Fett an, wie das Schiff Seepocken- und Algenbewuchs.

„Natürlich brannte ich darauf, mit meiner Streitmacht irgendetwas Nützliches zu unternehmen. Die Otrantosperre verursachte damals keine allzu großen Schwierigkeiten für die U-Boote, immerhin war dort einiges zu verrichten. Ihr wesentlicher Endpunkt war der kleine Hafen von Otranto, den die Italiener vermutlich mit einigen 15-cm-Batterien geschützt hatten. Außerdem war er wohl mit Minen gesperrt. Bei Otranto, und von See aus mit Geschützfeuer erreichbar, lagen auch die Hangars der englischen Flugstation, die uns soviel belästigte. Ich arbeitete also einen etwas verwegenen Plan aus, mit vorausfahrenden Minenräumern mit dem Flaggenschiff Erzherzog Karl in den Hafen einzudringen, dort alles, was an Sperrschiffen lag, zu vernichten während die anderen beiden Schiffe die Flugstation und Objekte an Land beschossen. Durch das überlegene Feuer unserer 12 Stück 24-cm und 36 Stück 19-cm-Geschütze hoffte ich, die feindlichen Batterien niederkämpfen zu können. Die Kreuzer und Zerstörer sollten indessen alles, was an Sperrschiffen in See war, zusammenschießen. Die Schlachtschiffdivision hätte ihnen als sicherer Rückhalt gegen die in Brindisi liegenden englischen und italienischen Kreuzer gedient. Es war ein schöner Plan, mit Verlust eines der Schlachtschiffe durch Minen oder Torpedos war jedoch zu rechnen. Aber jetzt war – nach meiner Ansicht – doch schon die Zeit gekommen, die Flotte einzusetzen und etwas zu riskieren. Auch hätte die Mannschaft der großen Schiffe dadurch wieder mehr Kampfgeist bekommen.

Zu meiner großen Enttäuschung nahm Horthy den Plan nicht an. Er schrieb mir, dass er selbst einen Plan für eine größere Unternehmung mit der ganzen Flotte vorhabe.
(Erich Heyssler, Kommandant der k.u.k. Kreuzerflottille)

Das Auslaufen der Szent István an jenem Juniabend stand also unter keinem guten Stern: Die Offensive lag unter strengster Geheimhaltung, sodass übersehen worden war, die Mannschaft an der Hafenbarrikade zu informieren, wodurch erst mit über einer Stunde Verzögerung in See gestochen werden konnte. Aus Furcht vor feindlichen Angriffen auf die Dunkelheit angewiesen, ging das Schiff auf Höchstgeschwindigkeit, was – verstärkt durch frisch gebunkerte und noch feuchte Kohle – eine starke Rauchfahne zur Folge hatte. Die wenig genutzten Maschinen waren enormen Belastungen ausgesetzt…

Libretto, Inszenierung, Bühnen-, Video- und Lichtkonzepte Peter Wagner
Komposition Erling Wold
Musikalische Leitung Alexei Kornienko und Elena Denisova
Orchester Collegium Musicum Carinthia
Bühenmalerei Manfred Bockelmann
Kostüm Markus Kuscher

Korrepetitor Kun Sang Lee
Casting Waltraud Russegger
Regieassistenz Kerstin Haslauer
Produktionsleitung David Guttner
Licht Gottfried Lehner
Ton Konrad Überbacher
Bühnenbau Gottfried Lehner und Siegfried Unterweger
Büro Franz Doliner

Musical & Oper

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